Rezension: Untergrund

Es war im Winter 2013 als die Redaktion der Fanzeitschrift „Cthulhus Ruf“ in Zusammenarbeit mit der jungen Softwareschmiede Effective Evolutions zu einem Abenteuerwettbewerb aufrief, der den Oberbegriff „Untergrund“ thematisierte. Im Winter2015 nun präsentieren uns die umtriebigen Eigenverleger die drei Gewinnerabenteuer. Wie gelungen ist die Zusammenstellung geworden?

Rezension - UntergrundDrei Szenarien sind es an der Zahl, die im vorliegenden Softcoverband versammelt sind. Sie alle haben Gemeinsamkeiten: Sie sind für „Cthulhu NOW“ gedacht, bringen vorgefertigte Charaktere mit und stellen eher psychologische Extremsituationen in den Mittelpunkt vor tentakelschwingende Große Alte. Bevor ich die einzelnen Szenarien kurz vorstelle, sei mir die obligatorische Spoilerwarnung erlaubt: Die Besprechung von Abenteuerszenarien vermag oft kaum komplett spoilerfrei daherzukommen. Interessierten Spielern sei also dazu geraten, direkt zum Fazit vorzuspringen.

Eröffnet wird der „Untergrund“-Band P. Auras „Charlies Game“. Die Charaktere verschlägt es als Teil der Mannschaft einer Ölbohrinsel auf eben jene. In den nächsten Tagen häufen sich Un- und Zufälle, bis schließlich die ersten Selbstmorde auftreten. Schnell wird den Charakteren klar, dass etwas an Bord der Bohrinsel nicht stimmt – doch wer steckt hinter all den Unannehmlichkeiten, und – viel wichtiger – wie kann er aufgehalten werden? Auch, wenn eine der finsteren, cthuloiden Wesenheiten im Hintergrund die Fäden spinnt, so ist es doch die Psyche der Charaktere und der übrigen Besatzungsmitglieder, die „Charlies Game“ zu einem wahren Horrortrip werden lassen. Ungewöhnlich und kreativ und damit ein hervorragender Einstieg in den Band.

Es folgt „Die Schlucht“ von Max Becker und Adrian Hamm. Nach einem furchtbaren Autounfall erwachen die Charaktere am Boden eines Canyons, den sie ohne weiteres nicht mehr verlassen können. Die Sonne brennt, die Geier kreisen – und was hat es mit diesem gigantischen, schwarzen Obelisken auf sich…? Dieses Szenario stellt gleich mehrere besondere Herausforderungen an die Spieler – von denen es im übrigen zwei an der Zahl sein sollten. Welche, das möchte ich an dieser Stelle nicht verraten. Doch ich kann sagen, dass auch hier das eine oder andere tentakelschwingende, cthuloide Ungetüm seinen Auftritt hat aber auch hier nur einen Schatten des Horrors erzeugen kann, den das Zusammenspiel der Charaktere ermöglicht. Mir persönlich sind beide Rollen eine Spur zu hart, allerdings streiten wir an dieser Stelle schon über Geschmack.

Abgerundet wird der „Untergrund“-Band schlussendlich mit dem Siegerabenteuer „Surok B-11“ von Stefan Eberhard und Gerald Siegel. Die Charaktere sind Teil einer Spezialeinheit, die im Auftrag eines russischen Minenunternehmens eine alte, stillgelegte Mine auf vergessene Rohstoffe hin untersuchen sollen. Inmitten der sibirischen Steppe muss die Gruppe bald feststellen, dass der Ort gar nicht so unbewohnt ist wie angenommen. Einmal in der Mine angekommen, werden die Probleme der Gruppe nur noch größer… Auch „Surok B-11“ weist einen besonderen Twist auf, den ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Im direkten Vergleich zu den beiden anderen Szenarien ist die psychologische Komponente weniger ausgeprägt und der zu besiegende Gegner auf seine Art präsenter – doch das ändert nichts daran, dass den Autoren mit „Surok B-11“ ein beklemmendes Kammerspiel mit Schockeffekten und besonderem Twist gelungen ist, für das ich nur eine gute Note vergeben kann.

Die optische Aufbereitung ist – für cthuloide Verhältnisse ganz ungewohnt – sehr schlicht. Großformatige, symbolhafte Zeichnungen leiten die einzelnen Abenteuer ein und stellen zugleich die einzigen innenliegenden Illustrationen dar. Auch die Layouts sind gewollt schlichter präsentiert, als wir es auch bei „Cthulhus Ruf“ bisher gesehen haben. Die einzelnen Kapitel und Anhänge sind in gut unterscheidbare Textkästen gesetzt, was das vorbereiten und wiederfinden wichtiger Passagen deutlich vereinfacht gegenüber einem einfachen Fließtext. Für die Aufarbeitung gibt es damit auch ein Lob. Über die wenigen Rechtschreib- und Layoutfehler kann man da getrost hinwegsehen.

Fazit: „Untergrund“ ist nichts für sanfte Gemüter, die sich mit wohlig-gruseligen cthulhu-typischen Detektivgeschichten noch wohlfühlen mögen. Hier werden die Extreme der menschlichen Psyche in den Vordergrund gerückt und es gibt grausige Dinge in den Szenarien zu entdecken. Damit ist „Untergrund“ sicher nichts für jedermann, doch das ändert nichts an der hervorragenden Qualität der drei vorliegenden Szenarien. Wer sich auf psychologische Kammerspiele einlassen mag, sollte hier auf jeden Fall zugreifen!

Rezension: Arcana Cthulhiana

Aus der Reihe “cthulhu.de-Bestseller”
Erstveröffentlichung: 5. Februar 2007
Autor: Ingo Schulze

cthulhu de stempel bestsellerNanu? Eine “Fremdrezension” auf meinem Blog? Nun, den Worten von Ingo habe ich wenig hinzuzufügen :-)

Arcana Cthulhiana widmet sich, wie der Titel schon vermuten läßt, den arkanen Künsten im Cthulhu-Universum. Auf 240 Seiten wird das Thema Magie behandelt, davon mehr als die Hälfte dienen dabei als Grimoire des Mythos: ein Sammelsurium von Zaubersprüchen aus den verschiedensten Quellen. Der Rest des Bandes bietet dann ein Überblick über historische magische Praktiken, dem Anwenden cthuluider Magie und dessen Auswirkungen. Schließlich kann im Cthulhu-Universum jeder zaubern, zumindest theoretisch. Denn letztlich opfert man seine geistige Stabilität, seine Seele oder noch ganz andere Dinge, um Magie zu vollbringen.

Cthulhu_Arcana_Cthulhiana_Hardcover_9783937826424Das ganze Buch ist in großen Teilen ingame aufbereitet, alles beginnt mit den mehrteiligen Bekenntnissen des Wingate Peaslee, der sich Ende der 1970er auf die Spur seines Vaters macht und dies schriftlich dokumentiert. Und beim Nachrecherchieren entdeckt er verschiedene Schriftwechsel oder Literaturempfehlungen, die er dann in seinen Aufzeichnungen, seinem “Arcana Cthuliana” sammelt. Kurzum: viel Fluff (atmospärisches Material), wenig Crunch (Regelmaterial) neben den Zaubern. So gestaltet sich “Magie und Schamanismus in der Geschichte der Völker” als reger Briefwechsel zwischen drei Professoren und dem Dekan der Universität Berlin. Professor Walden, der aus dem Fernen Osten berichtet, ist sicherlich dem ein oder anderen noch als NSC aus dem Abenteuerband Chaugnar Faugns Fluch bekannt. Prof. Hagedorn von der Uni Münster schreibt hingegen von Afrika und dem Orient, bis er auf den Folianten eines gewissen Abu al’Hassans stößt, denn er am morgigen Tage aufsuchen will. Seitdem gilt er übrigens als verschollen… Der unkonventionelle Dr. Ahlstedt hingegen ist auf Europa konzentriert und versucht gemeinsame magische Traditionen nachzuweisen.

Insgesamt macht dieser Stil einfach Spaß beim Lesen. Natürlich erhält man nicht kompakte Informationen auf einen Blick, sondern mehr oder minder blumige Beschreibungen, welchen aber auch einen großen Raum für eigene Ideen läßt und diese auch anregt. Kleine Feinheiten, wie Anspielungen auf die Kollegen oder kurze Episoden aus dem Privatleben, lockern das ganze auf und geben dem ganzen einen realen Anstrich. Wenn sich die Spielercharaktere also irgendwann mal an Nachforschungen zu einem der Themen machen, kann man ihnen einen Batzen Briefe in die Hand drücken.

Nachdem auch noch Kabbala, Voodoo, mittelalterliche Alchemie und magische Orte und Paraphernalia in ähnlicher Weise abgearbeitet wurden folgt das Grimoire. Natürlich während Wingate Peaslee weiter auf der Spur seines Vaters bleibt und mehr und mehr in das Thema Magie eintaucht – und selbst zum Spielball der Geschichte wird. Mit “Ein Grimoire des Mythos” folgen dann die Aufzeichnungen von Peaslees über alle Sprüche, die er dabei kennengelernt hat. Naja, genau genommen wäre er wohl fünfmal wahnsinnig geworden, hätte er diese alle tatsächlich aus den verschiedenen Werken gesammelt, die als Quelle angegeben sind. Das Grimoire ist bewußt nicht der Versuch, jeden Zauber aus allen erdenklichen Quellen festzuhalten, dazu gibt es zu viele Zauber aus Fanabenteuern, unbalancierte Zauber oder solche, die speziell auf ein Abenteuer zugeschnitten sind. So wundert es dann auch nicht, dass ein Großteil der Zauber aus dem Spielleiter-Handbuch oder dem Necronomicon stammen. Für ersteres wurden ja nach einem ähnlichen Prinzip die Zaubern gesammelt. Dafür erhält man eine ausführliche Beschreibungen und einige wenige neue Zauber.

Zum Abschluß gibt es freizügige Tipps, wie man Zauber entwickeln kann – allerdings keine festen Regeln sondern nur Richtlinien. Mit “Es geschah am Potsdamer Platz” gibt es ein Beispielabenteuer, nur anhand von Handouts geschildert, welches um einen Zauber konzipiert ist. Aufmachung und Layout sind cthulhutypisch gelungen, stimmungsvoll unterlegte Bilder, reichlich Handouts, Hardcover mit Einband, das ganze zum Preis von 30 Euro bei 240 Seiten – vorausgesetzt man kann etwas mit dem Inhalt anfangen, dann stimmt hier alles.

Fazit: Wer nüchterne Regeln und sachliche Kurzbeschreibungen sucht, der ist hier falsch. Wer hingegen gut recherchierte, mit viel Fluff ausgestattete Texte mag, für den ist dies ein weiterer Meilenstein. Wer als Spielleiter gerne magielastige Abenteuer schreibt, findet hier zudem viel Inspiration und reichlich Sprüche.

Edition 7 – Ein kritischer Blick

Hallo zusammen,

in den vergangenen Wochen fanden sich auf diesem Blog Rezensionen zu diversen Produkten, die für die neue CTHULHU-Edition – die “Edition 7” – erschienen sind. Nun ist so eine Neueinführung einer Edition oft mehr als die “Summe ihrer Teile”, so dass ich mir nun einen kritischen Blick auf die bisherige Produktpolitik um Edition 7 erlaube. Und dabei liegt – in meinen Augen – einiges im Argen.

Ich habe versucht, dieses Thema in mehreren Foren anzudiskutieren. Doch ich stelle fest, dass ich mich in einem Forenbeitrag, der normalerweise kürzer ausfällt, nicht recht verständlich machen kann. Oder – und das ist sicherlich auch eine Alternative – ich stehe mit meiner Meinung schlicht alleine dar :-).

Disclaimer
Wer meinen Blog bislang verfolgt hat, dem wird sicher aufgefallen sein, wie positiv ich CoC und auch vielen Produkten gegenüberstehe. Ich bin zwar stets bemüht, in meine Rezensionen auch kritikwürdige Punkte anzusprechen, doch tatsächlich verzeihe ich diesem System wohl mehr, als allen anderen. Dennoch wird der folgende Text nicht wirklich freundlich. Ich bin einfach sehr gespannt auf Eure Meinungen dazu und freue mich auf eine rege Diskussion!

Welche Probleme tun sich in meinen Augen auf?

Edition 7

Ein Blick auf das neue Kernregelwerk verrät bereits, dass sich einiges geändert hat. Es ist vollfarbig, es ist mit Zeichnungen und Farbfotographien bebildert und es ist neu strukturiert. Ein zweiter Blick schlußendlich verrät, dass die Änderungen an Cthulhu deutlich über die technischen Regeländerungen hinausgehen. Was meine ich damit?

Eine Frage der Technik
Die technischen Regeländerungen lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Attribute werden nun ebenfalls wie die Fertigkeiten als 100%er-Werte dargestellt. Da bislang Proben auf Attribute durch Multiplikatoren ermöglicht wurden, ist das sicherlich ein echter Fortschritt, nimmt das doch Rechenarbeit vom Spieltisch. Proben können nun vom Regelwerk vorgeschrieben drei Schwierigkeitsgrade haben – ein Umstand, der in Deutschland ohnehin immer stillschweigend vorgeschrieben war, auch wenn sich die Grade nun geändert haben – und Proben können nun “forciert”, d. h. wiederholt werden, wenn es die Umstände erlauben und der Spieler bereit ist, sich im Falle eines weiteren Scheiterns auf schlimme Konsequenzen einzulassen. Ein paar Verschlankungen im Nahkampf hier, ein paar Vereinfachungen bei der Geistigen Stabilität dort – fertig. Das war es.

So steht es geschrieben, und genauso wurde es auch im Vorfeld von allen Beteiligten kommuniziert. Drüben auf Chaotisch-Neutral gibt es eine Regelzusammenfassung, die genau diese Punkte andeutet. Als sich irgendwann auch das Team rund um das deutsche Cthulhu bemühte, endlich Informationen über den Werdegang der Edition 7 kundzutun, war auch hier über weitergehendes nichts zu lesen. Ein kleiner Seitenhieb: die Information für uns Kunden bestand in einem ellenlangen, unübersichtlichen Forenthread, in dem ständig geschrieben wurde ob irgendein Lektor oder irgendein Grafiker jetzt irgendwelche Tätigkeiten vollbracht hat oder nicht. Das war weder spannend noch informativ, verwischte aber gekonnt die wirklich wichtigen Informationen. Brach doch ein Informationsbröckchen über die inhaltlichen Änderungen durch, wurde er mit “wartet auf das Buch” gleich weggewischt. Zu diesem Zeitpunkt fand ich das amüsant, aber irgendwie auch egal. Was sollte mit Cthulhu schon passieren?

Disclaimer 2
Eine ganz, ganz wichtige Sache an dieser Stelle: ich möchte die Änderungen, die sich für Cthulhu auf dem Papier nun ergeben NICHT bewerten. Dies ist kein persönlicher Rant – ich möchte nicht sagen, die Bilder gefielen mir nicht oder vorher besser oder die Ausrichtung des Spiels wäre jetzt falsch. Ich habe allerdings in verschiedenen Foren bisher die Erfahrung gemacht, dass ich meine inhaltliche Meinung über die Edition 7 nur unzureichend darlegen kann, weswegen ich nun auf einen langen Blogeintrag ausweiche.

…Änderungen darüber hinaus!
Einiges sollte passieren. Zumindestens laut Grundregelwerk. Denn es ergeben sich durch die neue Edition einige Einschnitte und Änderungen am Spieltisch und für den Leser, die sich nicht auf die wenigen technischen Änderungen zurückführen lassen:

Player Empowerment
Spieler können Würfe nicht einfach wiederholen. Sie dürfen sogar das Ergebnis eines Erfolges beschreiben. Sie schaffen während der Charaktererschaffung wichtige Fakten in der Spielwelt wie Bezugspersonen oder besonderen Besitz. Vorwärtsscheitern, wie es modernere Systeme praktizieren hält auch hier Einzug. Selbst den alten “Glückswert” kann man nun optional als Schicksalspunkte verwenden um Proben zu modifizieren! All das ist eine wesentlich wichtigere Neuerung als “Die Attribute sind nun %-Werte”. Warum wurde darüber nicht im Vorfeld viel mehr gesprochen? Das sind doch Änderungen, die das System moderner, spielergerechter und schlußendlich auch ganz anders machen!

Fokus und Thema
Auf den großformatigen Illustrationen türmen sich Tentakelberge in den Nachthimmel. Kultisten drehen sich in finstren Reigen, tapfere Investigatoren jagen pistolenschwingend dazwischen. Aus einem heranrasenden Auto knattert Maschinengewehrfeuer. Wer denkt dabei an Cthulhu? Ich bislang nicht, doch nun ist es das Spiel, das hier präsentiert wird. Cthulhu wird in der Edition 7 pulpiger präsentiert und auch die vielen bunten Beispiele bei den Regeln drehen sich um Verfolgungen, Kämpfe, dunkle Kultisten… Cthulhu hat in Deutschland lange darum gekämpft, den Fokus wegzubewegen vom “Monster der Woche” und/oder vom “Kult der Woche”. Die Cthulhu-Matrix sollte durchbrochen werden, nicht jedes Abenteuer im Kern ähnlich sein. In Amerika war das – sofern ich es verfolgt habe – nie in diesem Maße Thema. Und nun ist dieser 80er-Jahre-Charme auch wieder zurück in Deutschland. Noch einmal: ich möchte nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Doch es ist auf jeden Fall erst einmal anders. Und wieder stelle ich mir die Frage: warum wurde darüber nicht gesprochen?

Herangehensweise an den Mythos und Optik
Der Mythos wurde in Deutschland stets indirekt dargestellt. Kaum eine Illustration zeigte einmal WIRKLICH ein Monster. Mythosmonster sind unbeschreiblich, unnahbar, vom menschlichen Auge und Geist nicht zu fassen. Wie verträgt sich das mit einer Zeichnung? Nun, die Macher der neuen Edition haben diesen Grundsatz im Vorbeigehen über den Haufen geworfen. Tentakelberge wohin das Auge blickt und auch das Monsterkapitel ist mit den amerikanischen Illustrationen versehen. Das unterstützt den pulpigeren Stil des neuen Systems, doch – mein Kopf beginnt langsam zu schmerzen – warum wurde eine jahrzehntealte Doktrin im Vorbeigehen über Bord geworfen? Gleiches gilt für die authentische Bebilderung der Texte mit alten Photographien. Wo sind sie hin? Ein letztes Mal: das soll nicht heißen “die neuen Bilder gefallen mir nicht”. Ich frage mich nur, warum die alte Vorgehensweise einfach gekippt wurde, war doch die Optik der Bände bisher kaum ein negativer Kritikpunkt am Deutschen Cthulhu.

Deutscher Eigenanteil
Bisher waren die Deutschen Cthulhu-Publikationen etwas völlig anderes, als die amerikanischen. Nun erscheint plötzlich ein Regelwerk, dass wie eine Kopie des Originals anmutet. Wenn man der Meinung war, einen anderen Weg gehen zu wollen um dem Produkt neues Leben einzuhauchen – schön. Aber warum wurde auch das eher im Vorbeigehen gemacht? Und falls man nicht dieser Meinung war – warum wurden deutsche Erfindungen wie die Janus-Gesellschaft nicht im Investigatoren-Kompendium integriert? Warum nicht die hervorragenden SL-Tipps der alten Bände im Spielleiterkapitel?

Produktportfolio
Bislang erschienen die beiden Grundregelwerke sowie drei Abenteuerbände, die als Einsteigerbände in die Edition 7 konzipiert waren. Ein genauer Blick auf die drei Abenteuerbände lassen aber deutliche Mängel zutage treten:

In allen Bänden finden sich Abenteuer aus den alten, längst vergriffenen Ausgaben des Magazins “Cthuloide Welten” wieder. Und soll ich euch etwas verraten? Viele der Abenteuer sind gut. Sie sind teils unhandlich aufbereitet, teils wenig innovativ und teils auch sicherlich NICHTS für Einsteiger (wie ich bereits rezensierte), aber das macht die Abenteuer nicht schlecht. Aber: sie passen überhaupt nicht zu dem Spiel, dass in der Edition 7 beschrieben. Die Edition 7 sagt in Wort und Bild: “fange den Kultisten, erschieße die Monster, rette die Welt”. Die alten Abenteuer sagen das eben nicht, sondern sie sagen das, was Cthulhu in Deutschland in all den vergangenen Jahren gesagt hat: “War da nicht eben ein Geräusch? Ich habe die Taschenlampe fallenlassen…”

Noch einmal: Die Abenteuer sind nicht schlecht. Sie passen nur nicht zu dem Spiel, dass uns im Grundregelwerk dargeboten wird. Und darum frage ich mich, warum hier keine einheitliche Linie – entweder in die eine, oder in die andere Richtung – gefahren wird?

Meine Kritik
Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen, denn die Kritik ist heftig genug. Ich halte die bisherige Produktpolitik und insbesondere auch die Informationspolitik um Edition 7 für ein Desaster.

1. Warum wurden die wirklich wichtigen Änderungen der neuen Edition nicht besser im Vorfeld kommuniziert? Wenn die Redaktion von den Änderungen überzeugt war, hätte sie sie doch als Appetitanreger einsetzen können? Wenn sie nicht überzeugt war, warum hat man sich nicht die Zeit genommen, ein deutsches Cthulhu zu entwerfen, wie in den letzten Jahren? Wenn es der Redaktion schlicht nicht aufgefallen ist, das sich über den Probenmechanismus hinaus so vieles tut, sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?
2. Warum wurde nicht darauf geachtet, ein rundes Bild im ersten Produktportfolio zu zeigen? Mussten die ersten Abenteuerbände wirklich mit altem CW-Material gefüllt werden, oder lag es nur daran, dass das Material günstig war? Die Bände passen zur Edition 7 so gut wie ein Dungeon Crawl zu “Das Schwarze Auge”. Beides irgendwie Fantasy, ja – mehr aber auch nicht. Bin ich der Einzige, der so darüber denkt oder geht es auch anderen so? Falls ja – sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?
3. Lt. Ankündigung wird in den nächsten Bänden verstärkt auf authentische Photographien gesetzt. Warum? Warum hat man dann für das Grundregelwerk diese jahrzehntealte Doktrin ausgesetzt? War es wirklich so viel billiger und einfacher, die Grafiken des Lizenzgebers einzusetzen? Und hat sich wirklich niemand Gedanken um die optische Wirkung eines Rollenspielbuches gemacht? Falls nicht – sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?

Alles in allem vermisse ich in der neuen Edition 7 bislang eines: eine Linie im Produktportfolio. Bisher wurde entweder rasch übersetzt oder rasch zusammenkopiert. Ich hoffe ehrlich, dass sich das noch fängt. Und dabei ist es mir wirklich egal, in welche Richtung, doch ich wünsche mir einfach ein rundes Bild für Cthulhu. Oder sehe ich das alles zu kritisch?

Ein letztes Mal: ich möchte nicht darüber sprechen, ob mir die neue Ausrichtung oder die neue Bebilderung gefallen. Aber ich bin interessiert an Euren Meinungen, welche Auswirkungen die Edition 7 über den reinen technischen Teil hinaus haben wird.

RPG-Blog-O-Quest Januar 2016: RÜCKBLICK

rpg-blog-o-quest_logo3Wieder ein Monat vergangen, und damit Zeit für die nächste Blogaktion: die von Greifenklaue und Würfelheld ins Leben gerufene “RPG-Blog-O-Quest”.
An jedem Monatsersten stellt, in abwechselnder Reihenfolgen, Würfelheld oder Greifenklaue dem Rollenspielvolk fünf Fragen, welche auf Blogs, in Podcast, in Vlogs oder in Foren beantwortet werden wollen. Dann hat man den Monat über Zeit, um die Fragen zu beantworten.

Widmen wir uns doch gleich in voller Frische den Januarthemen – auch und obwohl ich auf diesen Seiten schon einen persönlichen Jahresrückblick geschrieben hatte:

1. Eine Runde, die mir von 2015 im Gedächtnis bleiben wird, war _________________ , weil ___________________.
Eine Runde, die mir von 2015 im Gedächtnis bleiben wird, war unser Tag im Angesicht eines grausamen Kosmos, weil es schlicht meine einzige Gelegenheit zum Rollenspielen im vergangenen Jahr war. Natürlich aber auch, weil es ein großartiges Event mit vielen tollen Spielszenen war.

2. 2015 hab ich ________________ für mich entdeckt, weil _________________________.
2015 hab ich die Fantasy für mich (wieder)entdeckt, weil ich die Gelegenheit hatte, mit “13th Age” und “Aborea” gleich zwei in meinen Augen wirklich interessante Vertreter des Genres durchzuarbeiten. Das wird in diesem Jahr – hoffentlich – Folgen haben, denn ich plane eine Einsteigerrunde mit Aborea und feile an einer kleinen Piratenkampagne für 13th Age, die ich dann mit meiner festen Gruppe spielen möchte.

3. Welches war das Buch / der Film / der Comic, wo Du im letzten Jahr am meisten fürs Rollenspiel rausgezogen hast?
Uhm. Da fällt mir nichts zu ein. Wahrscheinlich war es wohl der Dungeon Masters Guide für DnD5, da er wirklich viele inspirierende Tabellen bietet, aber das ist ja auch ein Rollenspielbuch… zählt das?

4. Welches war Dein meistgespieltes Rollenspiel in 2015?
Call of Cthulhu, 6. Edition.

5. Ist Dir 2015 ein SC verstorben … oder alternativ: Welches war das dramatischste Nahtodereignis (im Rollenspiel) im letzten Jahr?
Nein, ich habe nur geleitet. Allerdings habe ich einige spektakuläre SC-Tode verantwortet :-)

Bonusfrage: Ich würde mir wünschen, dass sich eine der nächsten Blog-O-Quest um _______ drehen würde, weil _________________. (Zum Jahresauftakt doch eine gute Gelegenheit zu fragen, worauf ihr Bock habt!)
Ich würde mir wünschen, dass sich eine der nächsten Blog-O-Quest um Mini-Kampagnen drehen würde, weil ich eben derartiges in naher Zukunft umzusetzen gedenke und ich sicherlich Denkanstöße gebrauchen kann. Die Antwort ist also absolut uneigennützig :-).

Ein Tag im Angesicht eines grausamen Kosmos Vol. 2

Hallo zusammen,

und ein frohes, gesundes Neues Jahr 2016 Euch allen! Ich hoffe, Ihr seid gut rübergekommen :-).

Ein Tag Angesicht eines grausamen Kosmos vol 2 - FLYERPünktlich zum Jahreswechsel fand im Keller des “Casa Seanchui” eine Neuauflage unseres Cthulhu-Rollenspieltags statt, den wir im vergangenen August zelebrierten. Dieses Mal hatte ich zwei OneShots vorbereitet und der Tag stand unter dem Thema: “Wer eine Reise tut, der kann viel erleben”. Ich hatte mich entsprechend für zwei Reiseabenteuer entschieden. Den diesmaligen Flyer sehr ihr nebenstehend (ich kann einfach nicht anders…). Und natürlich ACHTUNG: die nun folgenden Spielberichte enthalten zahllose Spoiler!

Totholz
Als erstes nahmen wir uns Totholz vor, dass es mittlerweile gratis bei DriveThru zu finden gibt.

Das Abenteuer kommt mit fünf vorgefertigten Charakteren daher, von denen wir auch gleich die vier männlichen nutzten. Die Charaktere kannten sich vor dem Start in das Abenteuer locker vorher, und so waren sich alle bewußt, dass sie auf der Suche nach vermissten Personen waren.

Ich startete das Szenario planmäßig mit der unplanmäßigen Weggabelung. Erste Verwirrung machte sich breit, die sich nach den ersten Wiederholungen noch steigern sollte. Einer der SC kam auf die schlaue Idee, das Wegschild zu markieren und mußte dann feststellen, dass sie tatsächlich immer an der gleichen Stelle vorbeikamen. Als nächstes traf man auf das Automobil des vermissten Arztes, untersuchte es, nahm alles wertvolle mit und fuhr weiter. Ich streute nun erste Halluzinationen ein (der Musiker Jim Robinson sah seine vermisste Verlobte, ging jedoch nicht weiter auf die Szene ein) und ließ die Gruppe dann auf Corben Cormac treffen. Die Szene, wie er den Bus betrat, war bühnenreif und echtes Unbehagen machte sich breit. Corben wurde recht schnell gewahr, wer Linkshänder in der Gruppe war (Jim) und lehnte sich entspannt zurück.

Als nächstes traf es den Busfahrer. Der Krötenspur folgten meine SC jedoch aus Vorsorge nicht. Man übernahm den Bus, woraufhin ich weitere Halluzinationen einstreute. Dr. Wade sah seinen vermissten Jagdkollegen, hielt den Bus an und stürmte in den Wald. Als er jedoch des Schattens des Hetzenden Schreckens gewahr wurde, wurde wieder Fahrt aufgenommen… an der nächsten Weggabelung tat sich dann auch die Hexenhütte vor den SC auf, doch wieder obsiegte Vorsicht über Neugier. Selbst, als Corben ausstieg und die SC zum mitkommen aufforderte, blieben die vier lieber im Bus.

Ich erhöhte also den Druck und ließ den Hetzenden Schrecken auf der Weiterfahrt erstmals den Bus attackieren. Der Bus wurde übel zugerichtet und kam schlitternd an einem Baumstamm zum Stehen – just an der Weggabelung, wo sich wieder die Hexenhütte befand. Hier fand sich auch der Wagen des Doktors wieder, der nun auf Fahrtüchtigkeit geprüft wurde. Zwei der SC wagten sich nun in das Innere der Hütte und fanden schließlich auch Hexenbuch und Hinweis. Corben fing die beiden in der Hütte ab und unterbreitete ihnen seinen Pakt. Die beiden SC, die draußen warteten, war die Sache jedoch nicht geheuer und sie zündeten die Hütte kurzerhand an. Corben (der bald darauf niedergeschossen wurde) und die beiden SC flüchteten. Nachdem man sich neben der brennenden Hütte besprochen hatte, entschied sich meine Gruppe dafür, den Hinweis zu behalten und das Buch dann den Flammen zu überantworten… ein übler Fehler, denn nun brannte der ganze Hexenwald nieder.

Es schloß sich eine halsbrecherische Flucht an – ringsum brannten die Bäume, der Hetzende Schrecken griff erneut an und alles hing an den Fahrkünsten des Taxifahrers. Es war denkbar knapp, als die Gruppe das letzte Mal die richtige Richtung nahm und so dem Hexenwald entkam…

Die Nettospielzeit betrug bei uns ungefähr 2,5 Stunden.

Pro:
+ Durch die Schleife im Abenteuer läßt sich das Tempo sehr gut an die Gruppe anpassen
+ Grandiose Szenen (Corben besteigt den Bus, die Unterredung in der Hexenhütte)

Contra:
– Nur ein echter Hinweis, um das Rätsel zu lösen – und den hätten meine SC eigentlich nicht haben wollen, weil sie zuviel Angst vor der Hütte hatten. Sicher, es ist ein sehr kurzes Abenteuer, da wäre mehr vielleicht zuviel gewesen. Aber so ist es fast ein Nadelöhr geworden, durch das meine Gruppe nicht passte
– Enorme Tödlichkeit! Wirklich. Hätte ich mich an alle Vorschläge im Szenario gehalten, wäre die Flucht aus dem Hexenwald nach zwei Metern zu Ende gewesen. Da ich bei unserem letzten Treffen aber schon einen TPK hatte, war ich diesmal sehr gnädig und hemdsärmelig mit den Effekten des brennenden Buches. Nichts für zarte Gemüter!

Fazit: Mir hat es wirklich Spaß gemacht und auch das Feedback der Gruppe war positiv. Aber man muss schon Spaß an Schleifen-Abenteuern haben, denke ich, sonst fühlt man sich als Spieler vielleicht gegängelt.

Der Nachtexpress
Als zweites nahmen wir uns Der Nachtexpress vor, dass es mittlerweile gratis bei DriveThru zu finden gibt.

Da ich den Nachtexpress als OneShot anlegen wollte, verwendete ich vorgefertigte SC aus einem anderen Abenteuer (dem von mir verfassten “Vater der Dunkelheiten”), doch das tat dem Szenario letztendlich keinen Abbruch. Das Szenario verlief tatsächlich exakt so, wie vom Autoren geplant. Die SC haben allerdings auch recht wenig Möglichkeiten, abzuweichen: Beim gemeinsamen Abendessen lernte man sich etwas besser kennen. Ich führte auch gleich recht aufdringlich den Freiherr Richtenberg ein. Die übrigen Mitreisenden wurden von den SC allerdings ignoriert. Schließlich kam es zum Streit zwischen Dahm und Rachmanik, Dahm erklärte alle Hintergründe und spendierte den übrigen Fahrgästen einen Drink. In der Nacht kam es zum Aufspiel des jungen Pianisten, woraufhin ihm einer meiner SC im Handgemenge mit Richtenberg, dem Pianisten und sich selbst die Nase brach; Blut tropfte auf die Blätter…

Man begab sich wieder zur Ruhe, so dass Dahm sein irres Werk vollenden konnte. Der Mahlstrom gen Carcosa öffnete sich und die Byakhee begannen ihren Angriff. Zugbegleiter Beust starb planmäßig als erster, so dass den SC die Dringlichkeit der Lage bewußt wurde. Dahm versuchte den Verdacht auf Rachmanik zu lenken, jedoch äußerst erfolglos, woraufhin er den zweiten Zugbegleiter als Geisel nahm, um zu flüchten. Der Mahlstrom war nun bedrohlich nahe, der erste Byakhee wurde niedergeschossen, doch Nummer zwei und drei erhöhten alsbald den Druck. Schließlich warfen die SC die verfluchten Blätter aus dem Zug, nur um festzustellen, dass das den Byakhee nicht reichte. Sie ergriffen Dahm – der keine Hilfe von den SC zu erwarten hatte – und verschwanden. Ende.

Das Szenario war bei uns nach ca. 2,5 Stunden Nettospielzeit beendet.

Pro:
+ Der Pianist Rachmanik ist eine schöne, falsche Fährte. Meine SC folgten ihr nicht zu lange, genau richtig so.
+ Rund um den Angriff der Byakhee lassen sich schöne, klaustrophobische Szenen bauen

Contra:
– Die Handlung verläuft echt total auf Schienen. Mir fällt keine Stelle ein, an der die SC irgendwie hätten abweichen können.

Fazit: Ein nettes Abenteuerchen, insbesondere, wenn man vielleicht etwas mehr zu Carcosa und/oder Erich Zann plant, da hier diese Motive schön eingeführt werden. Viele der in anderen Spielberichten aufgetauchten Probleme (z. B. der Sprechverkehr mit der Lok oder die eher unrealistischen Bodenpläne der Waggons) sind bei meiner Gruppe auch nicht aufgetaucht. Das Feedback war durchaus positiv, insofern – wohl alles richtig gemacht :-).

Gesamtfazit: Wieder ein schöner Abend mit spannenden Abenteuern!

Zwischen den Jahren… Version 2015

Und wieder haben wir ein Weihnachtsfest hinter uns gebracht – ich hoffe, es war für Euch alle eine schöne Zeit! Nun sind wir wieder in der namenlosen Zeit „zwischen den Jahren“ – Zeit, ein wenig innezuhalten, Vergangenes zu analysieren und Pläne für die Zukunft zu fassen. Seit einigen Jahren nutze ich diese Gelegenheit, um Euch hier auf diesem Blog an Erledigtem, Versäumten und Geplantem teilhaben zu lassen. Außerdem möchte ich wie immer ein wenig die Inhalte meines Blogs mit meinen Plänen des letzten Jahres abgleichen, was immer wieder spannend ist. Tatsächlich nutze ich selbst inzwischen diese Vor- und Rückschau ganz gerne, um mir meine Ziele ab und zu vor Augen zu halten :-).

Fakten

Als erstes präsentiere ich Euch ein paar Fakten zu diesem kleinen Cthulhu-Blog:

  • Über 15.000 Leser fanden im gerade vergehenden Jahr den Weg auf diesen Blog. Damit konnte ich die Besucherzahlen im Vergleich zum sehr erfolgreichen Jahr 2014 nahezu konstant halten, was mich sehr freut – Insbesondere, weil es von meiner Seite streckenweise eher wenig zu lesen gab. Doch dazu später mehr, ich hoffe einfach, dass ihr mir als Leser gewogen bleibt :-).
  • Insgesamt verfasste ich 58 Einträge im vergangenen Jahr – diesen Beitrag hier gleich mit eingerechnet. Auch die Taktfrequenz liegt damit unter dem Vorjahr. Allerdings bin ich immer froh, wenn ich durchschnittlich einen Eintrag in der Woche schaffe – das ist damit wohl wieder gelungen, insofern bin ich ganz zufrieden.
  • 13 Rezensionen wurden dabei von mir verfasst. Dazu kommen allerdings einige spartenfremde Rezensionen für den Ringboten. Auch die schlichte Anzahl verfasster Rezensionen ist damit rückläufig, aber wie auch schon im vergangenen Jahr mag ich das am ehesten darauf zurückführen, dass ich viele „Altlasten“ bereits „abrezensiert“ habe und mich eher auf aktuelle Publikationen stürze. Immerhin ist hier ein Feedback auch irgendwie wertvoller und eher erwartet.
  • Außerdem fand sich auch in diesem Jahr wieder neues Spielmaterial auf meinem Blog ein, wenn auch deutlich weniger als in den vergangenen Jahren: aus meiner Feder waren es eigentlich nur die beiden OPC-Beiträge „Weisheit & Wahnsinn“ und „Dagonji“, letzteres später immerhin in einer deutlich erweiterten und verbesserten Version, die es sogar zu Druck-Ehren gebracht hat. Immerhin beteiligt war ich an einem wirklich schönen Projekt, einem kleinen Reiseführer zum Thema „Prag in den 1920ern“, den Löwenanteil der Arbeit hat allerdings Forenuser “Grannus” beigesteuert.
  • Ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte ich meinen anderen Gastbeitrag – das vollwertige Abenteuer „Zeichen und Ruinen“, das Marcus Rosenfeld verfasst hat. Ich bin froh, wieder einen Gastbeitrag präsentieren zu können, zeigt es doch, dass mein Blog auch als Publikationsmedium wahrgenommen wird.
  • A propos Gastbeitrag: Neu eingeführt wurde ja auch die Kategorie „Cthulhu.de Bestseller“. Aus den Archiven des leider entschlafenen Blogs Cthulhu.de habe ich bisher 17 Artikel wieder verfügbar gemacht. Außerdem konnte ich gleich im Januar einen Rundumschlag mit fertigen Abenteuern präsentieren, so dass sich nun nahezu alle alten Cthulhu.de-Abenteuer hier auf diesen Seiten zum Download wiederfinden.
  • Natürlich nicht unerwähnt lassen möchte ich auch meinen kleinen Wettbewerb, den ich im Vorfeld des Erscheinens der siebten Edition ausrief und in dem ich „Cthuloide Klassiker“ suchte, also Abenteuer, die eigentlich ausgelutschte Themen nutzten um sie neu zu interpretieren. Kurz vor Weihnachten konnte ich die fertigen Ergebnisse präsentieren und es gibt einige Dinge, die ich noch einmal für erwähnenswert halte: zunächst die Abenteuer selbst, die toll geworden sind. Die Leistung meiner Jury und Blackdiablos Lektoratsarbeit. Der grandiose Support aus der Community, die noch fleißig Preise gestiftet hat. Und natürlich die tollen Illustrationen, die von Freiwilligen beigesteuert wurden. So wurde aus einer kurzfristigen Aktion eine runde Sache und das Ergebnis kann sich – denke ich – durchaus sehen lassen.

 

Abseits des Blogs hat sich auch einiges getan. Ich habe einige Artikel und Rezensionen für den Ringboten verfassen dürfen, wobei die intensive Beschäftigung mit der neuen DnD-Version und 13th Age wohl die meiste Zeit neben Cthulhu in Anspruch genommen haben. Für die RPC konnte ich mit „Dagonji“ wiederum ein Promo-Abenteuer bei Pegasus platzieren. Einige weitere spielbare Texte aus meiner Feder – allen voran mein für den GRT verfasstes Ringbote-Abenteuer „Der Fluch des Skarabäus“ – lassen sich in den Archiven des Ringboten finden und ich war – ebenfalls für den GRT – an zwei Shots für NIPAJIN beteiligt.

Insgesamt und abschließend muss ich aber sagen: ich bin mit meinem Blog im vergangenen Jahr nicht wirklich zufrieden. Warum? Nun, aufmerksamen Lesern wird es vielleicht nicht entgangen sein, dass sich in meinem Artikelportfolio im vergangenen Jahr hauptsächlich zweitverwertete Ringbotenrezensionen und Cthulhu.de-Bestseller befunden haben. Originär für den Blog entstandenes Material war kaum dabei. Es mangelt mir schlicht an der Zeit, mich so, wie ich es gerne möchte, um den Blog zu kümmern. Die Geburt meines zweiten Filius hat da sein übriges zu beigetragen. Ich kann noch nicht absehen, wann das wieder besser wird. So lange werde ich versuchen müssen, den Blog so gut wie möglich über Wasser zu halten – dank dem Cthulhu.de-Archiv findet sich ja immerhin hin und wieder interessantes Material ein…

Was hätte sein sollen?

Als nächstes möchte ich mich ein wenig mit meinen Planungen vergleichen – in diesem Jahr schneide ich dabei – wie oben angedeutet – außerordentlich schlecht ab :-).

Einen persönlichen Schwerpunkt würde ich gerne auf das Gaslicht-Setting legen. Angefangen bei Rezensionen des verfügbaren Materials über spannende „cthulhu.de-Bestseller“-Artikel bis hin zu eigenem Material. Aber das ist im Moment Wunschdenken, da ich noch andere Themen bearbeiten muß und ich frühestens in der zweiten Jahreshälfte dazu kommen werde.

Tja, das ist noch so gar nichts geworden. Ich habe es bislang nicht einmal geschafft, den Gaslichtband komplett durchzuarbeiten. Aber das habe ich noch auf der Agenda, insbesondere im Cthulhu.de-Archiv findet sich hier viel Spannendes. Gut Ding will vielleicht manchmal einfach Weile haben…

Wenn es dieses Mal alles etwas glatter läuft, wird sich dann endlich auch wieder ein Regionalia-Beitrag hier wiederfinden. *hust, hust*

Ja, dank Grannus tatkräftiger Unterstützung ist hier immerhin der oben bereits erwähnte Reiseführer zu Prag entstanden. Ich fühle aber, dass das Thema damit für mich noch nicht durch ist. Aber es gibt so viel zu tun…

Weitergehen soll es mit meiner unregelmäßigen WildWest-Reihe. Da ich unlängst meinen ersten Katzulhu-Beitrag veröffentlicht habe, und mir die Beschäftigung mit dem Thema echt Spaß gemacht hat – insbesondere das Entwerfen eines katzuloiden Mikrokosmos – könnte ich mir auch vorstellen, hier noch ein bißchen nachzulegen.

Auch diese beiden Ziele habe ich aus den Augen verloren. Es ist schlicht die Zeit, die verhindert hat, dass es hier irgendwie weiterging. Immerhin habe ich einen Bestseller-Artikel zum Thema WildWest ausgegraben, aber das war es dann auch schon. Ich arbeite gerade an einem Einseiter für den laufenden OPC zum Thema WildWest, also geht es hier im nächsten Jahr – vielleicht – wieder ein bisschen weiter.

Wieder bin ich mit der inhaltlichen Mischung meiner Beiträge eigentlich recht zufrieden. Insofern nehme ich mir hier keine großen Ziele vor. Ich würde mich freuen, die Kategorie „Bücher ohne Spielbezug“ wieder mit ein bißchen mehr Leben füllen zu können, aber es gibt so viel zu lesen und so wenig Zeit…

Auch hier – die Mischung war okay, aber zu wenig originäres Material. Auch Lesen abseits von RPG-Material ist wiederum deutlich zu kurz gekommen. Immerhin zwei Kurzgeschichtensammlungs-Rezensionen waren dabei…

Wie in jedem Jahr sind OPC-Beiträge in Arbeit. Natürlich werden sich diese auch hinterher auf meinem Blog wiederfinden. Ob weiteres Spielmaterial folgen wird, muss die verfügbare Freizeit zeigen.

Immerhin das ist erledigt :-).

Geplantes für 2016

Nun möchte ich noch einen kleinen Ausblick auf das geben, was Euch – geplant – im nächsten Jahr hier erwarten soll. Dabei werde ich meine Ziele deutlich kleiner stecken, als in den letzten Jahren, gebrandmarkt durch das vergangene Jahr. Aber ganz ziellos soll es dann hier doch nicht weitergehen.

  • Weiter gehen wird es natürlich mit den „Cthulhu.de-Bestsellern“. Da gibt es noch einiges Material, das der Wiederveröffentlichung harrt. Da neben der Datensichtung und gelegentlichem Format-Eingriff hier keine echte Arbeit meinerseits notwendig ist, wird es damit definitiv weitergehen.
  • Rezensiert wird natürlich weiterhin fleißig. Ich habe da noch ein paar „Cthulhus Ruf“-Artikel, die auf Besprechung harren . Wobei ich mich schon frage, ob jemand mit diesen Rezensionen wirklich etwas „anstellt“, heißt, sie in eine evtl. Kaufentscheidung mit einfließen lässt… vielleicht stelle ich hierzu in naher Zukunft mal ein paar Fragen, denn ich will Euch ja nicht mit Rezensionen langweilen.
  • Über die neue Cthulhu-Edition, die ich vor kurzem fertig rezensiert habe, möchte ich noch etwas mehr schreiben – jetzt, wo sich ein Gesamtbild ergibt. Das wird dann auch mal ein etwas längeres Thema…
  • Wenn es mit den OPC-Beiträgen noch klappt (dieses Jahr bin ich am Weihnachtspreis gescheitert. Die Zeit, die Zeit…), findet Ihr sie nächstes Jahr natürlich auch auf diesen Seiten wieder.
  • Das Thema Gaslicht hat mich gedanklich noch nicht verlassen. Vielleicht komme ich ja im nächsten Jahr dazu… *hust, hust*

Das soll es schon sein? Ja, die Ziele müssen klein bleiben. Denn abseits des Blogs habe ich mir wieder einiges vorgenommen. Ich möchte gerne in den verbliebenen „Cthulhus Ruf“-Ausgaben als Autor geführt werden (mal schauen, ob das wohl klappt…), gerade läuft ein Pegasus-Abenteuerwettbewerb (ein Unding, das ich bisher noch kein Zeichen dafür getippt habe…) und der GRT steht auch bald wieder vor der Tür – gerne würde ich wieder einen Flyer für den Ringboten beisteuern. Bei all diesen Projekten wird es schwer, diesen Blog mit mehr Aufwand zu führen. Aber ich verspreche Euch, ihm treu zu bleiben und auch hier weiter – hoffentlich interessantes – cthuloides Material zu präsentieren.

Bleibt mir an dieser Stelle nur noch, Euch allen einen guten Übergang in das nächste Jahr und viele schaurig-cthuloide-grausige Momente für 2016 zu wünschen. Danke, dass ihr mir im vergangen, blogtechnisch recht schwierigen Jahr die Lesetreue gehalten habt!

Man liest sich

Seanchui

Frohe Weihnachten!

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Und schwupps – da ist sie auch schon wieder vorbei, die Adventszeit. Zeit der Türchen, Kekse, froher Erwartung. Während die Augen meiner Kinder mit jedem Tag heller leuchten steigt meine Vorfreude auf die heutige Bescherung – und ich hoffe aufrichtig, dass es Euch, meinen Lesern, ganz ähnlich geht :-).

Ich wünsche Euch allen frohe Weihnachten, ein paar vergnügliche Stunden unterm Weihnachtsbaum und eine reiche Bescherung!

Als kleinen Bonus gibt es heute noch eine Kurzgeschichte aus meiner Feder. Ich schreibe eigentlich kaum noch Kurzgeschichten, aber diese ist im letzten Jahr dann doch irgendwie auf das virtuelle Papier gekrochen. Vielleicht bringt sie Euch ein wenig vergnügliche Kurzweil beim Warten auf’s CthulhuKind :-):

Coleoptera Mystica

Mit großem Dank an H. P. Lovecraft und F. Heller für die Inspiration.

Lieber Henry!
Sicher wundert es dich, auf diese Art wieder von mir zu hören, schreibe ich diesen Brief doch viele Jahrzehnte, nachdem eine glückliche Fügung unser Kennen lernen während meines Auslandssemesters ermöglichte. Seither war uns Beiden leider nie die Zeit beschieden, einen engeren Kontakt zu pflegen. Dennoch habe ich dich als integren, vertrauenswürdigen und absolut verschwiegenen Freund in Erinnerung, so dass ich dich als Empfänger dieser Zeilen ausgewählt habe. Bitte nehme es einem alten Mann nicht übel, dass ich dir gleich zu Beginn dieses Schreibens ein Versprechen abnötigen muss: Vernichte diesen Brief, gleich nachdem du ihn gelesen hast. Unternehme alle Schritte, die dir als Reaktion auf meine Schilderungen nötig erscheinen. Suche nicht nach mir, alter Freund.

Nachdem das gesagt ist – und ich bin mir sicher, du wirst diese Zeilen nur lesen, nachdem du meinem Wunsch entsprochen hast – will ich ohne große Umschweife zu dem Grund für mein wahrlich absonderliches Verhalten kommen. Sicher erinnerst du dich an mein Studienfach – die Entomologie. Da wir in den Jahren seit unserem gemeinsamen Semester in Neuengland kaum Kontakt zueinander hatten, will ich dir sagen, dass ich mein Studium mit Bestnote abschloss und später einen Doktortitel in meinem besonderen Steckenpferd, der Koleopterologie erhielt. Eine Professorenstelle an der Universität in Freiburg erlaubte mir in den nächsten Jahrzehnten ausreichend finanziellen Spielraum, um anregende Forschungsreisen in exotische Länder aber auch wissenschaftliche Exkursionen direkt vor die eigene Haustür zu unternehmen. Die Welt der Käfer und Insekten ist selbst in unseren heimischen Gefilden nahezu unerforscht und immer wieder stellte ich fest, wie wenig wir eigentlich von diesem faszinierenden Mikrokosmos um uns herum wissen. So waren also die Jahrzehnte bis zu meiner Pensionierung erfüllt von wissenschaftlichem Eifer und aufregenden Entdeckungen.

Der Ruhestand jedoch behagte mir überhaupt nicht, ja, fast setzte er mir mehr zu als alle Strapazen, die ich während meiner Reisen auf mich nehmen musste. Rasch wurde mir bewusst, dass mir die finanzielle Unabhängigkeit, die ich lange genossen hatte, ebenso abhanden gekommen war wie die innere Energie, die mich immer wieder antrieb, neues zu entdecken. Ich fühlte mich ausgebrannt, erschöpft, leer. Während mancher Freund mir den Gang zum Psychologen anriet – ein mir absolut unvorstellbarer Gedanke, wie du sicher weißt – versuchte ich mich am eigenen Schopfe aus den Depressionen zu ziehen. Mit mir selbst unzufrieden, abgeschnitten von der wissenschaftlichen Welt die einst mein Leben war und unglücklich über meine Lebenssituation stürzte ich mich wiederum in die Forschung. Meinem geringen finanziellen Spielraum geschuldet musste dieser Forscherdrang jedoch vorerst in den eigenen vier Wänden ausgelebt werden und ich begann, meine ohnehin recht umfangreiche entomologische Bibliothek zu ergänzen und zu erweitern.

Da mir die gängigen wissenschaftlichen Bücher natürlich ohnehin zur Verfügung standen, ich aber wusste, dass hier gerade einmal die Oberfläche des möglichen Wissens angekratzt wurde, führte mich meine Suche nach erweiternder Literatur durch viele Antiquariate und dubiose kleine Buchhandlungen. Ein solches staubiges, nach muffigen Folianten riechendes Ladenlokal war es dann letztlich auch, in dem ich auf ein unscheinbares Buch mit dem unmöglichen Titel „Coleoptera Mystica“ stieß. Zu früheren Zeiten hätte ich über den Titel vermutlich gelacht, doch ich war in einer Situation, die meinen Geist auch für die abstrusesten Theorien öffnete. Ich erstand das Buch für kleines Geld und machte mich in den nächsten Tagen an das Studium. Das Buch war von unscheinbarer Erscheinung: in fleckiges, braunes Leder gebunden, die Seiten vergilbt, ein zerfasertes Lesebändchen sollte die Lektüre erleichtern. Es war in Frakturschrift gedruckt und muss wohl von einem alten Mönch stammen, der – ähnlich wie ich – von der Welt der Käfer und Insekten fasziniert war und alles darüber niederschrieb, was er in Erfahrung bringen konnte. Den Namen dieses Mönches kann ich diesem Papier leider nicht anvertrauen, muss ich doch befürchten, dass deine wissenschaftliche Neugier dich zu Nachforschungen über diese Person antreiben würde. Ich versichere dir, diese unbotmäßige Bevormundung geschieht zu deinem Besten. Tatsächlich fand sich unverhältnismäßig viel Unsinn in dem Büchlein, wie du dir sicher denken wirst. Doch es gab auch einige Lichtblicke, Einsichten, die ich einem mittelalterlichen Mönch nicht zugestanden hätte, hätte ich nicht sein Werk in Händen gehalten. Alles in allem hätte ich das Buch aber nicht für weiter erwähnenswert gehalten – und doch stellt es den Grund für die nachfolgenden Ereignisse dar, die ich dir zu schildern gezwungen bin.

Ein Kapitel in besagtem Buch nämlich behandelte die Käfer eines kleinen Landstriches in der französischen Provence, eine Region, die ich trotz meiner ausgedehnten Forschungsreisen noch nie entomologisch erkundet hatte. Von wunderlichen Kreaturen war hier die Rede und von Käfern abnormer Größe, deren Wachstum wohl durch das warme Klima begünstigt würde und die daher geradezu gigantische Ausmaße annehmen sollten. Ein Blick in meinen modernen Atlas verriet mir, dass die Gegend auch heute nur dünn besiedelt ist und möglicherweise immer noch die eine oder andere entomologische Überraschung bereithalten könnte. Daher fasste ich rasch den Entschluss, die selbstgewählte Isolation meines Studierzimmers hinter mir zu lassen und mich für ein paar Tage in einem verschlafenen Nest im Tal des Flusses Ardèche, Salazac, einzumieten. Hier nämlich sollte ich auf die ungewöhnlichen Coleoptera treffen, die der Mönch in seinen Aufzeichnungen erwähnt hatte.

Kaum vor Ort angekommen wurde mir rasch klar, dass ich mich führwahr in einem entomologischen Paradies befinden musste. Die Luft war warm und trocken, und kaum dass ich die Türe meines Wagens öffnete, drang das vertraute Geräusch zirpender Grillen, la Cigale, an meine Ohren. Diese sitzen nämlich zu Myriaden auf den ausgetrockneten Bäumen der Region und veranstalten ein kakophonisches Konzert, dass dem ungeübten Zuhörer wohl wie eine Sinfonie des Schreckens erscheinen muss. Du wirst dir aber sicherlich vorstellen können, dass mir aber das Aufeinanderschlagen unzähliger Flügel wie klarste Glockenschläge in meinen Ohren klang und mein wissenschaftlicher Ehrgeiz, dessen Feuer durch die Lektüre des seltsamen Buches ohnehin angefacht war, in heller Flamme aufloderte. Welch Wohltat war es für mein gemartertes Gehirn, endlich wieder in freier Natur der Forschung frönen zu können, und mich packte echte Vorfreude auf die nächsten Tage.

Doch meine Euphorie erhielt bereits an diesem Abend einen kleinen Dämpfer, stellte es sich doch heraus, dass die Einwohner dieses Dorfes ein maulfauler, wortkarger und unfreundlicher Haufen waren. Mein französisch ist sicherlich nicht das beste, doch wäre ich sicherlich in der Lage gewesen, ein wenig Konversation mit den Menschen hier zu betreiben. Doch mein Vermieter, ein gebückter, kleiner alter Mann, nahm zwar mit gierigem Funkeln in seinen trüben Augen meine Francs entgegen – an meiner Gesellschaft oder einem freundlichen Wort war ihm aber offensichtlich nicht gelegen. Meine Unterkunft, deren marode, hölzerne Tür mir der Alte aufschloss, war ein winziges Zimmerchen mit einem rostigen Bettgestell, schmutzigen Laken, einem kleinen runden Fenster mit einer blinden Scheibe, einer Waschschüssel und einem klapprigen Tisch nebst Stuhl, der wohl auch als Garderobe dienen musste. Auch, wenn mir der Preis für diese zwergenhafte Kemenate arg hoch vorkam, beschied ich mich mit der Engelsgeduld der Forschenden in mein Schicksal, suchte ich doch ohnehin nur ein Dach über dem Kopf, um die Nächte trocken zu verbringen. Tagsüber strebte ich die Begegnung mit den Coleoptera, wenn möglich den riesenhaften, an.

Nachdem ich meinen Koffer in mein Zimmer gebracht hatte, entschied ich mich, Salazac noch ein wenig zu erkunden. Das Dorf war winzig, vielleicht lebten hier einhundert Menschen. Gedrungene, einstöckige, aus grobem Gestein gemauerte Häuschen schmiegten sich an den Fels der provenzalischen Voralpen, ja, wirkten fast wie organisch aus ebenjenem herausgewachsen. Eine Kirche mit einem niedrigen Turm stand am Rand des Weilers. Das Tor war verschlossen und die Fenster so verschmutzt, dass mir ein Blick ins Innere verwehrt blieb. Ich suchte daraufhin die einzige Wirtschaft Salazacs auf, doch die Erfahrungen, die ich mit meinem Vermieter gemacht hatte, wiederholten sich. Die dumpf gemurmelten Gespräche der vier oder fünf Anwesenden verstummten, als ich den Gastraum betrat. Man beäugte mich misstrauisch, auch bedachte man mich hier ebenfalls kein freundliches Wort. Auch meine Versuche, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen, scheiterten kläglich. Auf seltsame Käfer angesprochen, die es hier in der Gegend geben könnte, zuckten meine Gegenüber zwar mit den Schultern, ich konnte mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass sie verstohlene Blicke miteinander austauschten. So verbrachte ich den Abend einsam. Einzig der Wirt schenkte mir ein geradezu grenzdebiles Lächeln, als er mir später die Rechnung für eine sehr karge Mahlzeit präsentierte.

Nach diesen Erfahrungen wirst du dir sicher denken können, dass ich mich mit vollem Ehrgeiz in meine wissenschaftlichen Untersuchungen stürzte. Ich verließ meine bescheidene Herberge früh am Morgen und kam erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück. Die Provence, und eben insbesondere das Tal der Ardèche, erwies sich führwahr als Fundgrube für einen Entomologen. Erstmals konnte ich seltene Insekten, die ich zwar aus Lehrbüchern kannte aber noch nie beobachtet hatte, in ihrem Lebensraum in Augenschein nehmen. Der außergewöhnliche Artenreichtum und die schiere Masse der Tiere hätte mich wohl auf Jahre hinaus beschäftigen können. Und jede neue Entdeckung, jeder Blick auf ein neues Mosaiksteinchen des Lebens, ja, jeder Moment war begleitet von dem Konzert der Grillen, die wohl zu Hunderten auf jedem Baum in diesem Tal leben mussten. So flogen die wenigen Tage, die mir mein bescheidenes Budget als Zeitfenster für diese Exkursion aufdiktierte, rasch dahin. Am Abend des vierten Tages wurde ich dennoch von echter Unruhe erfasst. Noch immer hatte ich keinen der monströsen Riesenkäfer entdeckt, von denen der Mönch in seinem Buch berichtet hatte. Mir blieben nur noch zwei Tage, um den eigentlichen Grund meiner Reise aufzuspüren. Ansonsten hätte ich zwar mit vielen interessanten Eindrücken aber letztendlich mit leeren Händen wieder zurückkehren müssen. Henry, du wirst dir sicher vorstellen können, was diese wissenschaftliche Niederlage für meinen ohnehin sensiblen Gemütszustand bedeutet hätte, bist du doch selbst Wissenschaftler mit Leib und Seele.

Auch der nächste Tag verstrich, ohne dass ich einem Käfer ungewöhnlicher Ausmaße angesichtig wurde. Doch heute, am geplanten Vortag meiner Abreise, hatte ich endlich Glück. Die Ereignisse, die sich an meinen Fund anschlossen, lassen mich sowohl daran zweifeln, dass es wirklich heute vormittag war, als ich leibhaftig auf die Andeutungen des mittelalterlichen Mönches stieß, als auch daran, dass es sich um ein Glück gehandelt haben soll. Ich war mit meinem Wagen zu einem nahegelegenen Waldstück unterwegs, dass ich bislang noch nicht untersucht hatte. Neben der Hoffnung, hier weiterhin interessante Funde und Entdeckungen zu machen, wollte ich außerdem ein altes Kloster besichtigen. Dieses Kloster war bereits vor Jahrhunderten aufgegeben worden, sollte aber architektonisch interessant sein und einen herrlichen Ausblick auf das umliegende Tal der Ardèche ermöglichen. Als ich gerade Salazac verlassen hatte und meinen Wagen auf die enge Landstraße in Richtung des Klosters gelenkt hatte, flog etwas mit voller Wucht gegen die Frontscheibe des Wagens. Das stabile Glass bekam gefährlich aussehende Risse und ich hielt sofort an, um mir den Schaden anzusehen und natürlich das Objekt, dass ihn verursacht hatte.

Henry, du wirst dir meine Verwunderung und meine Freude vorstellen können, wenn ich dir nun davon berichte, was da in meinen Wagen geprallt war: rechts neben dem Automobil lagen die Überreste eines gigantischen Lucanus cervus, eines Hirschkäfers. Das Exemplar war von außergewöhnlicher Größe und maß von dem prächtigen Geweih bis hin zu den Hinterläufen sicherlich 40 Zentimeter. Damit überstieg es die normale Größe dieser Art um ein vielfaches. Mein Herz macht einen Freudensprung – der geheimnisvolle Mönch hatte Recht behalten und mir schien es nun beschieden zu sein, diese Entdeckung der wissenschaftlichen Welt endgültig zugänglich zu machen. Eiligst verlud ich die Überreste des herrlichen Tieres in meinen Wagen und kehrte unversehens nach Salazac zurück. Da ich mir nicht anders zu helfen wusste, betrat ich erneut die Wirtschaft, deren Gastraum ich in den letzten Tagen bewusst gemieden hatte, um mir einige Plastiktüten und Eis zu besorgen, da ich den Kadaver unbedingt vor der warmen Witterung schützen musste. Möglicherweise blieb er ja meine einzige Entdeckung und so konnte ich es mir nicht leisten, den toten Lucanus cervus einem raschen Verfall anheim zu geben. Mir war durchaus bewusst, dass meine Anwesenheit den Leuten hier auf irgendeine Art, die ich nicht verstand, Unbehagen bereitete und natürlich rechnete ich nicht damit, dass ich durch extravagante Wünsche den Grad ihrer Freundlichkeit steigern würde. Doch als ich dem Wirt endlich verständlich gemacht hatte, was ich von ihm wollte und wofür ich diese Gegenstände benötigte, ließ mich der ungehobelte Kerl einfach stehen. Alle Anwesenden in der Schankstube standen geschlossen auf und verließen den Raum, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

Ich stand noch einige Momente verwirrt und alleine in dem dunklen, staubigen Wirtsraum, bevor ich mich dazu durchringen konnte, den ungehobelten Burschen auf die Straße zu folgen. Hier konnte ich beobachten, wie die Kerle ausschwärmten und an den Häusern Salazacs entlang liefen. Sie klopften an jede Tür und murmelten einige dumpfe, mir nicht verständliche Worte. Ob es französisch war, dass sie benutzten, kann ich unmöglich sagen. Ich sah, wie aus vielen der gedrungenen Häuschen Bewohner auf die Straße hinaustraten. Alte und gebückte Männer, aber auch einige junge und kräftige Burschen waren darunter. Bald hatte sich eine ansehnliche Menge auf dem kleinen Dorfplatz versammelt. Sie berieten aufgeregt miteinander, ich sah, wie sie wild gestikulierten. Dann zog die ganze versammelte Schar in Richtung Osten, die einsame Landstraße hinunter, auf der ich vor wenigen Minuten meinen Zusammenprall mit dem gigantischen Lucanus cervus gehabt hatte. Verwundert und irritiert, aber auch neugierig entschloss ich mich, ihnen zu folgen. Oh, wäre ich doch nur in meinen Wagen gestiegen und hätte früher als geplant meine Heimreise angetreten. Henry, dieser Brief hätte dich so wohl nie erreicht und ich verfluche meine Neugier dafür, dass ich dir dieses schreckliche Wissen aufbürden muss.

Die Abenddämmerung brach bereits herein, als ich der seltsamen Prozession also die Landstraße hinab folgte, direkt auf das kleine Waldstück und das hier gelegene Kloster zu, welche ohnehin mein heutiges Ziel gewesen wären. Sie stapften stumm über den staubigen Asphalt und mir schien es, als könnte ich grimmige Entschlossenheit in ihren Gesichtern erkennen, obwohl mir doch nur ihre Rücken zugewandt waren. Sie bogen auf einen kleinen Trampelpfad ab, der direkt in den Wald hinein führte. Mein mulmiges Gefühl niederkämpfend folgte ich ihnen weiter, war ich doch bestrebt zu erfahren, warum mir jegliche Hilfe versagt worden war. Schon nach wenigen hundert Schritten erreichten die Männer die Ruine eines alten Benediktinerklosters. Ich erkannte sofort die alten Symbole in den blinden Milchglasfenstern. Es musste schon vor Jahrhunderten aufgegeben worden sein: Viele Fenster waren zertrümmert, weite Teile der Dachböden waren eingestürzt und auch die Hauptmauer gleich neben dem aus den Angeln gehobenen Tor war teilweise zerstört. Efeu und wilder Wein hatten längst begonnen, das wuchtige Gebäude zu überwuchern und das ganze Bild hatte etwas von wildem Verfall, wie ich ihm bislang nur auf meinen Exkursionen in den südamerikanischen Regenwald begegnet war. Die noch immer stumme Meute steuerte zielstrebig auf die Ruine zu und verschwand bald in ihrem Inneren.

Ich folgte ihnen mit gebührendem Abstand, hatte ich doch kein Interesse daran, dass mich die Männer entdeckten. Langsam schritt ich durch das in Trümmern liegende Haupttor und trat dann in ein hohes Gebäude, dass wohl in früheren Jahren als Gebetskirche gedient haben musste. Von dem einstmals zweifelsohne stolzen Kirchturm war aber nur eine Ruine geblieben, die sich ängstlich in den Schatten der umliegenden Gebäude kauerte. Mir schauderte, als ich durch die Tür trat, war der Raum doch in einem ruinösen Zustand. Der Altar lag in Trümmern, die Holzbänke waren zersplittert. Staub tanzte in der Luft und lag in einer zentimeterdicken Schicht auf Boden und Mobiliar. Eine schmale Treppe führte gleich vor dem Altar hinab in eine unbekannte Finsternis und doch verriet mir das flackernde Leuchten entzündeter Fackeln, dass die Prozession der Dorfbewohner hier hinabgestiegen sein musste. Die Furcht rang nun erneut mit der Neugier, doch ich hätte es mir nicht verzeihen können, an diesem Punkt den Rückzug anzutreten und mein Heil in der Flucht zu suchen. So begann ich den Abstieg in die Katakomben des Klosters.

Ich kann kaum abschätzen, wie weit die Treppe in das Innere der Erde hinabführte. Immer wenn ich befürchtete, den Anschluss an die furchtbare Gruppe verloren zu haben, bemerkte ich den schwachen Widerschein ihrer Fackeln vor mir. Selbst in absolute Finsternis gehüllt, stolperte ich die unregelmäßigen Stufen immer weiter hinunter, bis ich mich unversehens in einer gewaltigen Halle wiederfand. Die Decke dieser Katakombe stygischen Ausmaßes war nicht zu erahnen und auch ihren Wänden konnten meine Augen in der Dunkelheit nicht weiter folgen als wenige Schritte. Etwa einhundert Meter vor mir konnte ich nun die versammelten Dorfbewohner mit ihren Fackeln erkennen. Oh, hätte mich doch das Schicksal vor dem Anblick bewahrt, den ihr schwaches Feuer mir ermöglichte. Ich hätte meine gesammelten wissenschaftlichen Erfolge liebend gerne hergegeben, hätte den Rest meines Daseins mit meiner bescheidenen Rente stumm in meinem Zimmer verbracht, wäre mir nur dieser Anblick erspart geblieben. Doch meine Neugier, nein, meine Narretei hatte mich hierher geführt, an diesen Ort gotteslästerlicher Dinge und nie wieder würde ich der sein können, der noch vor wenigen Augenblicken zaudernd vor dem Eingang des Klosters stand und seine weise Furcht niederkämpfte.

Henry, was ich sah, ist fast zu schrecklich um es diesem Papier anzuvertrauen. Und doch will ich es zumindest versuchen, muss ich dir doch begreiflich machen, welch Unheil in diesen Katakomben in der französischen Provence darauf wartet, die Welt der Menschen heimzusuchen. Nur wenige Herzschläge lang nahm ich die unglaubliche Szene in Augenschein, doch wäre auch ein wesentlich beherzterer Mann an meiner Statt an dem Anblick zerbrochen. Henry, ich sah die Coleoptera Mystica. Käfer, in gigantischen Ausmaßen. Sie wimmelten millionenfach über den kalten Höhlenboden, waren zwanzig, dreißig oder gar fünfzig Zentimeter lang. Die Männer aus dem Dorf standen im Halbkreis vor einem steinernen Becken, dass mit einer grünen, glitschigen Masse gefüllt war, in der in unregelmäßigen Abständen die Silhouetten von weiblichen Körpern zu erahnen waren. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich während meines gesamten Aufenthalts in Salazac keine Frau zu Gesicht bekommen hatte und mir dämmerte mit einem Mal ihr grausiges Schicksal. Die titanischen Käfer wimmelten um sie herum. Nun vernahm ich auch den monotonen Singsang, den die Männer angestimmt hatten und ich musste mit Schrecken beobachten, wie die widerliche Masse hin und herwogte. Und wäre all dies nicht schrecklich genug gewesen, thronte auf der anderen Seite des Beckens ein Insekt abnormer Größe über der gesamten Szenerie, eine Königin von unaussprechlicher Größe, deren Kopf ich in dem Schein der Fackeln mehr erahnen als wirklich erkennen konnte.

Ich muss wohl geschrieen haben, anders kann ich mir nicht erklären, dass mein Geist bei diesem abartigen Anblick nicht sofort in Scherben zusammenbrach, von dem unheimlichen Druck der Eindrücke einfach zersplittert. Wie ich zurück hier in meine winzige Kemenate kam, die mir in den letzten Tagen als Heimstatt diente, weiß ich nicht mehr. Aber ich weiß, Henry, dass ich dir von diesem lästerlichen Tun berichten muss. Die Morgendämmerung bricht an, während ich diese letzten Zeilen niederschreibe, Henry. Schon kann ich die erste Grille vor meinem Fenster hören. Was mir vor wenigen Tagen noch als glückseliger Hochgenuss in den Ohren klang ist nun der erste Hinweis auf den Tod für mich. Wenn das Rauschen der Myriaden Grillen jedes andere Geräusch erstickt, werden sie mich holen kommen, dessen bin ich mir sicher. Und die wenige verbliebene Zeit erlaubt mir nicht, einen Gedanken an Flucht zu verschwenden. Henry, erlaube mir ein letztes Mal, dich an dein gegebenes Versprechen zu erinnern. Unternehme alle Schritte, die dir als Reaktion auf meine Schilderungen nötig erscheinen. Suche nicht nach mir, alter Freund. Die Sonne geht auf und mir wird kein weiterer ihrer Aufgänge beschieden sein.

In tiefer Freundschaft

A. F.