Rezension: Berlin – Welthauptstadt der Sünde

Berlin hat nicht nur eine ganz besondere Luft zu bieten, sondern ist auch ein hervorragendes Pflaster für das eine oder andere Rollenspielabenteuer. Kein Wunder, dass mit „Berlin – Welthauptstadt der Sünde“ bereits der zweite Quellenband für die deutsche „Cthulhu“-Ausgabe zu Deutschlands Hauptstadt erscheint. Was hat die „Welthauptstadt der Sünde“ uns Rollenspielern zu bieten?

Bei „Berlin – Welthauptstadt der Sünde“ handelt es sich allerdings nicht um eine Neuauflage des „Berlin“-Quellenbuches, welches seinerzeit bei Pegasus veröffentlicht wurde. Stattdessen handelt es sich um die Übersetzung des viel beachteten und mit mehreren UK-Games-Expo-Awards ausgezeichneten Quellenbandes „Berlin – The wicked City“ aus dem Hause Chaosium. Entsprechend werfen wir also einen Blick aus amerikanischer Brille auf unsere Hauptstadt, was sicherlich interessante Perspektiven eröffnet. Auch dieser Quellenband widmet sich dem Berlin der 1920er Jahre.

Inhalt

Der Band besteht aus einem umfangreichen Quellenteil sowie drei Abenteuern, die sehr locker miteinander verbunden sind und sowohl alleinstehend als auch als Kampagne gespielt werden können. Eröffnet wird der Band mit einem ersten Überblick über die Stadt selbst. Die wichtigsten Stadtbezirke und öffentlichen Orte werden kurz und bündig beschrieben, ebenso gibt es einen knappen historischen Abriss über die Stadt. Interessanter für uns Rollenspieler wird gleich das zweite Kapitel, „Ein Streifzug durch Berlin“. Hier werden besondere Örtlichkeiten wie Hotels, Bars oder Theater vorgestellt. Ebenso gibt es reichlich Einblicke in die Berliner Unterwelt – von den geradezu „edlen“ Ringvereinen über Prostitution und Drogenhandel bis zur oft zweifelhaften Rolle der Polizei. Ein paar Zufallstabellen zur Ermittlung eigener Lokalitäten runden das Kapitel gekonnt ab.

Das dritte Kapitel stellt jede Menge realer Persönlichkeiten vor, denen Investigatoren in Berlin begegnen könnten. Dabei werden Persönlichkeiten aus Unterhaltung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft vorgestellt – ein angenehm bunter Querschnitt, der Berlins Status als Weltstadt noch unterstreicht. Neben Albert Einstein oder Anita Berber gibt es Einträge zu Kurt Weill, Fritz Lang, Kurt Tucholsky und vielen anderen. Der Quellenteil schließt dann mit einigen Ideen für Mythosbegegnungen, die sich in Berlin anbieten. Dieses Kapitel ist recht kurz gehalten und leider auch ein wenig generisch ausgefallen.

Es schließen sich die drei angekündigten Abenteuer an. In „Der Teufel frisst Fliegen“ werden die Investigatoren von undurchsichtigen Mächten auf ein verschwundenes Mädchen aus der ermordeten Zarenfamilie angesetzt, während gleichzeitig eine Mordserie Berlin erschüttert. Natürlich geht hier nicht alles mit rechten Dingen zu und schon bald stellen die Investigatoren fest, dass beide Handlungsstränge eng mit einander verwoben sind. Etwas weniger verwirrend, dafür mythoslastig und drastischer präsentiert sich das zweite Abenteuer, „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“. Anita Berber ist wieder in der Stadt. Die laszive Nackttänzerin ist Auslöser für die Erweckung einer finsteren Göttin, die alsbald in Berlin residiert. Und auch die Investigatoren müssen sich bald entscheiden, ob sie an den blutigen Orgien in den Straßen teilnehmen wollen oder ihren verbliebenen Verstand in den Kampf gegen die Göttin investieren wollen. Abgeschlossen wird der Band dann mit dem Abenteuer „Schreckfilm“, welcher die Berliner Filmindustrie in den Fokus nimmt. Die Mauer zwischen Realität und Illusion drohen immer mehr zusammenzubrechen und wieder einmal liegt es an den Investigatoren, den Niedergang der Stadt zu verhindern.

Optik und Verarbeitung


„Berlin – Welthauptstadt der Sünde“ erscheint als hochwertig verarbeitetes Hardcover im wattierten Umschlag. Dem Band wurde dankenswerterweise ein Lesebändchen spendiert, was die Orientierung doch vereinfacht. Die insgesamt 280 Seiten sind vollfarbig, auch wenn längst nicht jede Seite das auch tatsächlich nutzt. Viele Illustrationen sind in dezenten Braun- und Grautönen gehalten, die verwendeten Fotografien ohnehin schwarz-weiß.

Wie auch schon in vorhergehenden Chaosium-Publikationen sind die Zeichnungen von sehr unterschiedlicher Qualität. Während einige einfach, aber ansprechend gelungen sind gibt es auch wiederum – oft seitenfüllende – Ausreißer nach unten. Was andererseits abermals sehr gelungen ist, sind die zahllosen Handouts, welche die Abenteuer begleiten. Egal ob Telegramm oder Zeitungsartikel – hier wurden wieder ein Haufen kleiner Kunstwerke geschaffen. Auch an umfangreiches und reichliches Kartenmaterial wurde gedacht.

Die Übersetzung ist in meinen Augen gut gelungen, die meisten Texte lesen sich flüssig und mir ist keine unbotmäßige Anhäufung von Rechtschreibfehlern ins Auge gesprungen. Technisch darf ich damit eine gute Note vergeben.

Kritik

Wer sich mit dem neuen „Berlin“-Quellenband auseinandersetzt, sollte sich zuvor einige Dinge bewusst machen. Zunächst einmal richtet sich der Band an erwachsene Leser. Der Fokus des Bandes liegt klar auf den Ausschweifungen, die im Berlin der Weimarer Republik möglich waren. Deutschland war im Weltkrieg geschlagen, seiner Seele beraubt und finanziell am Rande des Untergangs – gleichzeitig stieg Berlin zur Weltstadt auf. Diese Mischung schuf einen Schmelztiegel aus Möglichkeiten, und „Berlin – Welthauptstadt der Sünde“ legt sein Augenmerkt klar auf den kriminellen und vergnügungssüchtigen Aspekt dieser Möglichkeiten.

Das wiederum hat zur Folge, dass der Band kein komplettes Bild von Berlin zeichnet. Der Fokus liegt klar auf den Vergnügungs-Etablissements, dem Drogenhandel, den kriminellen Ringvereinen und den zahllosen anderen Möglichkeiten, seine Unschuld zu verlieren. Das macht den Band zwar fokussiert und schafft die Kulisse für ganz besondere, cthuloide Abenteuer, mag aber auch dem einen oder anderen Kenner des alten Quellenbandes damit ein wenig zu einseitig sein. Für andere wiederum mag diese Überspitzung der Realität genau richtig für die eigene Rollenspielwelt sein. Dieser Themenfokus findet sich folgerichtig auch in den Abenteuern wieder, die mit Lustmorden und Orgien aufwarten und entsprechend ebenfalls nichts für jede Gruppe sein dürften.

Während die thematische Fokussierung ihr Für und Wider mit sich bringt, ist die Aufbereitung der Abenteuer allerdings einfach schlecht gelungen. Inhaltlich sind sie ob der dargebotenen Themen über jede Kritik erhaben – denn über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Doch sind die Texte aufgebauscht und langatmig geschrieben. Viele Ideen modernen Abenteuerdesigns wurden über Bord geworfen: So gibt es reichlich Stimmungstext, vorweggenommene Handlungen und auch viele Railroading-Passagen, welche die Investigatoren zu Zuschauern degradieren. Das es so schwierig wird, wichtige Informationen am Spieleabend schnell wiederzufinden, bedarf keiner weiteren Erklärung. Oft hat man den Eindruck, eher einer Kurzgeschichte denn einem Rollenspielabenteuer zu folgen. Auf den geneigten Spielleiter wartet also noch eine Menge Arbeit, will er die hier vorgestellten Abenteuer leiten.

Fazit: „Berlin – Welthauptstadt der Sünde“ ist ein interessanter und thematisch eng fokussierter Quellenband, der ein hoch interessantes Berlin der Weimarer Republik vorstellt. Dieser Flecken ist definitiv den einen oder anderen cthuloiden Ausflug wert. Leider lassen gerade die mitgelieferten Abenteuer aber dem Spielleiter noch reichlich Arbeit, will er sie in spielbare Form bringen.

diese Rezension erschien ursprünglich bei www.ringbote.de

Rezension: Unaussprechliche Kulte

„Einmal den Großen Alten huldigen…“ So oder ähnlich muss der Gedankengang der Entwickler der spanischen Spieleschmiede Nosolorol gelautet haben, als sie das Rollenspiel „Unaussprechliche Kulte“ entwarfen. Nun liegt die deutsche Übersetzung durch den TRUANT-Verlag vor. Wir riskieren einen Blick.

Es gibt gefühlt einhundert Rollenspiele, die sich mit dem Cthulhu-Mythos beschäftigen. Neben dem Platzhirsch, dem von Chaosium und Pegasus verlegten „Cthulhus Ruf“ gibt es mit „Realms of Cthulhu“ eine „Savage Worlds“-Adaption, mit „Trail of Cthulhu“ die „Gumshoe“-Variante, „Apocthulhu“ führt in die cthuloide Apokalypse und auch an regelarmen Varianten – von „Cthulhu Dark“ bis zu „Azathoths Antwort“ mangelt es nicht. Einzig die Prämisse dieser Rollenspiele ist irgendwie gleich: die Charaktere stehen gegen den Mythos und die finsteren Kreaturen, die ihn bevölkern. „Unaussprechliche Kulte“ dreht hier den Spieß einmal um: als Kultisten wollen wir den Großen Alten ein Tor in unsere Welt öffnen.

Die Regeln

Doch wenden wir uns zuerst den Regeln zu. Diese nehmen nämlich auch die ersten zwei Kapitel des Bandes in Anspruch. Charaktere bestehen aus gerade einmal vier Attributen – Stärke, Reflexe, Willenskraft und Intelligenz – sowie wenigen Fertigkeiten zusammen. Die Höhe der Attribute und Fertigkeiten wird über ein einfaches Punktkaufsystem ermittelt, einige abgeleitete Werte wie Entschlossenheit und Gesundheit im Anschluss ermittelt. So weit, so simpel. Ein wenig mehr Gedanken um den eigenen Charakter darf man sich machen, da jedem Attribut und jeder Fertigkeit ein sogenannter „Aspekt“, ein kurzes Schlagwort zugeteilt wird. So haben Charaktere nicht nur „Heimlichkeit 4“, sondern „Schleichen wie eine Katze“ oder sind „Meister der Masken“.

Diese Aspekte treffen wir dann im eigentlichen Regelkapitel wieder. Der Probenmechanismus selbst ist recht elegant. Bei jeder Probe werden 3W10 geworfen und das mittlere Wurfergebnis gewählt. Anschließend werden ein passendes Attribut und die passende Fertigkeit hinzuaddiert. Das so erreichte Ergebnis sollte gleich oder höher einem vom Spielleiter festgelegten Schwierigkeitsgrad sein. Boni oder Mali lassen sich so sehr einfach verteilen, indem das schlechteste Wurfergebnis – oder eben das Beste – verwendet werden kann. Hier kommen nun wieder die Aspekte ins Spiel. Denn zum einen kann man die (zur Situation passenden) Aspekte nutzen, um spielmechanische Effekte wie Wiederholungswürfe zu generieren, zum anderen kann man sie „erschöpfen“ um eine als „Dramapunkte“ bezeichnete Meta-Währung zu erhalten, die weitere Aspekt-Einsätze erlaubt. Selbstverständlich kann man nicht nur eigene Aspekte auf diese Art nutzen, sondern auch Umgebungsaspekte. Ihr merkt schon, „FATE“ stand hier für viele Ideen Pate.

Neben diesen Grundmechanismen gibt es natürlich auch noch die üblichen Regeln, um Stabilität und Wahnsinn darzustellen. In „Unaussprechliche Kulte“ wird das als „Entschlossenheit“ bezeichnet – immerhin sucht man ja geradezu nach dem Kontakt mit dem Mythos. Wer das zu oft tut, erhält allerdings „Degenerationspunkte“. Wer davon fünf gesammelt hat, tut sich bereits schwer unentdeckt unter Menschen zu bleiben und wer gar zehn beisammenhat, der verwandelt sich in eine cthuloide Monstrosität.

Hintergrund

Den Großteil des Buches machen dankenswerterweise Hintergrundkapitel aus. Denn immerhin ist es das erklärte Ziel der Entwickler, den Cthulhu-Mythos einmal aus einer ganz anderen Warte zu betrachten. Ich nehme vorweg, dass dies allerdings nicht wirklich gelingt.

Zunächst einmal wird mit einer Vorstellung des Autoren H.P. Lovecraft und seiner Idee des kosmischen Horrors begonnen. Ein umfangreiches Hintergrundkapitel überführt den Mythos dann in die Gegenwart unserer Zeit. Dieses Kapitel ist durchaus gelungen und zeigt auch, hinter welchen Ecken unserer hochtechnisierten Welt immer noch finstere Kreaturen lauern könnten. Selbst Mythosbücher im Internet werden thematisiert, was ich eine spannende Idee finde. Das nächste Kapitel stellt dann einige cthuloide Gottheiten, Große Alte oder niedere Kreaturen vor, welche der Spielleiter auf seine Gruppe loslassen kann – oder die dem eigenen Kult als Anbetungsobjekt zur Verfügung stehen. Ebenso gibt es ein Kapitel über „Spielleitung“, in dem verschiedene Kampagnenansätze, die Einbindung des Mythos in unsere Welt und einige Grundsätze für die Spielleitung beschrieben sind.

Crunchiger wird es wieder in den Kapiteln „Kulte“ und „Magie“. Denn das Kulte-Kapitel enthält nicht nur eine umfangreiche Sammlung von modernen Mythos-Kulten rund um den Erdball, sondern auch Regeln zur Erschaffung des eigenen Kultes. Dieser erhält nämlich ebenfalls Punkte für Fertigkeiten – wie „Größe“ oder „Ressourcen“ sowie eigene Aspekte, die man wiederum im Spiel benutzen kann. Und das Magie-Kapitel liefert eben nicht „nur“ ein umfangreiches Grimoire und die Beschreibung von spannenden Artefakten, sondern enthält auch die Magie-Regeln und eine ganze Liste von Zaubersprüchen, welche die Charaktere erlernen können. Natürlich hat auch hier wieder die Degeneration ihre Finger im Spiel – wie es eben so ist, wenn man sich mit dem Mythos einlässt.

Leider lassen mich die Hintergrundkapitel ein wenig unbefriedigt zurück. Denn ich entdeckte zwar viele Materialien, die ich spannend und lesenswert fand aber keinen rechten Hinweis darauf, wie ich das jetzt in eine „Kultisten-Kampagne“ verwandele. Im Hintergrundkapitel stecken viele gute Ideen für moderne Mythos-Szenarien. Seien es moderne Kulte, andere Mythosbücher oder seltsame Artefakte – für eine „Cthulhu NOW“-Kampagne ist das eine echte Ideenfundgrube. Wie und warum man das Ganze jetzt als Kult aufgreifen sollte, erklären die Kapitel allerdings nicht.

Abenteuer

Abgerundet wird das Grundregelwerk mit gleich zwei Einstiegsabenteuern. Während das erste Abenteuer noch davon ausgeht, dass die Charaktere überhaupt keine Ahnung davon haben, was sie in diesem Spiel erwartet, wirft das zweite Abenteuer sie bereits direkt in die Konfrontation von zwei Kulten. Beide Abenteuer haben ihren Reiz und gerade das zweite Abenteuer zeigt, wie „Unaussprechliche Kulte“ funktionieren könnte. Allerdings stehen hier ganz klar die Interessen der Charaktere im Mittelpunkt – es geht nicht darum, etwas Schlimmes zu verhindern, sondern darum, den größten Nutzen aus der Situation zu ziehen. Ob das auf Dauer eine Kampagne trägt, wage ich zu bezweifeln.

Aufmachung

„Unaussprechliche Kulte“ ist ein vollfarbiger Hardcoverband mit Lesezeichen. Die knapp 290 Seiten sind großzügig und auf einem hohen Niveau bebildert. Die verwendete Seitenhintergrundgrafik, die Schriften und die Bebilderung transportieren gut die angestrebte Stimmung. Gut gefallen hat mir auch die Bebilderung des Kreaturen-Kapitels, da hier einmal neue Interpretationen für manche altbekannte Wesenheit gefunden wurden.

Neben der optisch imposanten Aufmachung gibt es noch eine Reihe von Kurzgeschichten zu erwähnen, welche die jeweiligen Kapitel einleiten. Ich hätte gedacht, dass diese Unart mit den 1990ern aus den Rollenspielbüchern wieder verschwunden wäre. Doch hier haben wir wieder die typischen Vierseiter, die abwechselnd nichtssagendes Mythos-Geschwurbel oder sehr dünne Lovecraft-Pastiches liefern. Ich empfehle, die Lektüre dieser Seiten schlicht zu überspringen.

Davon abgesehen ist die Aufmachung des Bandes rundum gelungen. In der deutschen Übersetzung sind mir keine groben Fehler aufgefallen – einzig im letzten Abenteuer sind Kleinigkeiten im Lektorat offengeblieben. Technisch kann ich damit eine gute Note vergeben.

Kritik

Das Regelwerk, der SL-Teil und die integrierten Start-Abenteuer bieten so eine Art „Cthulhu verkehrt“ an. Man spielt also einen Kult, der auf den Mythos stößt, seine Macht erkennt, für eigene Zwecke einsetzt und dabei zusehends rücksichtsloser wird und degeneriert. Man intrigiert und kämpft dabei auch durchaus gegen andere Kulte – aber eben nicht, weil diese „böser“ sind oder „noch schlimmere“ Sachen wollen, sondern – ganz einfach – weil diese Kulte über Ressourcen verfügen, die man lieber selbst hätte. Artefakte oder Bücher zum Beispiel.

Mir fehlt die Idee und die Inspiration – trotz reichlich Hintergrundmaterial – wie ich das Spiel auf Dauer in eine Kampagne verwandeln wollen würde. Neben persönlichem Machtgewinn gibt es nämlich nichts zu gewinnen – und der hängt wiederum an der Entfremdung von der Menschheit und dem baldigen Ende der Kampagne. Das Hintergrundmaterial in Summe ist allerdings mehr als solide und wenigstens für andere Cthulhu-Rollenspiele brauchbar; immerhin gibt es neue Beispielkulte und Mythos-Artefakte, die sich in mancher „NOW“-Kampagne ganz gut machen würde.

Schlussendlich empfinde ich das Spiel nicht als tragfähig, um für eine längere Kampagne zu funktionieren. Denn persönlichen Machtgewinn auf Kosten nicht nur der eigenen Menschlichkeit, sondern auf Kosten aller Mitmenschen kann ich mir als One-Shot zur Abwechslung vom investigativen Alltag einmal ganz gut vorstellen. Auf Dauer empfinde ich das Konzept als ermüdend und frustrierend.

Fazit: „Unaussprechliche Kulte“ macht vieles richtig. Ein modernes System mit narrativen Elementen, umfangreiches Hintergrundmaterial und eine optisch opulente Aufbereitung. Gerade für das universell einsetzbare Quellenmaterial möchte ich ein Lob aussprechen. Allerdings fehlt mir bei dem Konzept des Spiels der Wiederspielwert, denn der moralische Kompass vieler Spieler dürfte auf Dauer anders ausschlagen, als vom Spiel vorgesehen.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf http://www.ringbote.de

Rezension: Le Tre Madri

Heute habe ich die große Freude, noch einmal einen Gastautor auf meinem Blog begrüßen zu dürfen. Hilmar Poganatz, dem cthuloiden Rollenspieler nicht zuletzt bekannt durch sein Szenario „Orakelknochen“ in der Publikation „Ars Mathematica“, hat sich dem neuen Abenteuer „Le Tre Madri“ aus dem Band „Geschlossene Räume“ angenommen und eine umfangreiche Rezension verfasst. Viel Spaß damit!

„Le Tre Madri“ ist das erste von zwei Abenteuern im Pegasus Cthulhu-Softcover „Geschlossene Räume“, in dem der Verlag zwei neuen Autoren eine Chance gibt. Gerade mit dem ersten Szenario wagt Pegasus vieles, was man sonst nicht gewohnt ist – Grund genug, hier einmal genauer hinzusehen. Erster Eindruck des Szenarios ist: Wow! Was für eine Fallhöhe. Das Ganze atmet vom ersten Augenblick die Belesenheit des Autors, und steckt so voller literarischer, cineastischer, historischer und religiöser Bezüge wie sonst wohl kein Cthulhu-Szenario. Auch die Sprache ist bis ins letzte durchdacht und geschliffen. Allein schon diese Dinge heben „Le Tre Madri“ weit und deutlich aus der Masse veröffentlichter Abenteuer heraus.

Sie sorgen aber auch für die erste mehrere Hürden dieses Opus Magnum. „Le Tre Madri“ (LTM) ist kein leichtes Szenario: Es ist nicht leicht zu lesen, nicht leicht zu verstehen, und ganz sicher auch nicht leicht zu leiten. Es ist ein Szenario für Leute, die sich gern reinknien in eine sehr düstere Materie, um dann besonders tief einzutauchen in Leid, Schrecken und Verzweiflung. Hatte ich schon erwähnt, dass das Abenteuer selbst für ein Horror-Abenteuer wirklich düster ist?

Die Investigatoren sind eine Gruppe von Künstlern, die eine ganz besondere, unterirdische Ausstellung im New York der Jetztzeit besuchen, welche dann der Schauplatz dieses „Closed Room“-Szenarios ist. (eine Verlegung in die 1920er scheint problemlos möglich) Damit die Investigatoren gut zur Handlung passen, liefert das Szenario einige kreative Ideen für deren Erschaffung, was ein großer Pluspunkt ist. Sicher hätte eine beispielhafte Gruppe vorgefertigter Charaktere hier den Einstieg erleichtert, aber leicht machen will Autor Ben Ramisch es in seinem ersten veröffentlichten Cthulhu-Szenario ohnehin nicht: Er schont weder den SL, noch die Spieler, und schon gar nicht die Investigatoren.

Warum also ist dieser Closed Room-Horrorthriller nicht leicht zu lesen? Weil LTM nur streckenweise als klassisches Abenteuer mit einem idealen Ablauf geschrieben ist – es ist eher ein Baukasten für fleißige Spielleiter. Das Labyrinth, in dem es spielt, kann so immer wieder neu zusammengesetzt werden. Die Ideen, die der Autor liefert, bieten eine manchmal verwirrende Vielfalt. So erhält das Szenario einen hohen Wiederspielwert, was eine gute Idee ist, denn es dürfte so viel Arbeit machen, es vorzubereiten, dass man es als SL dann lieber gleich mehrfach leitet. LTM ist für den einmaligen Gebrauch eigentlich zu schade, oder eben zu aufwändig.

Warum ist es nicht leicht zu verstehen? An sich ist die Prämisse einfach: Die Investigatoren werden gefangen und wollen irgendwie rauskommen, überleben. Wie das aber gelingen kann, hängt daran, wie weit es ihnen gelingt, gewisse metaphysische Konzepte zu verstehen. Hier kann es sein, dass der SL nachhelfen muss, damit etwa die zentrale „Schlüssel-Metapher“ überhaupt verstanden wird. Das gleiche gilt auch für das äußerst diverse, exzellent recherchierte Personal des Abenteuers. Ramisch hat offenbar viel gelesen, um dann so ziemlich alle historisch bekannten Gruppen von drei Frauen in sein Szenario einzubauen: Musen, Graien, Nornen, you name it. Das ist einerseits eindrucksvoll und unterstreicht das Gefühl, dass die titelgebenden „Drei Mütter“ die Menscheitsgeschichte entscheidend mitgeprägt haben. Aber dazu muss der SL eben auch einen ausreichend tiefen kulturellen Hintergrund mitbringen, und die Inkarnationen der Mütter im Szenario gut studiert haben. Der Autor legt die Latte eben auch hier hoch an, will keinen Einheitsbrei liefern, sondern fordern.

Einfach zu leiten ist LTM schon deshalb nicht, weil der SL sich andauernd aus einer Fülle von Möglichkeiten, die das Szenario bietet, bedienen muss, also viele Entscheidungen treffen muss, kaum etwas hat der Autor „einfach so“ zum Vorlesen oder Nachspielen aufgetischt. Das führt dazu, dass man, wenn man LTM leiten möchte, sich erst einmal hinsetzen muss, um aus dem Baukasten ein eigenes Labyrinth der Kunstausstellung zu bauen. Dabei könnte es manchem SL so gehen, wie den Investigatoren, die im Abenteuer das eine oder andere Mal von einer Überwältigung der Sinne geplagt werden, dem sogenannten „Stendahl Syndrom“. Der Autor liefert dermaßen viele Ideen, dass man ab und zu denkt: Weniger wäre mehr gewesen. Auf der anderen Seite ist LTM dadurch eben auch sehr vielseitig.

Was dem SL hier zum besseren Verständnis fehlt, liefert zum Glück der Blog des Autors der Spielgruppe: Die dort geposteten detaillierten Spielberichte helfen dem SL, mögliche Verläufe von LTM besser zu begreifen.

Hinzu kommt die größte „Keule“ und Herausforderung, die der Autor auspackt: die sogenannten „Sinnesplagen“, die die Investigatoren treffen. Schon früh im Abenteuer werden Charakteren einzelne Sinne genommen. Auch hier liefert das Szenario viele schöne Ideen, wie das mit Freeform-Elementen umzusetzen ist. Düfte oder besondere haptische „Handouts“ zu produzieren, ist allerdings auch wiederum recht anspruchsvoll. In jedem Fall dürften die Sinnesplagen die Charaktere extrem terrorisieren und teils auch das Spiel erschweren – etwa, wenn ein Stummer und eine Blinde miteinander kommunizieren müssen. John Tynes Klassiker „In medias res“ zeigte schon 1993 mit dem genialen stummen Charakter Marcel Pfeiff ein wenig in diese Richtung, hier aber dreht der Autor den Regler nochmal deutlich höher. Mit erfahrenen Rollenspielern kann so etwas zum Fest werden – weniger erfahrene Spieler dürften sich damit sehr schwer tun.

Ich selbst liebe Closed Rooms und habe ja auch selbst schon ein Szenario in einem verschlossenen Grab veröffentlicht („Orakelknochen“ im Band „Ars Mathematica“). Allerdings werde ich immer ein wenig skeptisch, wenn ein geschlossener Raum allzu deutlich als eine Art künstliches Rätsel-Labyrinth angelegt ist. Weckt bei mir Erinnerungen an „Verschollen in Al’Anfa“ anno dazumals bei DSA, aber auch an Norman Scherkes „Vergessen im Schnee“ oder an Moritz Honerts „Call of Casablanca“ – was nicht heißen soll, dass diese Abenteuer nicht beide auch wirklich überzeugende Elemente und Twists haben. Dennoch fällt es mir immer schwer, mich auf solche Konstruktionen einzulassen, auch wenn die Hintergrundgeschichte den Sinn des Labyrinths erklärt. Das tut der Autor bei LTM, und das entschädigt mich dann auch für die (in meinen Augen) zu „gewollten“ Elemente.

Was ich damit meine, ist das extrem düstere Finale des Szenarios. Hier werden die Investigatoren vor harte, quasi unmögliche Entscheidungen gestellt und möglicherweise auch gegeneinander aufgehetzt – wieder eine Einladung zu genial schwierigem Horror-Play. Ganz gleich, wie die armen, gefolterten Künstler sich hier entscheiden, ein morbid-verstörender Nachhall ist so gut wie sicher. Was die Charaktere am Ende tun (müssen), oder was in kurzen Epilogen nacherzählt wird, ist großes Horror-Kino und wird sicher auch nach dem Spiel noch eine gute Weile in den Köpfen der Spieler bleiben.

Hilmar Poganatz

Rezension: Der Tod in Venedig

„FHTAGN“ ist das hauseigene Rollenspiel der deutschen Lovecraft-Gesellschaft. Cthuloide Themen lassen sich damit ebenso mühelos abdecken, wie andere Horror-Tropen. „Der Tod in Venedig“ verwendet ein cthuloides Motiv, schafft aber sehr persönlichen Horror. Wir riskieren einen Blick!

Das vollständige Grundregelwerk zu „FHTAGN“ gibt es zwar bislang nur als Webseite (http://www.fhtagn-rpg.de), ohne eine eigene Printausgabe. Dennoch sind bereits einige Abenteuer auch als Printpublikation für dieses System erschienen. Das Schöne daran ist natürlich, dass jeder Interessierte das komplette Regelwerk ohne weitere Kosten zur Verfügung hat. Die Printausgabe des Regelwerks ist allerdings nach wie vor geplant und nur aufgeschoben.

„Der Tod in Venedig“ stammt aus der Feder von Moritz Honert, der sich bereits im Rahmen der cthuloiden Fanzine „Cthulhus Ruf“ das eine oder andere Mal als hervorragender Abenteuer-Autor präsentieren konnte. Für den Auftakt der „FHTAGN“-Abenteuerreihe wählt er allerdings ein Thema, dass sicherlich polarisieren wird. Da die Handlung des Abenteuers wirklich sehr speziell ist, und ich einer Spielleitung nicht ohne tiefergehende Informationen über das Abenteuer berichten kann, enthält die folgende Hintergrundbeschreibung Spoiler. Potentielle Spieler sollten also an dieser Stelle nicht weiterlesen.

„Der Tod in Venedig“ ist für zwei Spieler konzipiert. Diese schlüpfen in die Rolle von Rebecca und Reginald Martin, einem britischen Ehepaar, dass auf einer Urlaubsreise in Venedig verweilt. Reginald ist Schriftsteller und als solcher auf der Suche nach einer inspirierenden Auszeit. Doch der Horror beginnt, als die beiden morgens im Hotel erwachen und feststellen müssen, dass ein unglaubliches Verbrechen geschehen ist. Denn ihr Kindermädchen wurde betäubt und von ihrem dreijährigen Sohn Nicolas fehlt jede Spur. Während sich die Polizei mäßig interessiert und eher träge zeigt, raunen Passanten und Hotelangestellte schon bald von Biasio, dem Metzger von Santa Croce. Dieser lebte zwar im 15. Jahrhundert, doch seine abscheulichen Taten halten seine Legende bis heute lebendig. Hat er etwas mit Nicolas‘ Verschwinden zu tun?

Bis zu dieser Stelle könnte man noch von einem „normalen“ Abenteuer ausgehen. Die beiden Protagonisten stürzen sich in die Recherchen und versuchen herauszufinden, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Doch die Wahrheit ist viel grausiger. Denn tatsächlich ist Reginald, ohne es im Moment zu ahnen, Mitglied eines kannibalistischen Kultes und hat seinen Sohn in der gestrigen Nacht gemeinsam mit seiner nichtsahnenden Frau Rebecca verspeist. Der Autor löst die Unwissenheit der Charaktere in einer Reihe von Flashbacks auf, die sie erhalten, wenn sie bestimmte Orte aufsuchen oder bestimmte Menschen wiedertreffen. Wie das Abenteuer endet ist kaum vorherzusehen und hängt einzig von der Reaktion der Spieler auf diese Erkenntnis ab.

„Der Tod in Venedig“ ist sicherlich kein Szenario für jedermann. Immerhin schlüpfen die Spieler hier – ohne es zu ahnen – in die Rolle von Menschen, die etwas absolut Unmenschliches und Grausames getan haben. Insbesondere der Charakter Rebecca ist doppelt gegängelt – zuerst des Gedächtnisses beraubt und dann auch noch unwissend in der Mittäterschaft. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Szenario später noch schwer im Magen liegt. Das ändert natürlich nichts an der generellen Qualität des Textes, die einen absoluten Horrortrip par excellence verspricht.

Die Aufbereitung des Materials ist gut gelungen. Das Szenario wurde in einfachen Szenen aufbereitet, die den idealisierten Ablauf widerspiegeln. Gleichzeitig werden aber Hinweise auf Um- und Irrwege gegeben, so dass jeder Spielleiter recht problemlos durch das Abenteuer leiten kann. Das Layout ist sauber und aufgeräumt, so dass der Spielleiter rasch alle wichtigen Informationen wiederfindet. Insbesondere die großzügige Bebilderung hat mir gut gefallen.

Fazit: „Der Tod in Venedig“ ist ein wahrer Horrortrip und garantiert nichts für jede Spielrunde. Wer auf der Suche nach absolut persönlichem Horror ist, wird aber kaum jemals fündiger als hier.

Rezension: Amnesie

Mit dem Rollenspiel „FHTAGN“ verlegt die deutsche Lovecraft-Gesellschaft ihr eigenes, cthuloides Rollenspiel. Mit „Amnesie“ liegt nun eines der ersten Abenteuer für das neue Rollenspiel vor.

Dabei ist die Veröffentlichungsreihenfolge zumindest ungewöhnlich. Denn „FHTAGN“ gibt es bislang nur als Webseite (http://www.fhtagn-rpg.de) ohne eine eigene Printausgabe. Das Schöne daran ist natürlich, dass jeder Interessierte das komplette Regelwerk ohne weitere Kosten zur Verfügung hat. Die Printausgabe des Regelwerks ist allerdings nach wie vor geplant und nur aufgeschoben.

Mit „Amnesie“ liegt allerdings ohnehin ein Abenteuer vor, dass sich am Besten als „Freeform“-Abenteuer ohne Regeleinsatz genießen lässt, lebt es doch komplett von der Interaktion der Spieler. Die weitere Vorstellung des Inhaltes kann kaum ohne Spoiler erfolgen, daher bitte ich alle Spieler, den Rest der Rezension ihren Spielleitern zu überlassen! Die Spieler schlüpfen in die Rolle von sechs Menschen, die in einem ihnen unbekannten Haus erwachen und unter völliger Amnesie leiden. Weder wissen sie, wer sie sind, noch, wo sie sich befinden.

Die Hintergründe offenbaren rasch das gewaltige Potential, dass in diesem Szenario schlummert. Denn die sechs Protagonisten sind nicht nur Teil eines Kultistenzirkels, der in den vorangegangenen Stunden ein furchtbar schiefgegangenes Beschwörungsritual durchgeführt hat. Nein, fünf von ihnen sind auch noch von den selbst beschworenen Dämonen besessen, ohne davon zu ahnen. Im Laufe der Erkundung des Hauses erhalten die Spieler immer wieder Erinnerungsschnippsel zurück, bis sich schließlich ein ganzes Bild ergibt. Und – kein Wunder – jeder der Dämonen verfolgt nun auch noch sein ganz eigenes Ziel…

„Amnesie“ ist ein besonderer One-Shot, der sich für alle Spielgruppen eignet, die einmal etwas wirklich anderes spielen wollen. Dabei richtet er sich nicht nur an Fans cthuloider Rollenspiele, denn der Hintergrund um die Dämonenbesessenheit funktioniert mit jedem modernen Horror-Hintergrund. Allerdings braucht es natürlich auch eine spielfreudige Gruppe, die Spaß am Rätseln und gegenseitigen Intrigieren hat und auch vor einer gehörigen Portion „Player-vs.-Player“ nicht zurückschreckt.

Die Aufbereitung des Materials ist gut gelungen. Das Szenario führt gekonnt durch die anfangs sehr verworren erscheinende Handlung. Die Erinnerungsschnippsel sind als hübsch anzusehende Handouts gestaltet, an großzügige und gut lesbare Bodenpläne des zu erkundenden Hauses wurde ebenso gedacht. Damit enthält „Amnesie“ alles, was es für zwei bis drei Stunden intensiven Rollenspielerlebnisses braucht. Das Layout ist sauber und aufgeräumt, so dass der Spielleiter rasch alle wichtigen Informationen wiederfindet.

Fazit: „Amnesie“ ist ein ganz besonderes „Freeform“-Szenario, das eine herrlich unverbrauchte Prämisse bedient. Absolut empfehlenswert für alle, die sich mit einem Horror-Szenario anfreunden können.

Rezension: Namenloser Schrecken in Neuengland

Bereits im Jahr 2015 erschien bei Chaosium eine Abenteueranthologie für „Cthulhu“ mit dem Titel „Nameless Horrors“. Die hier enthaltenen sechs Abenteuer widmeten sich den drei großen, cthuloiden Settings: dem Gaslicht, den Goldenen Zwanzigern und der Jetztzeit. „Namenloser Schrecken in Neuengland“ ist die deutsche Übersetzung der beiden Szenarien für die 1920er.

Wie für die deutschen Abenteuerbände üblich, erscheint „Namenloser Schrecken in Neuengland“ als Softcover und im Schwarz-Weiß-Druck. Aktuell ist es noch geplant, die anderen Szenarien ebenfalls in passenden Einzelbänden zu veröffentlichen. Die beiden nun vorliegenden Szenarien teilen zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind als One-Shot mit vorgefertigten Investigatoren konzipiert und sie befassen sich mit cthuloidem Grusel unbekannter Art – denn die verwendeten Mythosthemen sind neu und unverbraucht.

Das erste Abenteuer trägt den biblisch anmutenden Titel „Ein Teil fiel auf felsigen Boden“. Paul Fricker, Autor von Szenarien wie „Gatsby und das Große Rennen“, nimmt in seiner Einleitung auch tatsächlich Bezug auf den biblischen Vergleich des Samenkorns. Nur dass hier eben nicht der göttliche Funke verteilt wird, sondern Mythoswissen. Denn in der Stadt, in der die vorgefertigten Investigatoren wohnen, geht es scheinbar nicht mehr mit rechten Dingen zu. Wahnsinnige Mörder streifen umher und Freunde und Bekannte verhalten sich seltsam oder verschwinden. Wer Nachforschungen anstellt, gerät an eine Mauer des Schweigens. Natürlich – Achtung: Spoiler! – hat der Mythos hier seine Tentakel im Spiel. Dieses Mal in Form eines vordergründig harmlosen Hobby-Astrologen, der mit seinem selbstgebauten Teleskop unversehens Nachrichten aus dem All empfängt. Begeistert von dieser großartigen Entdeckung teilt er seine Erkenntnis freimütig mit Freunden und Bekannten, nur um festzustellen, dass rund die Hälfte der durch das Teleskop Blickenden an der Botschaft aus der Unendlichkeit geistig zerbricht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zustände in der Stadt eskalieren werden, und der Autor gibt einige interessante Vorschläge für die finale Nacht des Hasses, die dem Städtchen bevorsteht.

Auch das zweite Szenario wählt eher ungewöhnliche Mythoseinflüsse. Es basiert lose auf Lovecraft’s Geschichte „Aus dem Jenseits“ und spinnt die Geschichte weiter. Denn während Dr. Tillinghast nach seinem unvorsichtigen Kontakt mit fremden Dimensionen in Lovecrafts Geschichte den Tod findet, so ist sein Nachfolger, Dr. Hawkes, erfolgreicher. Ihm gelingt die Erfindung eines Apparates, mit dem sich Portale in die weiteren, uns umgebenden Dimensionen öffnen lassen. Die hier lebenden Wesen haben erstaunliche Eigenheiten, die sich Hawkes und seien Mitstreiter zunutze machen möchten – sehr zu Lasten der vorgefertigten Investigatoren, die als Gestrandete in einem Hooverville der 1930er, dem Amerika der Großen Depression, hausen müssen. Wer wird schon ein paar gescheiterte Existenzen vermissen? Und wer wird ihnen helfen, wenn plötzlich eine ebenso unbekannte wie unheilbare Krankheit unter ihnen ausbricht? Die Investigatoren werden schon selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen müssen.

Beide Abenteuer leben von der ausgeklügelten Figurenkonstellation, welche die Investigatoren fest in der Handlung des jeweiligen Szenarios verankert. Zwar funktionieren Teile der Handlung auch im Rahmen von Kampagnen; mit den vorgefertigten Investigatoren und einer entsprechend spielfreudigen Gruppe entsteht aber eine sogartige Wirkung, die mit „unbeteiligten“ Investigatoren nicht zu erreichen wäre. Beide Szenarien sind darüber hinaus recht drastisch und können äußerst unschön für die Spielgruppen enden. Sie sind damit sicherlich nicht für jede Spielgruppe gleichermaßen geeignet. Wer aber auch mal etwas härteren Tobak vertragen kann, der findet hier kreative und vor allem neuartige Mittel und Wege, um seine Investigatoren in den Wahnsinn zu treiben.

„Namenloser Schrecken in Neuengland“ erscheint als Softcoverband in Schwarz-Weiß. Wie die übrigen „Cthulhu“-Publikationen ist er mit zeitgenössischen Fotografien bebildert, sauber gelayoutet und übersichtlich gestaltet. Die wenigen Karten und Zeichnungen sind eher von durchschnittlicher Qualität. Dafür sind ein paar hilfreiche Grafiken wie Beziehungsgeflechte mit eingefügt. Zu bewundernde Handouts gibt es dieses Mal tatsächlich keine. Technisch ist der Band damit ordentlich, aber auch nicht herausragend, ausgestattet.

Fazit: „Namenloser Schrecken in Neuengland“ präsentiert zwei qualitativ hochwertige und kreativ mit dem Mythos arbeitende Szenarien. Diese sind jedoch unangenehm und gnadenlos und müssen nicht gut ausgehen für die Spieler und ihre Investigatoren. Wer damit umgehen kann, findet hier hervorragenden Nachschub für seine „Cthulhu“-Spielrunde.

Rezension: Halloween

„Cthulhu“ ist ein Horror-Rollenspiel, Halloween ein ganz klassischer Feiertag mit Gruselattitüde. Was scheint näherliegend, als beides zu verbinden? Der vorliegende Band versammelt gleich drei Abenteuer, die sich der Nacht vor Allerheiligen auf ihre eigene Art annehmen.

Im Laufe der langjährigen Geschichte des „Cthulhu“-Rollenspiels gab es bereits zahlreiche Versuche, den Mythos mit eher klassischem oder überdrehtem Horror – wie er eben an Halloween üblich ist – zu verbinden. Gleich zwei Anthologien – mit dem schönen Titel „Blood Brothers“ 1 und 2 – wurden schon früh von Chaosium verlegt. Nun entdeckt auch die deutsche Redaktion Halloween für sich und legt drei Übersetzungen vor, um auch Spielern hierzulande den besonderen Zauber des 31. Oktober am Spieltisch erleben zu lassen.

Eröffnet wird der Reigen mit „Halloween in Dunwich“ von Oscar Rios. Dieses erstmals 2005 erschienene Szenario mischt viele klassisch-cthuloide Motive mit Halloween. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Kindern, die an einer Halloweenfeier bei ihrem Urgroßvater teilnehmen – natürlich stilecht in Dunwich. Doch was heiter beginnt, wird zu einem Spießrutenlauf, denn die Familie umgibt ein uralter Fluch. Eine Hexe, auf die sich die Blutlinie der Familie zurückverfolgen lässt, treibt in der Nacht ihr Unwesen und droht, das Leben aller Mitglieder der Familie zu nehmen. Können die Kinder ihr finsteres Ritual stören?

Auch im zweiten Abenteuer stehen junge Charaktere im Fokus, auch wenn die Spieler hier Teenager mimen dürfen. „Schule der Toten“ stammt aus der Feder von Paul Hebron. Die Charaktere erleben das blutige Ende einer Halloween-Party an ihrer Schule und werden unversehens in das Totenreich gezogen. Hier müssen sie verschiedene Aufgaben meistern, um mit Baron Samedi, Herr über die Toten, über ihre Leben verhandeln zu dürfen. Ein irrer Trip aus Albtraum und Voodoo erwartet die Charaktere.

Und auch das dritte Abenteuer, „Süßes oder Saures“ von Scott David Aniolowski, geizt nicht mit Halloween-Momenten. Immerhin geht eine lebende Vogelscheuche um, die scheinbar wahllos junge Leute umbringt. Doch entpuppt sich das nicht einmal als das größte Problem für die Charaktere …

Allen Abenteuern ist gemein, dass sie kurz und knackig präsentiert werden und problemlos an einem Abend durchgespielt werden können. Damit eignen sie sich hervorragend, um tatsächlich am namensgebenden Tag als Event-One-Shot angeboten zu werden. Und tatsächlich unterscheiden sie sich hinreichend von den oft gediegenen Recherche-Abenteuern, die man sonst oft für „Cthulhu“ findet. Dabei arbeiten alle Abenteuer mit Schock-Momenten, blutigem Horror und klassischen Halloween-Motiven wie Untote und Kürbisköpfen, um ihr besonderes Flair zu verbreiten. Das muss man mögen und ist vielleicht nichts für jede Gruppe. Doch immerhin hält der Inhalt, was der Titel verspricht!

„Halloween“ erscheint als Softcover-Band in Schwarz-Weiß. Wie die übrigen „Cthulhu“-Publikationen ist er mit zeitgenössischen Fotografien bebildert, sauber gelayoutet und übersichtlich gestaltet. Die Verwendung von altertümlichen Halloween-Postkartenmotiven tut sein Übriges, um ein stimmiges Bild des Bandes zu erzeugen. Bis auf einen kleinen Lektoratsfehler – im Zuge der Charaktererschaffung in „Schule der Toten“ wird auf einen nicht vorhandenen, vierten Schritt Bezug genommen – haben auch Korrektorat und Lektorat saubere Arbeit geleistet. Die Handouts sind wieder eine kleine Augenweide. Damit gibt es technisch nur Meckern auf hohem Niveau.

Fazit: Drei kurze, knackige One-Shots, die das Titel-Thema „Halloween“ gekonnt umsetzen. Wer auf der Suche nach gediegenem, cthuloiden Grusel ist, wird hier nicht fündig. Wer aber etwas Abwechslung sucht und auch vor dem einen oder anderen Splatter-Moment nicht zurückschreckt, kann hier bedenkenlos zugreifen.

Rezension: Petersens Abscheulichkeiten

Sandy Petersen ist einer der „Großen Alten“ des cthuloiden Rollenspiels. Immerhin ist er einer der Autoren des lovecraftschen Rollenspiels Nummer 1, „Cthulhu“. Nun hat er einige seiner neuesten Abenteuer zu Papier gebracht. Was uns da wohl erwartet?

Das Vorwort zu „Petersens Abscheulichkeiten“ liest sich denn auch reichlich interessant, plaudert doch der „Große Alte“ höchstselbst ein wenig aus dem Nähkästchen. Alle Szenarien aus dem Band – insgesamt fünf an der Zahl – stammen aus seinen Überlegungen vor Conventions. Die meisten dieser Abenteuer bestanden also – bis die Arbeit an diesem Band begann – eher aus Notizen, Schmierzetteln und den Vorstellungen in Sandys Kopf. Mike Mason, den cthuloiden Spielern sicher bekannt als Herausgeber bei Chaosium und federführend an der aktuellen, siebten Edition von „Cthulhu“ beteiligt, hat diese Notizen sortiert, gesammelt und gemeinsam mit Sandy Petersen in die vorliegende Form gebracht. Und die Szenarien haben es in sich: Sandy stellt im Vorwort die These auf, dass die Leute auf Conventions wohl erwarten, dass „Sandy sie bei Cthulhu umbringt“. Daher sind die Szenarien alles andere als zimperlich.

An dieser Stelle folgt die obligatorische Spoilerwarnung: Spieler, die die Szenarien noch erleben wollen, sollten die Inhaltsangabe überspringen! Alle Szenarien sind als One-Shots mit vorgefertigten Charakteren angelegt. Im ersten Szenario, „Hotel zur Hölle“, erben die Charaktere ein altes Hotel in der Wildnis Kanadas. Während den Renovierungsarbeiten stoßen die Investigatoren nicht nur auf seltsame Spuren aus alter Zeit, sondern die Arbeiter öffnen versehentlich ein Tor zur Hölle. Bald schon bricht rund auf dem Erdkreis das Chaos aus und auch in der kanadischen Wildnis bahnt sich der Weltuntergang an … Im Szenario „Das Wrack“ finden die Investigatoren – allesamt vergnügungssüchtige VIPs an Bord einer Vergnügungsjacht – ein altes Containerschiff auf einem Eisberg. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass hier Schreckliches vorgefallen sein muss – und die Kreatur, die hier gewütet hat, ist immer noch an Bord! Weiter geht es mit „Panákeia“, einem Szenario, das medizinische Forschungen zum Mittelpunkt hat. Hier experimentiert eine junge Medikamentenfirma mit der Milch Shub-Nigguraths und erschafft so willenlose Sklaven und Monstren, die für reichlich Unheil sorgen. Es liegt an den Investigatoren, in die Eingeweide des Firmenkomplexes einzusteigen und hier für ein Ende der Experimente zu sorgen.

Auch das Szenario „Mohole“ ist ein klassisches „Closed Room“-Szenario. Die Investigatoren stellen ein Inspektorenteam dar, das die Arbeiten auf einer Ölbohrinsel inspizieren soll. Leider haben die Bohrungen einen Zugang in das finstere N’Kai geöffnet, sodass der Geist Tsathogguas beginnt, die Leiter der Bohrung in den Wahnsinn zu treiben. Just als die Investigatoren vor Ort sind, bricht nicht nur ein Sturm los, nein, auch die Wesenheiten aus der Tiefe, gemischt mit den wahnsinnigen Handlungen der Menschen an Bord der Bohrinsel, sorgen für Chaos und Tod. Das letzte Szenario, „Die Stimme am Telefon“, greift das klassische Motiv des Untoten im Stile eines Herbert West auf. Der verrückte Dr. Juan Lopez hat die Köpfe einiger Gangmitglieder in eine lebenserhaltene Maschine transferiert. Nun sorgen diese wahnsinnigen Köpfe, die mit Nyarlathoteps Stimme sprechen, dafür, dass die Gang nicht nur immer mehr dem Wahnsinn anheimfällt, sondern auch die Straßen der Stadt reichlich aufmischt. Die Investigatoren sollen herausfinden, was die Gang so erfolgreich macht und werden damit zum Ziel der Köpfe.

Ich muss zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht bin von der Sammlung. Drei der fünf Szenarien sind klassische „Closed-Room“-Szenarien: Die Investigatoren werden gemeinsam mit cthuloidem Ärger auf engstem Raum zusammengesperrt. Das ist wenig innovativ und nur in „Das Wrack“ ist der Gegner so innovativ, dass ich mich näher mit diesem Szenario beschäftigen wollen würde. „Panákeia“ ist eher solide Standard-Kost, womit „Die Stimme am Telefon“ als Höhepunkt des Bandes übrigbleibt. Schlussendlich hat auch die Überarbeitung von Mike Mason den Szenarien nicht unbedingt gutgetan. Ich kann mir vorstellen, dass Sandy Petersen mithilfe einiger Notizen locker durch die Szenarien leiten konnte. Nun sind die Szenarien allerdings durch die schriftlich festgehaltenen Informationen so aufgebläht, dass sie kaum noch als One-Shot funktionieren. Ich gehe sogar so weit, dass einige der Szenarien nahezu an den Rand der Unspielbarkeit gebracht wurden: Immerhin sind im Szenario „Mohole“ nun über vierzig Mitglieder der Bohrmannschaft mehr oder weniger detailliert beschrieben. Ich ziehe meinen Hut vor dem Spielleiter, der das plausibel darstellen will. Schlussendlich sind viele der hier versammelten Informationen dann auch schlicht überflüssig.

„Petersens Abscheulichkeiten“ erscheint als vollfarbiger Hardcoverband mit gleich zwei Lesebändchen und beschlagenen Ecken. Die Illustrationen sind – wie in mancher Publikation – nur teilweise wirklich sehr gut gelungen. Die vorgefertigten Investigatoren sind allesamt gut bebildert und versprechen interessante Konstellationen. Karten und Handouts sind auf dem gewohnt hohen Niveau angesiedelt und reichlich vorhanden. Lektorat und Korrektorat haben einen gewohnt guten Job gemacht. Technisch gibt es damit fast nichts zu meckern.

Fazit: Fünf grausige Ausflüge in cthuloide Gefilde, davon wenig wirklich innovativ und teilweise bis zur Unspielbarkeit aufgebläht. Ich bin nicht wirklich überzeugt von dieser Sammlung. Wer allerdings ein paar beinharte Closed-Room-Szenarien sucht, der wird hier fündig.

Rezension: Fabula Obscura – Das McCready Erbe

Es ist nun fast ein Jahr her, dass ich auf diesen Seiten ein Hörspiel aus der Reihe „Fabula Obscura“ rezensiert habe. Damals habe ich mir „Haus Moreau“ angehört, und war eigentlich recht angetan. Zeit also, einen Blick auf die andere Ausgabe der kurzen Reihe zu werfen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen.

Beginnen wir – wie so oft – mit dem Klappentext, der uns den Inhalt kurz und prägnant verrät:

1924 – Der Engländer William Campbell erbt die Plantage eines ihm völlig unbekannten Verwandten in New Orleans. Traumatisiert von den Wirren des großen Krieges, der in Europa tobte, nimmt er diese Erbschaft mit Freuden an, um ein neues Leben zu beginnen.
Seine Euphorie über das unerwartete Erbe und den damit verbundenen Reichtum wird jedoch schnell getrübt, als es auf der Plantage zu merkwürdigen Todesfällen kommt und William beinahe selbst Opfer eines Anschlages wird.
Wer zieht im Hintergrund die Fäden? Wurde auch sein Erbonkel Opfer eines Anschlages? Und was hat es mit den seltsamen nächtlichen Ritualen der Plantagenarbeiter auf sich?
Als William den Geschehnissen auf die Spur kommt, muss er feststellen, dass sein Gegner bereits ein tödliches Schicksal für ihn bereit hält…

Tatsächlich entfaltet sich auch diese Geschichte nicht so cthuloid, wie es der Untertitel „Inspiriert von H.P. Lovecraft“ vermuten lassen könnte. Tatsächlich geschehen unheimliche Dinge auf dem Landgut des verstorbenen Erbonkels, jedoch wird eine gänzlich andere Erklärung als ausserweltlicher Horror und Schrecken herangezogen. Stattdessen wird – und das passt tatsächlich auch sehr gut zum Setting – viel Bezug auf die Religion des Voodoo genommen. Schön, dass die unterschiedlichen Rollen auch alle ihr Wissensscherflein beizutragen haben und so ein schlüssiges Bild dieser Religion zeichnen, bevor der Horror hereinbricht und wir die Grenzen der Wirklichkeit hinter uns lassen.

Ein wenig cthuloider wird es dann, wenn wir zum Finale der CD hin von den Hintergründen der merkwürdigen Todesfälle erfahren. Denn der Antagonist ist auf der Jagd nach einem seltenen Folianten, der ihm ewiges Leben schenken soll. Dieses Buch im Speziellen ist zwar nicht aus Lovecrafts Werk entlehnt, man merkt hier jedoch, wessen Gedanken Pate für diese Idee standen. Das ist aber auch bereits alles, was einen Bezug auf Lovecraft erahnen lässt. Daneben gibt es einen recht plumpen und ungelenken Versuch, die Geschehnisse in den Sümpfen um New Orleans aus „Der Ruf des Cthulhu“ einzubinden, der aber recht oberflächlich bleibt und der Fantasie des Hörers den Zusammenhang überlässt. Schlussendlich lassen weder die handelnden Protagonisten – die sehr aktiv und mutig in das Geschehen eingreifen – noch die unwirklichen Hintergründe an eine Mythosgeschichte erinnern.

Technisch bin ich dieses Mal ebenfalls nicht hundertprozentig zufrieden. Denn auch wenn die Sprecher abermals überzeugend wirken, so passt die Musikauswahl ein ums andere Mal nicht wirklich zur transportierten Stimmung der Geschichte. Was lakonische Klaviermusik mit dem actionreichen Mystery-Thriller im Südstaaten-Feeling zu tun hat, konnte ich nämlich nicht erhorchen. Da wäre etwas stimmungsvolleres schön gewesen.

Fazit: Ja, auch „Das McCready Erbe“ ist eigentlich eine absolut gelungene Geschichte, in zumeist überzeugender Weise umgesetzt. Punktabzug gibt es allerdings für den nur zu erahnenden cthuloiden Bezug (…da hätte ich mir vom Untertitel mehr erwartet…) und die Musikauswahl.

Rezension: Auf den Spuren H. P. Lovecrafts – Band 3

Der Einfluss des in den 1930ern verstorbenen Howard Philipps Lovecraft auf die moderne Horrorliteratur ist nicht zu leugnen. Auch heute noch werden immer wieder Geschichten veröffentlicht, die auf Lovecrafts Schaffen und Werk Bezug nehmen. So nun auch der vorliegende Comic-Band „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts – Band 3“.

Dieser dritte Band steht dabei bereits in guter, wenn auch recht kurzer Tradition: Bislang veröffentlichte der Verlag Torsten Low vier Sammelbände mit Kurzgeschichten, die allesamt der Untertitel – „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ – eint. Den ersten drei dieser Bände folgte nach der Veröffentlichung eine Adaption als Graphic Novel; der vorliegende dritte Band enthält nun Geschichten aus dem Sammelband „Verbotene Bücher“.

„Verbotene Bücher“ wiederum sind ein starkes, lovecrafteskes Motiv. Kaum jemand, der das von dem verrückten Araber Abdul Al-Hazred verfasste Necronomicon nicht kennt. Doch Lovecraft’s Protagonisten stießen auf manch unheimlichen Folianten, dessen blasphemisches Wissen nicht für den menschlichen Geist gemacht war. Klangvolle Namen wie „Von unaussrpechlichen Kulten“ oder das „De vermis mysteriis“ gehören ebenso zu Lovecrafts kosmischem Horror wie die Großen Alten selbst. Was also lag näher, als den dritten Sammelband mit Kurzgeschichten eben diesem Thema zu widmen?

Eine Lektüre des ingesamt 17 Kurzgeschichten umfassenden Sammelbandes brachte mir abwechslungsreiche und angenehm gruselige Lesestunden. Allerdings emanzipieren sich viele der enthaltenen Geschichten sehr stark von Lovecrafts Herangehensweise an Horror und brachten nicht nur viele eigene, frisch erfundene Mythoswerke mit sondern auch einige sehr moderne Herangehensweisen an den Mythos. Streckenweise hatte ich den Eindruck, dass viele der Geschichten ebenso gut ohne Lovecrafts Stempel funktioniert hätten und mach ein Mythosbezug wirkte recht konstruiert.

Nun also liegt die grafische Adaption von zwei Geschichten aus diesem Sammelband vor. Mit „Köderwurm“ und „Mr. Ashshires Vermächtnis“ wurden zwei Kurzgeschichten ausgewählt, die eine gelungene Einbindung cthuloiden Wirkens mitbringen. Eröffnet wird Band 3 von „Köderwurm“ aus der Feder von Detlef Klewer. Die Handlung ist rasch erzählt: Ein reicher Industrieller und passionierter Angler jagt nach dem größten Fang seines Lebens. Als er bei einem Konkurrenten das Buch „Geheimnisse des Wurms“ entdeckt lässt er nichts unversucht, ebenfalls ein Exemplar dieses Bandes zu ergattern. Als ihm in einer Bibliothek ausgerechnet sein Konkurrent begegnet, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Köderwurm ist eine der Geschichten, deren Protagonist wenig mit Lovecrafts verschrobenen Einsiedlern, die zu neugierig in wurmstichigen Folianten nach Wissen gesucht haben, gemein hat. Eher zufällig stolpert er in die Fallstricken des Mythos und findet sein jähes, unvorhergesehenes Ende. Doch die Einbindung des Mythos ist dennoch sehr gut gelungen und mit einem interessanten Twist gelingt es Klewer, die Brücke hin zu Lovecrafts literarischem Schaffen zu schlagen.

Die zweite ausgewählte Geschichte wiederum, verfasst von Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser, mutet deutlich klassischer an. „Mr. Ashshires Vermächtnis“ ist im viktorianischen England angesiedelt und handelt von dem Wunsch eben jenes Mr. Ashshire endlich Vater zu werden. Auf der Suche nach einem Heilmittel für die Empfängnisschwierigkeiten seiner Gattin wendet er sich alsbald obskuren Aufzeichnungen zu, die ihm ein Unbekannter überlässt. Unwissend, auf welch unheilvolle Kräfte er sich einlässt, vollzieht er ein Ritual, dass zunächst den Anschein hat, Erfolg zu bringen. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse – und es sind keine freudigen Ereignisse, die der Familie Ashshire ins Haus stehen. „Mr. Ashshire Vermächtnis“ bietet im Vergleich zu „Köderwurm“ eine wesentlich gewöhnlichere Herangehensweise an cthuloide Bücher und den Einfluß des Mythos. Einzig die Wandlung des Protagonisten im Verlauf der Handlung und insbesondere im Finale ist ungewöhnlich und gibt der Geschichte eine ganz eigene Note.

Während die Geschichten der Vorgängerbände zumindest teilweise von Stefanie Hammes kunstvoll in Bildern umgesetzt wurden, zeichnet für die grafische Gestaltung von Band 3 Detlef Klewer verantwortlich. Mit konstrastreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen setzt er die Geschichten gekonnt in Szene und schreckt dabei auch vor der einen oder anderen drastischen Darstellung nicht zurück. Insbesondere in den ausdrucksstarken und variantenreichen Portraits der Charaktere liegt die Stärke in Klewers Zeichenstil. Damit wird insbesondere der Einfluss des Mythos auf die Protagonisten der Geschichten eindrucksvoll dargestellt. Umschlag- und Papierqualität des dritten Bandes entsprechen der ordentlichen Qualität der Vorgängerbände. Technisch gibt es damit an dieser Ausgabe von „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ nichts zu meckern.

Fazit: Wie nun bereits erwähnt erscheinen einige Motive der hier versammelten Geschichten wenig „cthuloid“. Puristen auf der Suche nach lovecraftschem Horror könnten daher etwas enttäuscht sein. Das ändert allerdings nichts an der Qualität der gewählten Kurzgeschichten und auch nicht an der gekonnten, grafischen Umsetzung. Insbesondere für Kenner und Liebhaber des Kurzgeschichtenbandes ist „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ absolut empfehlenswert.