Rezension: Fabula Obscura – Das McCready Erbe

Es ist nun fast ein Jahr her, dass ich auf diesen Seiten ein Hörspiel aus der Reihe „Fabula Obscura“ rezensiert habe. Damals habe ich mir „Haus Moreau“ angehört, und war eigentlich recht angetan. Zeit also, einen Blick auf die andere Ausgabe der kurzen Reihe zu werfen und sie auf Herz und Nieren zu prüfen.

Beginnen wir – wie so oft – mit dem Klappentext, der uns den Inhalt kurz und prägnant verrät:

1924 – Der Engländer William Campbell erbt die Plantage eines ihm völlig unbekannten Verwandten in New Orleans. Traumatisiert von den Wirren des großen Krieges, der in Europa tobte, nimmt er diese Erbschaft mit Freuden an, um ein neues Leben zu beginnen.
Seine Euphorie über das unerwartete Erbe und den damit verbundenen Reichtum wird jedoch schnell getrübt, als es auf der Plantage zu merkwürdigen Todesfällen kommt und William beinahe selbst Opfer eines Anschlages wird.
Wer zieht im Hintergrund die Fäden? Wurde auch sein Erbonkel Opfer eines Anschlages? Und was hat es mit den seltsamen nächtlichen Ritualen der Plantagenarbeiter auf sich?
Als William den Geschehnissen auf die Spur kommt, muss er feststellen, dass sein Gegner bereits ein tödliches Schicksal für ihn bereit hält…

Tatsächlich entfaltet sich auch diese Geschichte nicht so cthuloid, wie es der Untertitel „Inspiriert von H.P. Lovecraft“ vermuten lassen könnte. Tatsächlich geschehen unheimliche Dinge auf dem Landgut des verstorbenen Erbonkels, jedoch wird eine gänzlich andere Erklärung als ausserweltlicher Horror und Schrecken herangezogen. Stattdessen wird – und das passt tatsächlich auch sehr gut zum Setting – viel Bezug auf die Religion des Voodoo genommen. Schön, dass die unterschiedlichen Rollen auch alle ihr Wissensscherflein beizutragen haben und so ein schlüssiges Bild dieser Religion zeichnen, bevor der Horror hereinbricht und wir die Grenzen der Wirklichkeit hinter uns lassen.

Ein wenig cthuloider wird es dann, wenn wir zum Finale der CD hin von den Hintergründen der merkwürdigen Todesfälle erfahren. Denn der Antagonist ist auf der Jagd nach einem seltenen Folianten, der ihm ewiges Leben schenken soll. Dieses Buch im Speziellen ist zwar nicht aus Lovecrafts Werk entlehnt, man merkt hier jedoch, wessen Gedanken Pate für diese Idee standen. Das ist aber auch bereits alles, was einen Bezug auf Lovecraft erahnen lässt. Daneben gibt es einen recht plumpen und ungelenken Versuch, die Geschehnisse in den Sümpfen um New Orleans aus „Der Ruf des Cthulhu“ einzubinden, der aber recht oberflächlich bleibt und der Fantasie des Hörers den Zusammenhang überlässt. Schlussendlich lassen weder die handelnden Protagonisten – die sehr aktiv und mutig in das Geschehen eingreifen – noch die unwirklichen Hintergründe an eine Mythosgeschichte erinnern.

Technisch bin ich dieses Mal ebenfalls nicht hundertprozentig zufrieden. Denn auch wenn die Sprecher abermals überzeugend wirken, so passt die Musikauswahl ein ums andere Mal nicht wirklich zur transportierten Stimmung der Geschichte. Was lakonische Klaviermusik mit dem actionreichen Mystery-Thriller im Südstaaten-Feeling zu tun hat, konnte ich nämlich nicht erhorchen. Da wäre etwas stimmungsvolleres schön gewesen.

Fazit: Ja, auch „Das McCready Erbe“ ist eigentlich eine absolut gelungene Geschichte, in zumeist überzeugender Weise umgesetzt. Punktabzug gibt es allerdings für den nur zu erahnenden cthuloiden Bezug (…da hätte ich mir vom Untertitel mehr erwartet…) und die Musikauswahl.

Rezension: Auf den Spuren H. P. Lovecrafts – Band 3

Der Einfluss des in den 1930ern verstorbenen Howard Philipps Lovecraft auf die moderne Horrorliteratur ist nicht zu leugnen. Auch heute noch werden immer wieder Geschichten veröffentlicht, die auf Lovecrafts Schaffen und Werk Bezug nehmen. So nun auch der vorliegende Comic-Band „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts – Band 3“.

Dieser dritte Band steht dabei bereits in guter, wenn auch recht kurzer Tradition: Bislang veröffentlichte der Verlag Torsten Low vier Sammelbände mit Kurzgeschichten, die allesamt der Untertitel – „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ – eint. Den ersten drei dieser Bände folgte nach der Veröffentlichung eine Adaption als Graphic Novel; der vorliegende dritte Band enthält nun Geschichten aus dem Sammelband „Verbotene Bücher“.

„Verbotene Bücher“ wiederum sind ein starkes, lovecrafteskes Motiv. Kaum jemand, der das von dem verrückten Araber Abdul Al-Hazred verfasste Necronomicon nicht kennt. Doch Lovecraft’s Protagonisten stießen auf manch unheimlichen Folianten, dessen blasphemisches Wissen nicht für den menschlichen Geist gemacht war. Klangvolle Namen wie „Von unaussrpechlichen Kulten“ oder das „De vermis mysteriis“ gehören ebenso zu Lovecrafts kosmischem Horror wie die Großen Alten selbst. Was also lag näher, als den dritten Sammelband mit Kurzgeschichten eben diesem Thema zu widmen?

Eine Lektüre des ingesamt 17 Kurzgeschichten umfassenden Sammelbandes brachte mir abwechslungsreiche und angenehm gruselige Lesestunden. Allerdings emanzipieren sich viele der enthaltenen Geschichten sehr stark von Lovecrafts Herangehensweise an Horror und brachten nicht nur viele eigene, frisch erfundene Mythoswerke mit sondern auch einige sehr moderne Herangehensweisen an den Mythos. Streckenweise hatte ich den Eindruck, dass viele der Geschichten ebenso gut ohne Lovecrafts Stempel funktioniert hätten und mach ein Mythosbezug wirkte recht konstruiert.

Nun also liegt die grafische Adaption von zwei Geschichten aus diesem Sammelband vor. Mit „Köderwurm“ und „Mr. Ashshires Vermächtnis“ wurden zwei Kurzgeschichten ausgewählt, die eine gelungene Einbindung cthuloiden Wirkens mitbringen. Eröffnet wird Band 3 von „Köderwurm“ aus der Feder von Detlef Klewer. Die Handlung ist rasch erzählt: Ein reicher Industrieller und passionierter Angler jagt nach dem größten Fang seines Lebens. Als er bei einem Konkurrenten das Buch „Geheimnisse des Wurms“ entdeckt lässt er nichts unversucht, ebenfalls ein Exemplar dieses Bandes zu ergattern. Als ihm in einer Bibliothek ausgerechnet sein Konkurrent begegnet, spitzt sich die Lage dramatisch zu. Köderwurm ist eine der Geschichten, deren Protagonist wenig mit Lovecrafts verschrobenen Einsiedlern, die zu neugierig in wurmstichigen Folianten nach Wissen gesucht haben, gemein hat. Eher zufällig stolpert er in die Fallstricken des Mythos und findet sein jähes, unvorhergesehenes Ende. Doch die Einbindung des Mythos ist dennoch sehr gut gelungen und mit einem interessanten Twist gelingt es Klewer, die Brücke hin zu Lovecrafts literarischem Schaffen zu schlagen.

Die zweite ausgewählte Geschichte wiederum, verfasst von Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser, mutet deutlich klassischer an. „Mr. Ashshires Vermächtnis“ ist im viktorianischen England angesiedelt und handelt von dem Wunsch eben jenes Mr. Ashshire endlich Vater zu werden. Auf der Suche nach einem Heilmittel für die Empfängnisschwierigkeiten seiner Gattin wendet er sich alsbald obskuren Aufzeichnungen zu, die ihm ein Unbekannter überlässt. Unwissend, auf welch unheilvolle Kräfte er sich einlässt, vollzieht er ein Ritual, dass zunächst den Anschein hat, Erfolg zu bringen. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse – und es sind keine freudigen Ereignisse, die der Familie Ashshire ins Haus stehen. „Mr. Ashshire Vermächtnis“ bietet im Vergleich zu „Köderwurm“ eine wesentlich gewöhnlichere Herangehensweise an cthuloide Bücher und den Einfluß des Mythos. Einzig die Wandlung des Protagonisten im Verlauf der Handlung und insbesondere im Finale ist ungewöhnlich und gibt der Geschichte eine ganz eigene Note.

Während die Geschichten der Vorgängerbände zumindest teilweise von Stefanie Hammes kunstvoll in Bildern umgesetzt wurden, zeichnet für die grafische Gestaltung von Band 3 Detlef Klewer verantwortlich. Mit konstrastreichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen setzt er die Geschichten gekonnt in Szene und schreckt dabei auch vor der einen oder anderen drastischen Darstellung nicht zurück. Insbesondere in den ausdrucksstarken und variantenreichen Portraits der Charaktere liegt die Stärke in Klewers Zeichenstil. Damit wird insbesondere der Einfluss des Mythos auf die Protagonisten der Geschichten eindrucksvoll dargestellt. Umschlag- und Papierqualität des dritten Bandes entsprechen der ordentlichen Qualität der Vorgängerbände. Technisch gibt es damit an dieser Ausgabe von „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ nichts zu meckern.

Fazit: Wie nun bereits erwähnt erscheinen einige Motive der hier versammelten Geschichten wenig „cthuloid“. Puristen auf der Suche nach lovecraftschem Horror könnten daher etwas enttäuscht sein. Das ändert allerdings nichts an der Qualität der gewählten Kurzgeschichten und auch nicht an der gekonnten, grafischen Umsetzung. Insbesondere für Kenner und Liebhaber des Kurzgeschichtenbandes ist „Auf den Spuren H. P. Lovecrafts“ absolut empfehlenswert.

Rezensionen: Gruselkabinett 150: Herbert West, der Wieder-Erwecker

150 Ausgaben „Gruselkabinett“. Wie bereits zur letzten „runden“ Nummer widmet Titania Medien diese Jubiläumsausgabe dem Autor, der die moderne Horrorliteratur maßgeblich beeinflusst hat: H. P. Lovecraft. Sein Werk „Herbert West, Reanimator“ lieferte die Vorlage für diese Episode.

Über Howard Phillips Lovecraft ist bereits viel geschrieben worden. Der 1937 verstorbene Schriftsteller gilt als einer der einflussreichsten Autoren im Bereich der Horrorliteratur. Neben seinen Geschichten hinterließ er unzählige Briefe – sowie zahllose Ideen in den Köpfen befreundeter und bekannter Autoren, die bis heute seinen von unaussprechlichen Schrecken bewohnten Kosmos weiter ausschmücken. Dass Lovecraft neben seinem unbestritten wertvollen literarischen Können auch einige schwierige, kontroverse Charakterzüge besaß – sein Rassismus und sein Antisemitismus sind hier nur die bekanntesten – verschweigt auch keiner seiner Biographen. Umso schwerer wiegt sein literarisches Erbe, hat es sich doch abseits all dieser menschenfeindlichen Ansichten einen hohen Stellenwert in der Literatur erarbeiten können.

Jenem Lovecraft widmet das „Gruselkabinett“ also ein weiteres Mal eine Jubiläums-Nummer, in diesem Fall die 150. Die Geschichte „Herbert West, der Wieder-Erwecker“ nimmt ihren Anfang im Jahre 1904. Der junge, hochbegabte aber egozentrische Medizinstudent Herbert West experimentiert während seines Studiums an der Miskatonic University in Arkham an einer Mixtur, mit deren Hilfe Tote zurück ins Leben geholt werden können. Doch nachdem die ersten Forschungen wenig vielversprechend verlaufen, verweigert Dekan Halsey dem jungen Genie die weiteren Mittel. Auf sich alleine gestellt, forschen West und sein bester Freund, Clyde Simcox, weiter.

Jener Clyde Simcox ist es denn auch, der als Erzähler den weiteren Verlauf der Geschichte vor dem gebannten Zuhörer ausbreiten darf. West forscht natürlich mit eigenen Mitteln weiter und schon bald gelingt es ihm, einen Toten wieder zum Leben zu erwecken. Leider ist das Ergebnis jedoch nicht wie erhofft, denn der Wiedererweckte verfällt sofort in Raserei, schlägt wild um sich und kann den jungen Wissenschaftlern entkommen. Doch dieser Rückschlag macht West nur verbissener. Schon bald wagt er sich an weitere Experimente.

Neben dem Horror, der den widerwärtigen Forschungen Wests ohnehin innewohnt, gelingt die Charakterzeichnung des jungen Wissenschaftlers ganz vorzüglich. So begleiten wir West, gemeinsam mit seinem Freund Simcox, auf seinem unaufhaltbaren Weg in den Untergang. Immer widersinniger und irrwitziger werden seine Versuche und immer mehr wandelt sein Geist auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn. So dauert es nicht lange, bis selbst sein bester Freund Simcox mehr Furcht als Freundschaft für diesen Mann empfindet. Und doch findet er nicht die Kraft, sich von dessen Tun abzuwenden und bleibt sein willfähriger Helfershelfer – bis zum großen Finale.

Neben dem hervorragenden Drehbuch von Marc Gruppe sind es vor allem die als West und Simcox auftretenden Sprecher Martin May und Patrick Bach, deren markante Stimmen durch die Handlung tragen. Beide erledigen ihren Auftrag sehr souverän und es ist eine Freude, den jungen Wissenschaftlern auf ihrem Pfad ins Verderben zu lauschen. Bei den Nebenrollen sticht vor allem Horst Naumann hervor. Dessen von zahlreichen Hörspielen bekannter Stimme entlockt die Rolle von Dekan Halsey einige neue, ungewohnte Facetten, die mich zu fesseln wussten. Die verwendeten Klangeffekte sind abermals stimmungsvoll und passend. Einzig musikalisch hätte ich mir hier und da eine andere Komposition gewünscht, was aber auf den Wiedererkennungseffekt mit anderen Lovecraft-Episoden zurückzuführen ist – nicht auf die Qualität der einzelnen Stücke.

Fazit: „Herbert West, der Wieder-Erwecker“ ist nicht nur eine großartige Geschichte, sondern auch in der „Gruselkabinett“-Variante hervorragend umgesetzt. Eine würdige Jubiläums-Nummer und für Genre-Fans absolut empfehlenswert!

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de

Rezension: Schwarzer Mond

Als „Seanchui goes Rlyeh“ noch jung war, war eine meine ersten Amtshandlungen, mir einen Überblick über den damals bereits gigantischen Backkatalog cthuloider Veröffentlichungen zu machen. So wunderte es vielleicht nicht, dass die ersten Rezensionen auf diesen Seiten Material gewidmet war, das längst ausverkauft und nicht mehr ohne weiteres zu bekommen war. Ich selbst habe lange als „Jäger und Sammler“ daran gearbeitet, meine cthuloide Bibliothek so weit zu vervollständigen, dass ich das Gefühl haben konnte, „mitreden“ zu können. Ein umfangreiches Wissen über die bisher erschienenen Abenteuer half mir schlussendlich nicht nur beim Einordnen späterer Rezensionen sondern ist auch für mich mittlerweile als Mitglied des Autorenteams von Vorteil. Der langen Vorrede knapper Sinn? Ich habe mal wieder ein besonderes Schätzchen aus der Bucht gefischt und es mit großem Interesse gelesen. Die Rede ist vom 1994 veröffentlichten „Schwarzer Mond“, einem Abenteuer für CTHULHU, dass unter dem Label „Armageddon Press“ erschien und wohl von der „RuneQuest Gesellschaft e.V.“ herausgegeben wurde. Von den beiden Autoren Sebastian Weitkamp und Kai Christoffer ist mir zumindest ersterer Name in einem ganzen Haufen späterer Publikationen auch weiterhin begegnet. So, widmen wir uns „Schwarzer Mond“.

Die Aufmachung von „Schwarzer Mond“ stimmt direkt nostalgisch. Das Abenteuer erscheint als 34seitiges Heft mit Klammerbindung. Das Heft ist komplett in schwarz-weiß gehalten. Das man sogar Grauabstufungen aussparte, führt bei einigen der verwendeten Photographien zu Rätselraten. Bei den meisten eingestreuten Bildern fällt dieser Umstand aber nicht weiter ins Gewicht. Insgesamt wirkt der Band dadurch allerdings wie aus einem Guss. Die Karten sind nach heutigen Maßstäben eher… zweckdienlich als hübsch, aber gerade die handgezeichnete Umgebungskarte in der Heftmitte hat durchaus Fanzine-Charme. Ähnliches muss man allerdings auch über die Handouts sagen, die zwar – ganz cthulhu-typisch – in Mengen vorliegen, im Design aber sehr, sehr schlicht gehalten sind. Gepaart mit dem einfachen, zweispaltigen Blocksatz hat man wirklich das Gefühl, ein mit Liebe zusammengestelltes Fanzine vor sich zu haben. Das kann vielleicht nicht mit der Präsentation modernen Rollenspielmaterials mithalten, dafür ist die Präsentation übersichtlich und zweckdienlich.

Doch genug der äußeren Werte, worum geht es denn nun? Da ich „Schwarzer Mond“ wohl kaum ohne Spoiler besprechen kann, sei an dieser Stelle die obligatorische Warnung vor selbigen ausgesprochen. Liebe Spieler, der Rest dieses Textes widmet sich an Eure Spielleiter! „Schwarzer Mond“ führt die Investigatoren 1929 nach Kanada, genauer gesagt in das kleine, am Sklavensee gelegene Städtchen Rae. Hier machen sie sich auf die Suche nach einem verschwundenen Mounty, der auf der Suche nach einem verschwundenen Kind ebenfalls verschwand. Zunächst verlaufen alle Spuren irgendwo im Sande, denn die örtliche Polizei macht andere Angaben als andere Zeugen und jeder scheint sich irgendwie zu widersprechen. Schlussendlich gehen aber die Einwohner Raes davon aus, dass der Mounty schon bald wieder auftauchen wird.

Doch das wird er sicher nicht. Was die Spieler an dieser Stelle noch nicht ahnen können ist, dass wenige Tage vor der Ankunft der Investigatoren ein örtlicher Kult – unter der Führung von den Geistern längst verstorbener Kultisten – den Großen Cthulhu höchstselbst heraufbeschworen hat. Dieser liegt nun am Grunde des Sklavensees und wartet auf ein letztes Ritual, um die Siegel des ewigen Schlafes endgültig brechen zu können. Neben dieser sehr endgültigen – wenn auch noch unsichtbaren – Bedrohung sind auch mittlerweile die meisten Einwohner des Städtchens zum Kult konvertiert. Sei es, weil sie Cthulhu höchstselbst gesehen und darüber den Verstand verloren haben oder weil sie wirklich an die Einflüsterungen der jahrhundertealten Lehren glaubten. Den unwissenden Investigatoren steht also eigentlich (fast) das ganze Dorf feindlich gegenüber. In der Folge werden sich die Ereignisse überschlagen. Die Gruppe wird belogen, betrogen, bedroht, irgendwann aus dem Dorf geworfen, (teilweise) wieder entführt und muss schlussendlich alle mühsam zusammengetragenen Puzzlestücke zusammensetzen, um das letzte Ritual der Kultisten zu verhindern. Andernfalls streift Cthulhu höchstselbst in den nächsten Tagen ungehindert über den nordamerikanischen Kontinent…

Die Prämisse des Abenteuers ist zumindest interessant und ist mir in dieser Form auch noch nicht untergekommen. Nein, die cthuloide Apokalypse ist noch NICHT über die Menschheit hereingebrochen, aber DOCH, das ganze Dorf ist voll von Verrückten, die einen Großen Alten gesehen haben. Zumindest vor diesem Hintergrund ist es ein sehr ungewöhnliches Szenario, und auch der Einsatz der verschiedenen Nichtspielercharaktere ist entsprechend oft ungewöhnlich. Davon abgesehen unterscheidet sich das Szenario allerdings kaum von vielen investigativ gefärbten Abenteuern. Es gilt, einige Hinweise zusammenzusuchen, Verbündete zu finden und schlussendlich ein Ritual zu verhindern, um das Ende der Menschheit zu vereiteln.

Der Weg dorthin ist allerdings – leider – mit einigen Unvollkommenheiten des Abenteuers gespickt. Da ist zum einen die Aufbereitung. Zwar hat man an viele kleine Abschnitte mit Zwischenüberschriften gedacht, was das Wiederauffinden von Informationen eigentlich erleichtern sollte. Doch leider sind nahezu alle Informationen in prosaischem Fließtext gehalten, so dass der Spielleiter entweder vorher Stichwortsammlungen anlegen muss oder seine liebe Mühe haben wird, die gewünschte Information auf die Schnelle zu finden. Machen wir uns nichts vor: ich bin ein Freund von prosaischem Fließtext, hilft er mir doch, etwas in Stimmung für das Szenario zu kommen. Hier aber schießen die Autoren manches Mal übers Ziel hinaus (…wenn sie z. B. den voraussichtlichen Gemütszustand der Investigatoren oder ihre wahrscheinlichsten Handlungen beschreiben). Ein zweiter Fallstrick sind einige Szenen, die man pures Railroading nennen muss. Einige NSC können nicht kontaktiert werden („egal, was die Investigatoren auch tun“), während manche Schlüsselszenen (wie die oben angesprochene Entführung zum Finale hin) die Investigatoren sogar komplett ausser Gefecht setzen, ohne ihnen einen Ausweg zu erlauben. Da ist noch ein wenig Nacharbeit vom Spielleiter gefordert, um hier den Spielern kein Gefühl der Gängelung zu geben.

Überhaupt hat der Spielleiter hier Einiges zu erledigen. Denn immerhin sollte die düster-drohende Atmospähre eines Dorfes, in dem jeder Einwohner dem Wahnsinn und dem Tod bereits ins Auge geblickt hat und das dazu noch unter der direkten Nähe eines Großen Alten leidet, irgendwie für die Spieler spür- und greifbar gemacht werden. Das Abenteuer bietet dazu nur wenig Anregungen – einige Vignetten dazu hätten mir noch gut gefallen.

Fazit: Ein interessantes Abenteuer, das muss ich sagen. Aufbereitet mit dem Charme des Selbstgemachten. Wer es noch irgendwo auftreiben kann, macht hier nicht viel falsch. Es lohnt sich.

Rezension: Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos

„Dungeons & Dragons“ und H. P. Lovecrafts Großer Alter Cthulhu: Nur auf den ersten Blick haben diese beiden Themengebiete nichts miteinander zu tun. Denn Rollenspielschöpfer Gary Gygax empfahl bereits in seinem berühmten „Appendix N“, jener Leseliste, die er der ersten Edition von „Dungeons & Dragons“ beifügte, seinen Spielern, sich näher mit Autoren aus Providence zu beschäftigen.

Und so verwundert es vielleicht nicht, dass bereits in frühen Inkarnationen des ersten Rollenspiels der Welt lovecraftsche Schrecken Einzug hielten. Diese eher ungewöhnliche Symbiose hielt sich dann auch konsequent über die Jahre. Immer wieder gab und gibt es Abenteuer für „Dungeons & Dragons“ oder auch das Derivat „Pathfinder“, die sich dem schrecklichen Cthulhu-Mythos widmen. Dass ein Fantasy-Szenario mit seinen strahlenden Helden es traditionell schwer hat, seinen Spielern Horror zu vermitteln, fällt hierbei kaum ins Gewicht. Denn die gewählte Herangehensweise unterscheidet sich schlussendlich doch von klassischeren Horror-Rollenspielen, was völlig in Ordnung ist.

Sandy Petersen ist natürlich vielen Rollenspielern durch seine Arbeit an „Call of Cthulhu“, dem Urvater aller cthuloiden Rollenspiele ein Begriff. Kaum jemand verfügt über einen derartigen Erfahrungsschatz, wenn es um lovecraftsches Rollenspiel geht, wie Petersen. Für seine eigene Spieleschmiede Petersen Games schuf er vorliegendes Werk, „Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos“ für die neueste Inkarnation von „Dungeons & Dragons“, die fünfte Edition. Und so schließt sich ein weiteres Mal der Kreis und Fantasy-Helden dürfen sich mit Lovecrafts Schrecken messen.

Schon ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät die schier unglaubliche Materialfülle, die Petersen hier zusammengetragen hat. Stolze 424 eng bedruckte und großzügig illustrierte Seiten warten auf den Leser. Wer sich bereits ein wenig mit lovecraftschem Rollenspiel auskennt, wird sich gleich heimisch fühlen. So finden sich Regeln für Geistesgestörtheiten, ein Mythos-Grimoire, die geistzersetzenden Folianten des Mythos, liebgewonnene Kulte sowie ein umfangreiches Bestiarium wieder. Aber ein wenig der Reihe nach.

Die ersten Kapitel des Buches wenden sich an die Spieler. So werden gleich vier neue, spielbare Rassen vorgestellt, deren Verbindung zum Cthulhu-Mythos überdeutlich ist. So ist es nun möglich, Katzen aus den Traumlanden ebenso zu verkörpern wie die unheimlichen Mythos-Ghoule, die aquatischen Gnorri oder die hinterhältigen Zoog. Auf den nächsten dreißig Seiten werden dann neue Klassenoptionen für alle möglichen Charakterklassen sowie einige universelle Hintergründe vorgestellt. Hintergründe wie „Irrenarzt“ oder „Mythos-Kultist“ laden dazu ein, die Monstren des Mythos nicht nur zu einer Begegnung am Wegesrand zu machen, sondern gleich die Helden mit dem Mythos zu verstricken und ihn so zum zentralen Kampagnenelement zu machen. Die folgenden Regeln für Furcht und Geistesgestörtheit sind recht rasch abgehandelt und in erster Linie simpel und funktional. Misslungene Proben führen zu Furchtstufen, und wer genügend Furchtstufen ansammelt, läuft Gefahr, nicht nur spielmechanische Nachteile zu erhalten, sondern auch eine Geistesgestörtheit. Abgerundet wird der Spielerteil dann mit neuen Zauberspruchlisten – die so ikonische Sprüche wie „Das ältere Zeichen“ oder diverse „Rufe/Binde“-Zauber beinhalten – sowie einer Beschreibung der bekanntesten Mythosfolianten – allen voran natürlich das gefürchteten Nekronomikons.

Das nächste Kapitel stellt dann Mythos-Kulte und Kultisten aller möglichen Rassen sowie unterschiedlichster Mythos-Entitäten vor. Interessant sind hier die neu eingeführten Rassen – wie die widerwärtigen Tcho-Tcho –, aber auch an eine Beschreibung, wie sich die „klassischen“ Rassen angesichts des Mythos einbinden lassen, wurde gedacht. Die nächsten beiden Kapitel sind zugleich die umfangreichsten des Bandes und erweitern das Arsenal des Spielleiters um eine erkleckliche Anzahl schrecklicher Wesenheiten. Das erste der beiden Kapitel widmet sich den furchtbaren „Großen Alten“, zu denen zum Beispiel Cthulhu persönlich gehört, sowie den äußeren und älteren Göttern, wie dem Dämonensultan Azathoth. Das Kapitel gibt sich große Mühe, jede dieser gottgleichen Wesenheiten zu etwas Besonderem zu machen. Neben reinen Spielwerten werden Umgebungseffekte vorgestellt sowie verschiedene Eskalationsstufen, in die sich diese Wesenheiten entwickeln können. Die hohen Herausforderungsgrade dieser Wesenheiten machen deutlich, dass eine Begegnung mit einer einzelnen dieser Kreaturen den Höhepunkt einer langen Kampagne darstellen sollte. Das letzte Kapitel stellt dann die eher „normale“ Monstren des Mythos vor: Vom Älteren Wesen bis zum Yothaner sind hier alle möglichen und unmöglichen Kreaturen aufgeführt. Umfangreiche Indizes runden den Band schlussendlich ab.

Die Illustrationen des Bandes sind mit dem Adjektiv „opulent“ nur unzureichend beschrieben. Die Zeichnungen bewegen sich auf einem einheitlichen, hohen Niveau und sind äußerst zahlreich über die verschiedenen Seiten verstreut. Ob die direkte Bebilderung der lovecraftschen Wesen etwas von ihrem Schrecken nimmt, darüber mag man streiten. Lovecraft beschrieb seine Wesen schließlich selbst oftmals als „unbeschreiblich“. Dennoch sind die Illustrationen gelungen. Auch das Layout mit seinen verschnörkelten Hintergründen weiß zu gefallen. Technisch gibt es damit nichts zu meckern.

Fazit: Wer darüber nachdenkt, den Cthulhu-Mythos mit seiner „Dungeons & Dragons“-Kampagne zu verbinden, der kommt an diesem Band kaum vorbei. Das gelieferte Material ist umfassend, erschöpfend und inspirierend. Die hohe Informationsdichte, die Kreativität im Umgang mit den Großen Alten und das ansprechende Design lassen nur eine gute Note zu. Empfehlenswert!

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de

Rezension: Arkham Noir – Fall 1: Die Hexenkult-Morde

Ein Solospiel, inspiriert von den zusammenhängenden Erzählungen von H. P. Lovecraft und anderen Autoren? Klingt interessant, wenn auch ungewöhnlich. Riskieren wir doch einmal einen Blick.

„Arkham Noir“ ist ein Kartenspiel für einen Spieler, das auf den Motiven von H. P. Lovecraft und seinen Epigonen basiert. Zahlreiche Motive aus seinen bekannteren „Lovecraft Country“-Geschichten werden verarbeitet und adaptiert, um als Crime-Noir-Geschichte neu erzählt zu werden. So liest sich schon die Einleitung in dieses kleine Spiel unheimlich-stimmungsvoll:

„Die Walpurgisnacht, der Vorabend des ersten Mais, ist seit jeher ein Albtraum im von Hexen heimgesuchten Arkham. Es geschehen finstere Dinge und häufig verschwinden ein oder zwei Kinder spurlos. Dieses Jahr tauchten die Leichen einiger Studenten der Miskatonic-Universität auf, die sich mit okkulten Studien beschäftigt hatten. Die Polizei hat dich aufgrund deiner außergewöhnlichen Expertise gebeten, dieser Angelegenheit nachzugehen. Doch die Zeit drängt. Am Ende der Walpurgisnacht wird die Spur erkalten und die Täter werden sich in die Schatten zurückziehen – bis zum nächsten Hexensabbat, wenn ein neuer Todeszyklus beginnt. Als Privatdetektiv Howard Lovecraft untersuchst du mysteriöse Ereignisse, die auf den Geschichten „Träume im Hexenhaus“ (1933), „Das Ding auf der Schwelle“ (1933) und „Das Unnennbare“ (1923) basieren.“

So, wie nun aber funktioniert das Ganze? Zunächst einmal gilt es die mitgelieferten 64 Karten zu sortieren. Diese sind unterteilt in Hinweiskarten, Fallkarten, einige Übersichtskarten sowie eine Kontaktperson-Karte. Diese Karten werden dann in einer bestimmten Reihenfolge ausgelegt, um einen flüssigen und übersichtlichen Spielablauf zu ermöglichen. Die Fallkarten präsentieren jeweils ein Mordopfer, das dem Hexenkult zum Opfer fiel. Im Laufe des Spiels zieht man Hinweiskarten, die verschiedene Symbole aufweisen. Zum einen gibt es verschiedene Hinweisarten – wie Personen, Indizien oder Orte – zum anderen weist jede Hinweiskarte am Kartenrand Symbole auf. Diese Hinweiskarte werden an das jeweilige Mordopfer angelegt, jedoch nur, wenn die Symbole am Kartenrand zueinander passen. Ziel ist es, Reihen aus mindestens fünf verschiedenen Hinweisen auszulegen, um einen Fall abzuschließen. Dabei legt das Spiel dem findigen Privatdetektiv immer wieder Steine in den Weg. Das Ausspielen einiger Karten erfordert sogenannte Stabilitätstests, die – zu oft misslungen – ein Spiel vorzeitig beenden können. Einige Karten bringen darüber hinaus besondere Voraussetzungen mit, um überhaupt gespielt werden zu können. Und über alledem schwebt der Zeitdruck, denn ist ein Fall zu lange geöffnet erkaltet die Spur und führt zu weiteren Stabilitätsverlusten.

Das Spiel weist dabei einen angenehmen Komplexitätsgrad auf. Es erwartet vorausschauendes Spiel, eine gute Kartenwahl und belohnt gutes Timing. Dabei ist es nicht zu einfach, und es hat mir einige Testrunden abgenötigt, bevor ich es zum ersten Mal gewinnen konnte. Über einfache Regelmechanismen lässt sich der Schwierigkeitsgrad für Vielspieler noch erhöhen. Damit spricht es Taktiker mit einem Hang zum Glücksmoment an.

Zugegeben: Das Spielprinzip, passende Symbole aneinander zu legen, klingt erst einmal wenig lovecraftesk. Das hätte mit verschiedenen Obstsorten und glitzernden Einhörnern als Motivwahl (um ein besonders konträres Beispiel zu wählen) genauso funktioniert. Doch durch die beklemmenden Motive, den ständigen Druck durch die sinkende Stabilität und die düstere Aufmachung der Karten entsteht tatsächlich ein Druck beim Spieler, der durchaus an Lovecrafts Werk anknüpfen kann. Leider lassen sich aus den oft wahllos aneinandergereihten Hinweiskarten allerdings kaum lovecrafteske Geschichten ableiten.

Die verwendeten Grafiken sind zwar mit einfachen Strichen gezeichnet, doch sehr gut gelungen. Die Qualität der Karten ist hochwertig und sie wirken sehr stabil. Und auch der Karton ist durchaus auf Langlebigkeit ausgelegt. Die Verarbeitung des Spiels ist damit absolut gut gelungen.

Fazit: „Arkham Noir“ weiß zu gefallen. Das Spielprinzip spricht den Taktiker an – auch, wenn Glücksmomente durchaus zum Spielprinzip gehören – während die Motive dem Lovecraft-Fan zu gefallen wissen. Wer sich zu einer der beiden Gruppen zählt, darf hier durchaus einen Blick riskieren.

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de

Rezension: Die zweiköpfige Schlange

„Die Welt braucht Helden, jetzt mehr denn je.“ So der pulptypisch-reißerische Untertitel auf der Rückseite des mir vorliegenden Kampagnenbandes. Meine Neugier ist geweckt – hält „Die zweiköpfige Schlange“ was sie verspricht?

Bislang ist gesondertes Material für das hierzulande vor einigen Monaten erschienene „Pulp Cthulhu“ noch rar gesät. Außer den im Regelband enthaltenen Abenteuern sind bislang noch keine weiteren Szenarien für den pulpigen Actionspaß mit den Großen Alten veröffentlicht worden. „Die zweiköpfige Schlange“ ist nun die Übersetzung der ersten von Chaosium verlegten Kampagne für den Pulp-Ableger. Worum geht es?

Die obligatorische Spoilerwarnung ist an dieser Stelle mehr als angebracht. Denn die Kampagne enthält einige Wirrungen und Wendungen, die ich nun zumindest im Groben darlegen werde. Daher sei Spielern dringend angeraten, diese Rezension zu überspringen – sie ist nur für Augen der geneigten Spielleitung bestimmt.

„Die zweiköpfige Schlange“ führt die Helden in die Rolle von Mitarbeitern einer Hilfsorganisation, „Caduceus“. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, medizinische Nothilfe in Krisengebieten zu leisten. So beginnt denn auch der erste Auftrag für die Helden gleich in Bolivien, dass von einem Bürgerkrieg erschüttert wird. Vor Ort müssen die Helden allerdings erfahren, dass Caduceus mehr tut, als humanitäre Hilfe zu leisten: Die Organisation hat sich dem Kampf gegen den Mythos verschrieben, und in Bolivien erhalten die Helden erstmals Kontakt zu den grauenhaften Geschöpfen, die hier am Rande eines Bürgerkriegs ihr Unwesen treiben.

Doch auch in der Folge bleibt nicht alles so, wie es nun auf den zweiten Blick scheint. Tatsächlich spielt Caduceus – oder eher gesagt der undurchsichtige Kopf der Organisation, Joshua Meadham, ein gefährliches Spiel mit den Helden. Denn Caduceus wurde von Schlangenmenschen infiltriert, die im Auftrag Yigs an der Vernichtung der Menschheit arbeiten. Ihre Gegenspieler sind ebenfalls Schlangenmenschen, die eine andere Mythosgottheit anbeten und ihre eigene Vorstellung vom Untergang der Menschheit haben. Und dann gibt es da noch eine uralte Schlangenmenschenzauberin, die ihr ganz eigenes Spiel spielt …

In den folgenden Aufträgen für Caduceus – oder auch auf einer der Gegenseiten – geht es für die Helden tatsächlich einmal rund um die Welt. Sei es Nordborneo, Island, Belgisch-Kongo oder Indien – überall gilt es den Schergen der Schlangenmenschen ein Schnippchen zu schlagen und die Geheimnisse im Hintergrund immer weiter zu entwirren, um schlussendlich stilgerecht den Untergang der Menschheit zu verhindern. Dafür reisen die Helden sogar auf den verschollenen Kontinent Mu, der eine Weltuntergangsmaschine der Schlangenmenschen beherbergt, und können hier – hoffentlich – das Schlimmste verhindern. Ein umfangreicher Index, ausführliche NSC-Beschreibungen sowie zahlreiche neue Regeln wie Zaubersprüche oder Artefakte runden den Band gelungen ab.

Für eine lang angelegte Kampagne ist „Die zweiköpfige Schlange“ absolut vorbildlich aufbereitet. Statt wie an einer Perlenschnur Szenarien aufzufädeln, die ständig bestimmte Abläufe der Vorgänge voraussetzen und so dazu neigen, Spielleiter wie Spieler durch den Handlungsrahmen zu gängeln, setzt „Die zweiköpfige Schlange“ auf maximale Flexibilität. So werden nicht nur die Szenarien teilweise austauschbar präsentiert, sondern es gibt auch ständig Hinweise, wie gewisse Situationen – beispielsweise das vorzeitige Ableben eines wichtigen Kontrahenten – problemlos in den dargestellten „Idealablauf“ eingebaut werden können. Außerdem gibt es – angenehmerweise – diverse Spieltestnotizen, die den Umgang mit einigen Szenen erleichtern. Zusätzlich ist ein ganzes Kapitel einem umrahmenden Handlungsstrang rund um Nachforschungen und Konflikte mit der New Yorker Mafia gewidmet, sodass der Spielleiter wirklich flexibel darin wird, Informationen an seine Spielgruppe zu bringen. Zugegeben: Die Aufbereitung des Materials wird so komplexer, doch die Freiheit der Spielgruppe ist unbestritten.

Angenehm ist auch das stringente Oberthema. Denn obwohl es durchaus verschiedene Mythoswesen im Laufe der Kampagne zu bestaunen und besiegen gilt, eint die Schlangenmenschen-Thematik doch viele Kreaturen, sodass kein „Monster-of-the-Week“-Gefühl entsteht, sondern man das Gefühl hat, es mit einer konsequenten Bedrohung zu tun zu haben. Außerdem sind die Szenarien angenehm pulpig und mit reichlich Action und Cliffhangern versehen. Manches davon ist auch deutlich „over the top“, doch in meinen Augen gehört das zum Genre dazu.

„Die zweiköpfige Schlange“ erscheint als vollfarbiger Hardcoverband. Kartenmaterial gibt es reichlich – dieses orientiert sich im Stil am Regelband und ist damit eher funktional, aber vollkommen ausreichend. Hübscher sind wiederum die Handouts gelungen, von denen es einige zu finden gibt. Die Illustrationen wiederum stammen aus verschiedenen Quellen und sind damit zwar nicht ganz stringent; teilweise sind sie jedoch wirklich sehr gut gelungen. Lektorat und Korrektorat bewegen sich auf gewohnt gutem Niveau.

Fazit: Wer weder Action noch Pulp in seinen „Cthulhu“-Abenteuern mag noch dem Thema „Schlangenmenschen“ etwas abgewinnen kann, der ist hier an der falschen Adresse. Alle anderen erhalten eine vorbildlich aufbereitete und spannende Kampagne für den pulpigen „Cthulhu“-Ableger.

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de