Rezension: Schwarzer Mond

Als „Seanchui goes Rlyeh“ noch jung war, war eine meine ersten Amtshandlungen, mir einen Überblick über den damals bereits gigantischen Backkatalog cthuloider Veröffentlichungen zu machen. So wunderte es vielleicht nicht, dass die ersten Rezensionen auf diesen Seiten Material gewidmet war, das längst ausverkauft und nicht mehr ohne weiteres zu bekommen war. Ich selbst habe lange als „Jäger und Sammler“ daran gearbeitet, meine cthuloide Bibliothek so weit zu vervollständigen, dass ich das Gefühl haben konnte, „mitreden“ zu können. Ein umfangreiches Wissen über die bisher erschienenen Abenteuer half mir schlussendlich nicht nur beim Einordnen späterer Rezensionen sondern ist auch für mich mittlerweile als Mitglied des Autorenteams von Vorteil. Der langen Vorrede knapper Sinn? Ich habe mal wieder ein besonderes Schätzchen aus der Bucht gefischt und es mit großem Interesse gelesen. Die Rede ist vom 1994 veröffentlichten „Schwarzer Mond“, einem Abenteuer für CTHULHU, dass unter dem Label „Armageddon Press“ erschien und wohl von der „RuneQuest Gesellschaft e.V.“ herausgegeben wurde. Von den beiden Autoren Sebastian Weitkamp und Kai Christoffer ist mir zumindest ersterer Name in einem ganzen Haufen späterer Publikationen auch weiterhin begegnet. So, widmen wir uns „Schwarzer Mond“.

Die Aufmachung von „Schwarzer Mond“ stimmt direkt nostalgisch. Das Abenteuer erscheint als 34seitiges Heft mit Klammerbindung. Das Heft ist komplett in schwarz-weiß gehalten. Das man sogar Grauabstufungen aussparte, führt bei einigen der verwendeten Photographien zu Rätselraten. Bei den meisten eingestreuten Bildern fällt dieser Umstand aber nicht weiter ins Gewicht. Insgesamt wirkt der Band dadurch allerdings wie aus einem Guss. Die Karten sind nach heutigen Maßstäben eher… zweckdienlich als hübsch, aber gerade die handgezeichnete Umgebungskarte in der Heftmitte hat durchaus Fanzine-Charme. Ähnliches muss man allerdings auch über die Handouts sagen, die zwar – ganz cthulhu-typisch – in Mengen vorliegen, im Design aber sehr, sehr schlicht gehalten sind. Gepaart mit dem einfachen, zweispaltigen Blocksatz hat man wirklich das Gefühl, ein mit Liebe zusammengestelltes Fanzine vor sich zu haben. Das kann vielleicht nicht mit der Präsentation modernen Rollenspielmaterials mithalten, dafür ist die Präsentation übersichtlich und zweckdienlich.

Doch genug der äußeren Werte, worum geht es denn nun? Da ich „Schwarzer Mond“ wohl kaum ohne Spoiler besprechen kann, sei an dieser Stelle die obligatorische Warnung vor selbigen ausgesprochen. Liebe Spieler, der Rest dieses Textes widmet sich an Eure Spielleiter! „Schwarzer Mond“ führt die Investigatoren 1929 nach Kanada, genauer gesagt in das kleine, am Sklavensee gelegene Städtchen Rae. Hier machen sie sich auf die Suche nach einem verschwundenen Mounty, der auf der Suche nach einem verschwundenen Kind ebenfalls verschwand. Zunächst verlaufen alle Spuren irgendwo im Sande, denn die örtliche Polizei macht andere Angaben als andere Zeugen und jeder scheint sich irgendwie zu widersprechen. Schlussendlich gehen aber die Einwohner Raes davon aus, dass der Mounty schon bald wieder auftauchen wird.

Doch das wird er sicher nicht. Was die Spieler an dieser Stelle noch nicht ahnen können ist, dass wenige Tage vor der Ankunft der Investigatoren ein örtlicher Kult – unter der Führung von den Geistern längst verstorbener Kultisten – den Großen Cthulhu höchstselbst heraufbeschworen hat. Dieser liegt nun am Grunde des Sklavensees und wartet auf ein letztes Ritual, um die Siegel des ewigen Schlafes endgültig brechen zu können. Neben dieser sehr endgültigen – wenn auch noch unsichtbaren – Bedrohung sind auch mittlerweile die meisten Einwohner des Städtchens zum Kult konvertiert. Sei es, weil sie Cthulhu höchstselbst gesehen und darüber den Verstand verloren haben oder weil sie wirklich an die Einflüsterungen der jahrhundertealten Lehren glaubten. Den unwissenden Investigatoren steht also eigentlich (fast) das ganze Dorf feindlich gegenüber. In der Folge werden sich die Ereignisse überschlagen. Die Gruppe wird belogen, betrogen, bedroht, irgendwann aus dem Dorf geworfen, (teilweise) wieder entführt und muss schlussendlich alle mühsam zusammengetragenen Puzzlestücke zusammensetzen, um das letzte Ritual der Kultisten zu verhindern. Andernfalls streift Cthulhu höchstselbst in den nächsten Tagen ungehindert über den nordamerikanischen Kontinent…

Die Prämisse des Abenteuers ist zumindest interessant und ist mir in dieser Form auch noch nicht untergekommen. Nein, die cthuloide Apokalypse ist noch NICHT über die Menschheit hereingebrochen, aber DOCH, das ganze Dorf ist voll von Verrückten, die einen Großen Alten gesehen haben. Zumindest vor diesem Hintergrund ist es ein sehr ungewöhnliches Szenario, und auch der Einsatz der verschiedenen Nichtspielercharaktere ist entsprechend oft ungewöhnlich. Davon abgesehen unterscheidet sich das Szenario allerdings kaum von vielen investigativ gefärbten Abenteuern. Es gilt, einige Hinweise zusammenzusuchen, Verbündete zu finden und schlussendlich ein Ritual zu verhindern, um das Ende der Menschheit zu vereiteln.

Der Weg dorthin ist allerdings – leider – mit einigen Unvollkommenheiten des Abenteuers gespickt. Da ist zum einen die Aufbereitung. Zwar hat man an viele kleine Abschnitte mit Zwischenüberschriften gedacht, was das Wiederauffinden von Informationen eigentlich erleichtern sollte. Doch leider sind nahezu alle Informationen in prosaischem Fließtext gehalten, so dass der Spielleiter entweder vorher Stichwortsammlungen anlegen muss oder seine liebe Mühe haben wird, die gewünschte Information auf die Schnelle zu finden. Machen wir uns nichts vor: ich bin ein Freund von prosaischem Fließtext, hilft er mir doch, etwas in Stimmung für das Szenario zu kommen. Hier aber schießen die Autoren manches Mal übers Ziel hinaus (…wenn sie z. B. den voraussichtlichen Gemütszustand der Investigatoren oder ihre wahrscheinlichsten Handlungen beschreiben). Ein zweiter Fallstrick sind einige Szenen, die man pures Railroading nennen muss. Einige NSC können nicht kontaktiert werden („egal, was die Investigatoren auch tun“), während manche Schlüsselszenen (wie die oben angesprochene Entführung zum Finale hin) die Investigatoren sogar komplett ausser Gefecht setzen, ohne ihnen einen Ausweg zu erlauben. Da ist noch ein wenig Nacharbeit vom Spielleiter gefordert, um hier den Spielern kein Gefühl der Gängelung zu geben.

Überhaupt hat der Spielleiter hier Einiges zu erledigen. Denn immerhin sollte die düster-drohende Atmospähre eines Dorfes, in dem jeder Einwohner dem Wahnsinn und dem Tod bereits ins Auge geblickt hat und das dazu noch unter der direkten Nähe eines Großen Alten leidet, irgendwie für die Spieler spür- und greifbar gemacht werden. Das Abenteuer bietet dazu nur wenig Anregungen – einige Vignetten dazu hätten mir noch gut gefallen.

Fazit: Ein interessantes Abenteuer, das muss ich sagen. Aufbereitet mit dem Charme des Selbstgemachten. Wer es noch irgendwo auftreiben kann, macht hier nicht viel falsch. Es lohnt sich.

Rezension: Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos

„Dungeons & Dragons“ und H. P. Lovecrafts Großer Alter Cthulhu: Nur auf den ersten Blick haben diese beiden Themengebiete nichts miteinander zu tun. Denn Rollenspielschöpfer Gary Gygax empfahl bereits in seinem berühmten „Appendix N“, jener Leseliste, die er der ersten Edition von „Dungeons & Dragons“ beifügte, seinen Spielern, sich näher mit Autoren aus Providence zu beschäftigen.

Und so verwundert es vielleicht nicht, dass bereits in frühen Inkarnationen des ersten Rollenspiels der Welt lovecraftsche Schrecken Einzug hielten. Diese eher ungewöhnliche Symbiose hielt sich dann auch konsequent über die Jahre. Immer wieder gab und gibt es Abenteuer für „Dungeons & Dragons“ oder auch das Derivat „Pathfinder“, die sich dem schrecklichen Cthulhu-Mythos widmen. Dass ein Fantasy-Szenario mit seinen strahlenden Helden es traditionell schwer hat, seinen Spielern Horror zu vermitteln, fällt hierbei kaum ins Gewicht. Denn die gewählte Herangehensweise unterscheidet sich schlussendlich doch von klassischeren Horror-Rollenspielen, was völlig in Ordnung ist.

Sandy Petersen ist natürlich vielen Rollenspielern durch seine Arbeit an „Call of Cthulhu“, dem Urvater aller cthuloiden Rollenspiele ein Begriff. Kaum jemand verfügt über einen derartigen Erfahrungsschatz, wenn es um lovecraftsches Rollenspiel geht, wie Petersen. Für seine eigene Spieleschmiede Petersen Games schuf er vorliegendes Werk, „Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos“ für die neueste Inkarnation von „Dungeons & Dragons“, die fünfte Edition. Und so schließt sich ein weiteres Mal der Kreis und Fantasy-Helden dürfen sich mit Lovecrafts Schrecken messen.

Schon ein erster Blick ins Inhaltsverzeichnis verrät die schier unglaubliche Materialfülle, die Petersen hier zusammengetragen hat. Stolze 424 eng bedruckte und großzügig illustrierte Seiten warten auf den Leser. Wer sich bereits ein wenig mit lovecraftschem Rollenspiel auskennt, wird sich gleich heimisch fühlen. So finden sich Regeln für Geistesgestörtheiten, ein Mythos-Grimoire, die geistzersetzenden Folianten des Mythos, liebgewonnene Kulte sowie ein umfangreiches Bestiarium wieder. Aber ein wenig der Reihe nach.

Die ersten Kapitel des Buches wenden sich an die Spieler. So werden gleich vier neue, spielbare Rassen vorgestellt, deren Verbindung zum Cthulhu-Mythos überdeutlich ist. So ist es nun möglich, Katzen aus den Traumlanden ebenso zu verkörpern wie die unheimlichen Mythos-Ghoule, die aquatischen Gnorri oder die hinterhältigen Zoog. Auf den nächsten dreißig Seiten werden dann neue Klassenoptionen für alle möglichen Charakterklassen sowie einige universelle Hintergründe vorgestellt. Hintergründe wie „Irrenarzt“ oder „Mythos-Kultist“ laden dazu ein, die Monstren des Mythos nicht nur zu einer Begegnung am Wegesrand zu machen, sondern gleich die Helden mit dem Mythos zu verstricken und ihn so zum zentralen Kampagnenelement zu machen. Die folgenden Regeln für Furcht und Geistesgestörtheit sind recht rasch abgehandelt und in erster Linie simpel und funktional. Misslungene Proben führen zu Furchtstufen, und wer genügend Furchtstufen ansammelt, läuft Gefahr, nicht nur spielmechanische Nachteile zu erhalten, sondern auch eine Geistesgestörtheit. Abgerundet wird der Spielerteil dann mit neuen Zauberspruchlisten – die so ikonische Sprüche wie „Das ältere Zeichen“ oder diverse „Rufe/Binde“-Zauber beinhalten – sowie einer Beschreibung der bekanntesten Mythosfolianten – allen voran natürlich das gefürchteten Nekronomikons.

Das nächste Kapitel stellt dann Mythos-Kulte und Kultisten aller möglichen Rassen sowie unterschiedlichster Mythos-Entitäten vor. Interessant sind hier die neu eingeführten Rassen – wie die widerwärtigen Tcho-Tcho –, aber auch an eine Beschreibung, wie sich die „klassischen“ Rassen angesichts des Mythos einbinden lassen, wurde gedacht. Die nächsten beiden Kapitel sind zugleich die umfangreichsten des Bandes und erweitern das Arsenal des Spielleiters um eine erkleckliche Anzahl schrecklicher Wesenheiten. Das erste der beiden Kapitel widmet sich den furchtbaren „Großen Alten“, zu denen zum Beispiel Cthulhu persönlich gehört, sowie den äußeren und älteren Göttern, wie dem Dämonensultan Azathoth. Das Kapitel gibt sich große Mühe, jede dieser gottgleichen Wesenheiten zu etwas Besonderem zu machen. Neben reinen Spielwerten werden Umgebungseffekte vorgestellt sowie verschiedene Eskalationsstufen, in die sich diese Wesenheiten entwickeln können. Die hohen Herausforderungsgrade dieser Wesenheiten machen deutlich, dass eine Begegnung mit einer einzelnen dieser Kreaturen den Höhepunkt einer langen Kampagne darstellen sollte. Das letzte Kapitel stellt dann die eher „normale“ Monstren des Mythos vor: Vom Älteren Wesen bis zum Yothaner sind hier alle möglichen und unmöglichen Kreaturen aufgeführt. Umfangreiche Indizes runden den Band schlussendlich ab.

Die Illustrationen des Bandes sind mit dem Adjektiv „opulent“ nur unzureichend beschrieben. Die Zeichnungen bewegen sich auf einem einheitlichen, hohen Niveau und sind äußerst zahlreich über die verschiedenen Seiten verstreut. Ob die direkte Bebilderung der lovecraftschen Wesen etwas von ihrem Schrecken nimmt, darüber mag man streiten. Lovecraft beschrieb seine Wesen schließlich selbst oftmals als „unbeschreiblich“. Dennoch sind die Illustrationen gelungen. Auch das Layout mit seinen verschnörkelten Hintergründen weiß zu gefallen. Technisch gibt es damit nichts zu meckern.

Fazit: Wer darüber nachdenkt, den Cthulhu-Mythos mit seiner „Dungeons & Dragons“-Kampagne zu verbinden, der kommt an diesem Band kaum vorbei. Das gelieferte Material ist umfassend, erschöpfend und inspirierend. Die hohe Informationsdichte, die Kreativität im Umgang mit den Großen Alten und das ansprechende Design lassen nur eine gute Note zu. Empfehlenswert!

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de

Rezension: Die zweiköpfige Schlange

„Die Welt braucht Helden, jetzt mehr denn je.“ So der pulptypisch-reißerische Untertitel auf der Rückseite des mir vorliegenden Kampagnenbandes. Meine Neugier ist geweckt – hält „Die zweiköpfige Schlange“ was sie verspricht?

Bislang ist gesondertes Material für das hierzulande vor einigen Monaten erschienene „Pulp Cthulhu“ noch rar gesät. Außer den im Regelband enthaltenen Abenteuern sind bislang noch keine weiteren Szenarien für den pulpigen Actionspaß mit den Großen Alten veröffentlicht worden. „Die zweiköpfige Schlange“ ist nun die Übersetzung der ersten von Chaosium verlegten Kampagne für den Pulp-Ableger. Worum geht es?

Die obligatorische Spoilerwarnung ist an dieser Stelle mehr als angebracht. Denn die Kampagne enthält einige Wirrungen und Wendungen, die ich nun zumindest im Groben darlegen werde. Daher sei Spielern dringend angeraten, diese Rezension zu überspringen – sie ist nur für Augen der geneigten Spielleitung bestimmt.

„Die zweiköpfige Schlange“ führt die Helden in die Rolle von Mitarbeitern einer Hilfsorganisation, „Caduceus“. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, medizinische Nothilfe in Krisengebieten zu leisten. So beginnt denn auch der erste Auftrag für die Helden gleich in Bolivien, dass von einem Bürgerkrieg erschüttert wird. Vor Ort müssen die Helden allerdings erfahren, dass Caduceus mehr tut, als humanitäre Hilfe zu leisten: Die Organisation hat sich dem Kampf gegen den Mythos verschrieben, und in Bolivien erhalten die Helden erstmals Kontakt zu den grauenhaften Geschöpfen, die hier am Rande eines Bürgerkriegs ihr Unwesen treiben.

Doch auch in der Folge bleibt nicht alles so, wie es nun auf den zweiten Blick scheint. Tatsächlich spielt Caduceus – oder eher gesagt der undurchsichtige Kopf der Organisation, Joshua Meadham, ein gefährliches Spiel mit den Helden. Denn Caduceus wurde von Schlangenmenschen infiltriert, die im Auftrag Yigs an der Vernichtung der Menschheit arbeiten. Ihre Gegenspieler sind ebenfalls Schlangenmenschen, die eine andere Mythosgottheit anbeten und ihre eigene Vorstellung vom Untergang der Menschheit haben. Und dann gibt es da noch eine uralte Schlangenmenschenzauberin, die ihr ganz eigenes Spiel spielt …

In den folgenden Aufträgen für Caduceus – oder auch auf einer der Gegenseiten – geht es für die Helden tatsächlich einmal rund um die Welt. Sei es Nordborneo, Island, Belgisch-Kongo oder Indien – überall gilt es den Schergen der Schlangenmenschen ein Schnippchen zu schlagen und die Geheimnisse im Hintergrund immer weiter zu entwirren, um schlussendlich stilgerecht den Untergang der Menschheit zu verhindern. Dafür reisen die Helden sogar auf den verschollenen Kontinent Mu, der eine Weltuntergangsmaschine der Schlangenmenschen beherbergt, und können hier – hoffentlich – das Schlimmste verhindern. Ein umfangreicher Index, ausführliche NSC-Beschreibungen sowie zahlreiche neue Regeln wie Zaubersprüche oder Artefakte runden den Band gelungen ab.

Für eine lang angelegte Kampagne ist „Die zweiköpfige Schlange“ absolut vorbildlich aufbereitet. Statt wie an einer Perlenschnur Szenarien aufzufädeln, die ständig bestimmte Abläufe der Vorgänge voraussetzen und so dazu neigen, Spielleiter wie Spieler durch den Handlungsrahmen zu gängeln, setzt „Die zweiköpfige Schlange“ auf maximale Flexibilität. So werden nicht nur die Szenarien teilweise austauschbar präsentiert, sondern es gibt auch ständig Hinweise, wie gewisse Situationen – beispielsweise das vorzeitige Ableben eines wichtigen Kontrahenten – problemlos in den dargestellten „Idealablauf“ eingebaut werden können. Außerdem gibt es – angenehmerweise – diverse Spieltestnotizen, die den Umgang mit einigen Szenen erleichtern. Zusätzlich ist ein ganzes Kapitel einem umrahmenden Handlungsstrang rund um Nachforschungen und Konflikte mit der New Yorker Mafia gewidmet, sodass der Spielleiter wirklich flexibel darin wird, Informationen an seine Spielgruppe zu bringen. Zugegeben: Die Aufbereitung des Materials wird so komplexer, doch die Freiheit der Spielgruppe ist unbestritten.

Angenehm ist auch das stringente Oberthema. Denn obwohl es durchaus verschiedene Mythoswesen im Laufe der Kampagne zu bestaunen und besiegen gilt, eint die Schlangenmenschen-Thematik doch viele Kreaturen, sodass kein „Monster-of-the-Week“-Gefühl entsteht, sondern man das Gefühl hat, es mit einer konsequenten Bedrohung zu tun zu haben. Außerdem sind die Szenarien angenehm pulpig und mit reichlich Action und Cliffhangern versehen. Manches davon ist auch deutlich „over the top“, doch in meinen Augen gehört das zum Genre dazu.

„Die zweiköpfige Schlange“ erscheint als vollfarbiger Hardcoverband. Kartenmaterial gibt es reichlich – dieses orientiert sich im Stil am Regelband und ist damit eher funktional, aber vollkommen ausreichend. Hübscher sind wiederum die Handouts gelungen, von denen es einige zu finden gibt. Die Illustrationen wiederum stammen aus verschiedenen Quellen und sind damit zwar nicht ganz stringent; teilweise sind sie jedoch wirklich sehr gut gelungen. Lektorat und Korrektorat bewegen sich auf gewohnt gutem Niveau.

Fazit: Wer weder Action noch Pulp in seinen „Cthulhu“-Abenteuern mag noch dem Thema „Schlangenmenschen“ etwas abgewinnen kann, der ist hier an der falschen Adresse. Alle anderen erhalten eine vorbildlich aufbereitete und spannende Kampagne für den pulpigen „Cthulhu“-Ableger.

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de

Das Autorennähkästchen I: Die Davenport-Chronik

Hallo zusammen,

wie treue Leser dieses Blogs sicherlich wissen, bin ich seit einiger Zeit Mitglied im Autorenteam für das deutsche CTHULHU. Während sich meine offizielle Publikationsliste bislang dennoch sehr knapp ausnahm, konnte ich in der vergangenen Zeit doch den einen oder anderen Text in der Redaktion platzieren. Einer davon hat nun den Weg zur Veröffentlichung gefunden. Es handelt sich um das Abenteuer „Requiem“, zu finden im Abenteuerband „Die Davenport-Chronik“.

„Die Davenport-Chronik“ beinhaltet verschiedene Abenteuer, die ursprünglich für das CTHULHU-Supportteam geschrieben wurden. Damit tritt sie sozusagen die inoffizielle Nachfolge des Abenteuerbandes „Upton Abbey“ an, der ebenfalls verschiedene Supportabenteuer vereinte. Inhaltlich beschreitet „Die Davenport-Chronik“ dennoch neue Wege, denn alle Abenteuer sind für die gleichen vorgefertigten Investigatoren – nämlich die namensgebende Familie Davenport – geschrieben. Dieser Bezug findet sich dennoch eher oberflächlich in den Abenteuern, doch allesamt funktionieren ganz gut mit den vorgeschlagenen Investigatoren. Dennoch ist es hier einfacher, eigene Investigatoren einzubringen als in manch anderem komplexen Investigatoren-Handlungs-Geflecht.

Während ihr es normalerweise gewohnt seid, an dieser Stelle Rezensionen cthuloiden Spielmaterials zu finden, kann ich natürlich schlecht einen Band rezensieren, an dem ich selbst mitgewirkt habe. Nichts desto trotz ist es mir ein Bedürfnis, darüber zu schreiben, weshalb ich mich dazu entschieden habe, ein wenig aus meinem persönlichen „Autorennähkästchen“ zu plaudern. Da ich mittlerweile an verschiedenen, cthuloiden Bänden mitarbeiten durfte und darf hoffe ich, dieses Nähkästchen noch das eine oder andere Mal öffnen zu können.

Die Geschichte des Abenteuers „Requiem“ ist lange und beginnt bereits im Jahr 2014. In diesem Jahr war eines der Stichworte des „OnePageContests“ von Blog-Kollege Greifenklaue das Wort „Weisheit“. Da ich wie immer etwas cthuloides beisteuern wollte, überlegte ich mir, wie ich dieses Stichwort cthuloid interpretieren konnte. So entstand die Idee, die eigentlich wahnsinnigen Investigatoren, die in einer Nervenheilanstalt einsaßen, zu „Weisen“ zu machen. Schlicht, indem die Welt um sie herum in einem irrsinnigen Chaos versank, dass sie – trotz aller Nervenkrankheit – zu den „Normalen“ werden ließ. Unter dieser Prämisse entstand der Einseiter „Weisheit & Wahnsinn“, den ihr immer noch hier im Downloadbereich finden könnt (KLICK). Von da an ruhte die Idee wieder und wart nicht weiter verfolgt.

Das änderte sich, als Heiko Gill sich auf die Suche nach neuen Support-Abenteuern begab. Im Support mag es sinnvoll erscheinen, die Regeln von CTHULHU ein wenig in den Vordergrund zu stellen oder sogar bestimmte Regelaspekte mehr zu betonen, um sie Neulingen vorstellen zu können. „Gehetzt“ aus „Upton Abbey“ beispielsweise macht exzessiven Gebrauch von den Verfolgungsjagdregeln. Diese Idee aufgreifend machte ich Heiko den Vorschlag, ein Abenteuer zum „Stabilitäts“-Mechanismus beizusteuern. Die Stabilität sollte oft getriggert werden und auch Geistige Umnachtungen und Anfälle von Wahnsinn sollten durchaus im Bereich des Möglichen liegen. Heiko fand die Idee gut und so kramte ich „Weisheit & Wahnsinn“ ein zweites Mal hervor, um basierend auf dessen Konzept ein komplettes Abenteuer zu schreiben. Natürlich musste ich jetzt einige Prämissen ändern – es sollte für mehrere Investigatoren funktionieren und außerdem standen Scherben Azathoths gerade auf der aktuellen Black-List des Verlags. Also dichtete ich den Hintergrund entsprechend um und schuf eine breitere Bandbreite möglicher Stabilitätstrigger. Das Zwischenergebnis landete dann im Support.

Es ist natürlich großartig, wenn ein Abenteuer von verschiedenen Spielleitern im Vorfeld getestet wird. So gab der Support nach einigen Testrunden eine Menge sinnvolles und hervorragendes Feedback, welches in weiten Teilen Einzug in das Abenteuer gehalten hat. Die nun in „Die Davenport-Chronik“ vorliegende Variante wurde im Vergleich zur ursprünglichen Version noch einmal deutlich erweitert und ergänzt. Dank dieser großartigen Supportschleife ist „Requiem“ nun ein Abenteuer mit vielen starken Szenen geworden, viel besser, als meine ursprüngliche Version. Und das ist es schlussendlich auch, was ich an der Arbeit an einem Text mit mehreren Beteiligten so schätze: der kreative Input verschiedener Personen übersteigt meine eigenen Möglichkeiten natürlich um Längen.

Ich hoffe, dass Ihr viel Spaß mit „Die Davenport-Chronik“ (die noch drei weitere Abenteuer enthält, die ich euch gerne empfehlen möchte :-)) habt und freue mich darüber, wenn ihr mir vielleicht sogar ein bißchen Feedback zu „Requiem“ hier hinterlasst!

Die Macht der Walpurgisnacht

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 30. April 2007
Autor: Daniel Neugebauer

cthulhu de stempel bestseller

Am Kreuzweg feiert der Böse sein Fest,
Mit Sang und Klang und Reigen:
Die Eule rafft sich vom heimlichen Nest
Und lädt viel luftige Gäste.
Die stürzen sich jach durch die Lüfte heran,
Geschmückt mit Distel und Drachenzahn,
Und grüßen den harrenden Meister.
Und über die Heide weit und breit
Erschallt es im wilden Getümmel.

– Theodor Storm
Walpurgisnacht

Rauchschwaden ziehen durch die menschenleeren Gassen. Auf dem Hügel brennt ein loderndes Feuer und zahllose schattenhafte Gestalten tanzen um die Flammen herum. Jauchzen und singen, bis die Kehle rau ist und die Stimme krächzt. Man trinkt und lacht hysterisch, wirft immer wieder einen verstohlenen Blick über die Schulter hinein in das Dunkle, was sich um die Flammen zusammenzieht und wartet… Dort in der Finsternis laueren Kräfte die mächtiger sind als alles menschenmögliche und nur der rituelle Schein des Feuers kann die Tanzenden davor bewahren… Zumindest denken sie das!

Wer heute Abend den Tanz in den Mai feiert, der begeht ihn vollkommen anders als unsere Vorfahren vor einigen Hundert Jahren, denn die Mainacht oder auch Walpurgisnacht war ein mythischer Tag, an dem sich die Hexen Scharenweise um den Blocksberg sammelten und ihren schändlichen Riten nachgingen. Nicht ausgelassene Freude und ein zünftiger Umtrunk bestimmt den Abend, sondern nacktes Entsetzen! Die einfachen Bauern bemühten sich die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu treffen, um das Böse mit allen Mitteln abzuwehren.

So war es im 19. Jahrhundert noch üblich, „creuze an die thüre zu schreiben“, damit die Hexen nicht hereinkamen und in der Nacht läuteten geweihte Glocken von den Kirchtürmen, die verhindern sollten, dass die mit dem „teufel tanzenden hexen“ den Menschen in irgendeiner Weise schaden konnten. Wer sich allerdings, in einem Anfall von Wahnsinn oder Tollkühnheit, die Hexen und ihr Treiben ansehen wollte, der musste alle Kleider verkehrt herum anziehen und rückwärts bis zu einem Kreuzweg kriechen, erst dann konnten ihm die Hexen nichts antun. Dagegen halfen bei der bloßen Erkennung von Hexen, drei Getreidekörner, die in einem Laib Brot gefunden wurden. Wer diese bei sich trug, konnte jede Hexe „mit melkkübeln auf den köpfen in der kirche“ sehen.
Tatsächlich versuchten die meisten Bauern sich aber hinter einem knisternden Maifeuer in Sicherheit zu bringen. Je mehr Rauch dabei über die nahen Felder zog, desto weniger Hexen konnten den Feldern und dem Vieh etwas mit ihren Flüchen antun.
Der Maibaum selbst (die erste dokumentierte Errichtung stammte aus Aachen aus dem Jahre 1225) der an besagtem Tage aufgestellt wurde, musste, bevor er seinem Zweck diente, gründlich geschält werden, damit auch kein Hexenweib sich an ihm festsetzen konnte. Blühende Zweige boten dem eigenen Heim zudem einen gewissen Schutz vor den Kindern und Anbetern des Teufels. Die Angst vor der Kraft der Hexen traf im übrigen auch die Rinder: Pünktlich am ersten Tag des Mais wurde ihnen mit einem Besen über den Rücken gestrichen, dies, so sagte man, halte jegliche Hexen und Flüche fern. Dasselbe soll man auch mit Tautropfen erreichen können, ein Bad im Tau soll sogar einen Menschen attraktiver machen, wenn es nur in bekannter Hexennacht genommen wird.

Die Angst vor Hexen ist nicht unbegründet, denn ihre Kräfte sind zerstörerisch und heimtückisch. Natürlich sind Ratschläge aus dem Buch der Deutschen Mythologie von den Gebrüder Grimm genauso nutzlos wie die Hinweise aus dem Handbuch des Deutschen Aberglaubens. Aber immerhin lassen sich Ansätze von Wahrheit darin erkennen. Nehmen wir beispielsweise den ominösen frischen Zweig, der ein Heim vor dem Übergriff einer Hexe schützen soll. Tatsächlich ist es kein Zweig sondern eher das klassische Ältere Zeichen was einen Schutz gegen die Hexen darstellt! In weiser Voraussicht an die Tür gezeichnet, können Hexen nicht das Haus betreten. Auf den Ratschlag mit verkehrt herum angezogenen Kleidern, sollte man jedoch verzichten, es gibt keine bessere Art sich schneller in die Fängen eines Hexenzirkels zu begeben als so.

Szenarioidee

Manfred Plant, war schon immer ein neugieriger Zeitgenosse gewesen und bei der städtischen Zeitung war er mit diesem Charakterzug genau richtig. Seit einiger Zeit verschwanden Kinder zwischen sechs und zehn Jahren in regelmäßigen Abständen und Plant war ganz heiß auf die Story. Er folgte jeder noch so obskuren Spur, horchte die Polizei aus, die Obdachlosen und die Familien der verschwunden. Er setzte alles daran den Fall zu knacken und gab sich seiner nagenden Neugier vollkommen hin. Der Tipp den er einer Tages unter seinem Türschlitz fand, sollte ihn jedoch für immer davon kurieren. Natürlich schenkte er ihm zuerst keinen Glauben, aber doch… es war eine Spur und er mochte verdammt sein, wenn er dem nicht nachgehen würde! So schnappte er sich einige obskure Bücher, wirrer Unsinn von Verrückten niedergeschrieben und von noch Irrsinnigeren als Wahrheit hingestellt. Zwischen all diesen Halbwahrheiten und Lügen fand er endlich die Stelle auf die der Zettel anspielte: Die Walpurgisnacht im Schwarzen Buch. Er überflog kurz die Stelle und machte sich Notizen. Der Abschnitte genügte um für ihn das Abendessen ausfallen zu lassen und sich vorzubereiten, indem er seine Kleider ablegte und verkehrt herum anzog. Manfred Plant fand wonach er suchte in der Nacht vom ersten Mai. Sie tanzten um ein loderndes Feuer herum, kreischten und sagen Loblieder auf die Alten. Als sie ihn entdeckten war er sich seines Schutzes sicher, doch sie lachten nur und er sah zu, wie sie ihm ein Messer reichten und er marionettengleich zum Altar ging, auf dem das Kind lag und wie er dann immer wieder mit dem Messer hinab fuhr, wieder und wieder…

Der Journalist wurde am folgenden Tag festgenommen, als er mit dem zerstochenen Leib eines acht jährigen Mädchens durch die Innenstadt taumelte. Sogar jetzt noch ruft er nach Hilfe und beteuert, dass er nicht der Täter war, dass die Hexen ihn dazu gebracht hätten. Morgen soll die Verhandlung beginnen, wenn jemand Manfred Plant helfen kann, muss es schnell gehen!

Die Arkham Akten – Der Fall Julia-Anne Kendall

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 10. November 2007
Autor: Daniel Neugebauer

cthulhu de stempel bestseller

Patient: Julia-Anne Kendall
Betreuender Arzt: Dr. Benjamin Raft
Fallnummer: JAK-158/DF9

Fallbeschreibung:
Ich nutze diesen Raum für einen persönlichen Kommentar zu diesem außergewöhnlichen Fall. Ich kann bezeugen, dass nichts hiervon in irgendeiner Weise erfunden oder übertrieben dargestellt ist, es ist die reine Wahrheit. Ich bin der praktizierende Arzt für die 8 jährige Julia-Anne Kendall, die im Herbst des Jahres 1928 vom St. John Waisenhaus zu uns gebracht wurde. Es ist durchaus ungewöhnlich ein achtjähriges Kind in einem Sanatorium unterzubringen, doch sie müssen verstehen, dass der Fall wirklich sehr ernst war, wie sie aus der beiliegenden Akte ja entnehmen können. Wir richteten für das Mädchen einen eigenen Raum ganz in der Nähe des Schwesterzimmers ein und bemühten uns ein möglichst kindgerechtes Umfeld zu schaffen. Julia-Anne schien in den ersten Wochen nur wenig auffällig zu sein. Sie liebte es, sich kreativ zu äußern und legte dabei ein erstaunliches Talent an den Tag Bilder und neuerdings auch Skulpturen zu gestalten, die im rechten Licht betrachtet nicht nur außergewöhnlich kunstfertig, sondern auch zu einem gewissen Teil Angst einflössend waren. Ich war mir nicht klar, welche Dämonen dieses Kind zu diesem Zeitpunkt quälten, doch ich sollte es bald erfahren. Es war Anfang November als Julia-Anne die Maske vollendete. Es war ein schreckliches Ding und erinnerte an eine Gasmaske mit mehr als einem Schlauch und eine Schwester erschrak fürchterlich, als sie Julia-Anne zum ersten Mal mit dem Ding auf dem Kopf in der Zelle sah. Doch die Schwester war nicht die einzige die sich vor dem Ding fürchtete. Wir hatten Patienten die steif und fest behaupteten nachts von dieser Maske geträumt zu haben und das sich ihre Schläuche an den Köpfen fest sogen und fürchterliche Schmerzen verbreiteten. Pete Fredricks gehörte dazu, ein trunksüchtiger Ire, den ständige Halluzinationen plagten. Er war der festen Meinung, dass sich die Maske durch die Wände Zugang zu seiner Zelle verschaffen würde. Ich erhöhte daraufhin die Medikamentation und schob diese Geschichten beiseite, wie es jeder gute Arzt gemacht hätte. Ich versuchte jedoch Julia-Anne nach dieser Maske auszufragen, doch das Mädchen schien gar nicht zu wissen wovon ich sprach. Sie behauptete die Maske nicht gefertigt zu haben und das sie so etwas auch noch nie gesehen hätte. Ich beschloss daraufhin die Maske an mich zu nehmen und das Mädchen schien einverstanden zu sein, auch wenn ich meinte einen böswilligen Blick in ihren Augen gesehen zu haben, als ich die Tür hinter ihr schloss. Die Maske, aus Pappmaché gefertigt und für Kinderhände wirklich mit ausgefallnen Ziselierungen und Details bedacht, verbreitete, das gebe ich ganz offen zu, auch in mir ein unbehagliches Gefühl. Ich schob diese Gedanken jedoch beiseite und legte das Ding in eine Schublade und kümmerte mich um Julia-Annes Akte. Sie war schon immer kreativ veranlagt gewesen und vielleicht lag darin der Schlüssel für ihre Erkrankung und ich beschloss ihre Bilder und Plastiken genauer zu untersuchen. Ich muss darüber wohl eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen wieder öffnete war es bereits dunkel. Ich beschloss die Arbeit für heute zu beenden und nach Hause zu fahren. Die Akten legte ich zu der Maske und… Die Maske war verschwunden. Ich hörte außerhalb meines Büros Schritte, der Dieb konnte nicht weit sein. Draußen war jedoch niemand, ich sah nur das Licht aus Julia-Annes Zelle scheinen. Sie saß dort im Schneidersitz auf den Boden und nuschelte etwas in sich hinein. Ihr Kopf von der Maske bedeckt. Ein Schrei ging durch den Korridor, es war eine der hinteren Zelle. Als ich ankam war es schon zu spät. Pete Fredricks war tot. Auf seinem Schädel fand ich große runde Löcher. Das Gehirn war verschwunden. Daraufhin verlangte ich die Verlegung von Julia Anne, da ich mich nicht in der Lage sah, sie weiterhin zu behandeln, doch sie wurde abgelehnt. Nun sitze ich hier in meinem Büro und es ist inzwischen der fünfte Tod den wir zu beklagen haben und ich frage mich: Ist das Wohl vieler, bedeutender als das Wohl eines einzelnen? Und was ist, wenn der Einzelne ein Kind ist…

Die Arkham Akten – Der Fall John Doe

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 26. Oktober 2007
Autor: Daniel Neugebauer

cthulhu de stempel bestseller

Patient: John Doe/Wuen Li-Ging
Betreuender Arzt: Dr. Clifford Samson
Fallnummer: JD-012/Q

Äußere Beschreibung:
Männlich, Alter in etwa 35 Jahre, asiatische Herkunft, Brillenträger, körperlich gesund, Name unbekannt in den Akten zu führen als John Doe, wie sich herausstellte mit richtigem Namen Wuen Li-Ging.

Besondere Merkmale:
Tätowierungen am ganzen Körper, vor allem im Bereich des Rückens, des Bauches und der Oberschenkel, Zeichen gehören zu einem mir unbekannten Alphabet.

Fallbeschreibung:
John Doe wurde von der örtlichen Polizei in Kingsport am Hafen aufgegriffen. Er machte einen verwirrten Eindruck und stammelte etwas in einer den Polizisten unbekannten Sprache. Aufgrund seiner asiatischen Herkunft, dachten die Beamten das es sich um Chinesisch oder dergleichen handelte, da der Mann jedoch einen völlig desorientierten Eindruck machte und zudem kein Wort Englisch sprach, wurde er auf die örtliche Wache mitgenommen. Zeitgleich kümmerte sich eine Streife darum am Hafen nachzufragen, ob der Mann irgendwo auf einem Schiff seinen Dienst getan hat, doch keiner der Kapitäne und Dockarbeiter kannte den Mann. Da sich sein Zustand auch nach einigen Stunden nicht besserte, verständigte man das Arkham Sanatorium und ich nahm mich des Unbekannten an. Er wurde um 16:40 schlafend eingeliefert. Da er sich in einem desolaten Zustand befand, ordnete ich ein Bad und eine Entlausung an, die von Pfleger Jackson durchgeführt wurde. Er berichtete später, dass der Patient erst bei der Entlausung die Augen aufschlug und wild zu schreien begann. Kurz nachdem John Doe ruhig gestellt wurde, verständigte mich Jackson. Als ich den Badbereich erreichte, zeigte Jackson nervös auf die zusammengesackte Gestalt am Boden. John Doe war über und über mit Tätowierungen bedeckt, doch Jackson schwor, dass sie vorher nicht da gewesen seien. Hier sei gesagt, dass Jacksons Akte (bis auf einige Kranketage) ausgezeichnet ist und ich seinem Wort Glauben schenkte. Da John Doe nicht bei Bewusstsein war, konnte ich einen genaueren Blick auf die Tätowierungen werfen, die einem Alphabet zugehörig waren, das mir noch nie untergekommen ist. Jackson brachte John Doe in seine Zelle und ich informierte die Universität Miskatonic. Drei Herren kamen, darunter auch Dr. Armitage, der Bibliothekar der Universität und wir untersuchten gemeinsam den Mann. Die Herren baten mich nach einer Weile sie und den Patienten allein zu lassen, ich folgte ihrem Wunsch und konnte die Zeit nutzen, meinen ausstehenden Bericht zu schreiben. Als die Wissenschaftler sich wieder bei mir meldeten, sagten sie, dass sie gerne mit John Doe sprechen würden, wenn er wieder zu sich kommen würde und ich bestätigte, dass ich sie sofort telefonisch informieren würde. Die Männer der Universität schienen beunruhigt und ich erinnere mich nun auch, dass einige unserer ärmsten Insassen eine doppelte Dosis an Beruhigungsmitteln benötigten um überhaupt etwas Schlaf zu finden. Am folgenden Tag, war John Doe ansprechbar, doch wie durch ein Wunder waren die Zeichen verschwunden!

Ich telefonierte Dr. Armitage an und trotz der morgendlichen Vorlesungen und universitären Verpflichtungen, eilten alle Drei sofort zum Sanatorium. Derweil führte ich mit John Doe ein Gespräch auf Englisch und der Mann, dessen Name sich als Wuen Li-Ging entpuppte, berichtete das er keinerlei Erinnerungen habe, wie oder warum er hierher nach Arkham gekommen ist. Das Letzte an was er sich erinnerte war, dass sein Schiff, die Maria-Julia in einen Sturm geriet. Kurz darauf kamen auch schon die Herren Professoren und sie baten mich Mr. Wuen zu entlassen, doch ich konnte dieser Bitte nicht nachkommen. Offensichtlich litt der Mann an einem schweren Fall von Amnesie und Persönlichkeitsstörung und so sehr ich Dr. Armitages Meinung auch schätze, ich musste ihm eine Absage erteilen, denn das Wohl des Patienten steht über allem. Mr. Wuen willigte ein noch einige Tage zur Beobachtung zu bleiben, doch zu einer Untersuchung kam es nicht mehr. In der Nacht auf den nächsten Tag verschwand Mr. Wuen spurlos. Kein Zeichen eines Ausbruches war vorhanden und auch der Nachtwächter, der alte Giles Fernham hatte nichts Besonderes gesehen. Ich verständigte Dr. Armitage über diese Tatsache und dieser zeigte sich sehr besorgt, doch zugleich beruhigte er mich in freundschaftlicher Weise und versicherte mir seine Hilfe, sollte ich sie brauchen. Trotz einer groß angelegten Suche und eines Phantomzeichners, ist Mr. Wuen nicht gefunden worden und einer der seltsamsten Fälle unseres Sanatoriums wird niemals zum Abschluss gebracht werden. Ich frage mich noch immer was diesem Mann nur passiert sein mag und wo er jetzt ist.

Gez.
Dr. Clifford Samson