Rezension: In Nomine Tenebrae – Im Namen der Dunkelheit

Der Ausstoß von Printpublikationen für das cthuloide Mittelaltersetting ließ seit dem Quellen- und Abenteuerband über Kreuzzüge leider zu wünschen übrig. Für Abhilfe sorgten in jüngster Zeit zwei PDF-Veröffentlichungen. Während zum einen unter dem Titel „Die Nacht der Phantome“ ein brandneues Abenteuer erschien, wurden mit „In Nomine Tenebrae – Im Namen der Dunkelheit“ die drei Siegerabenteuer des Wettbewerbs „Cthulhu im Mittelalter“ aus dem Jahr 2010 veröffentlicht. Einen Wettbewerb konnten diese drei Szenarien bereits siegreich abschließen – doch lohnt sich auch der Kauf des PDF?

innominetenebrae„Kein Fantasy mit einer Halloween-Maske“ – das war das Motto des Mittelalterwettbewerbs. Vorwegnehmend kann ich sagen, dass diese Aufgabe von allen drei vorliegenden Szenarien gut gelöst wurde. Jedem Szenario merkt man an, dass es eben im irdischen Mittelalter angesiedelt ist, und dass jeder handelnde NSC den zerstörerischen Mächten des Mythos ähnlich hilflos gegenübersteht wie so oft die Charaktere. Viele Szenen sind historisch authentisch, und nicht zuletzt der Detailreichtum recherchierter Hintergrundinformationen sorgt dafür, dass keines der Szenarien in die Fantasy abdriftet.

Als erstes wird „Something Wicked“, das Siegerszenario von Stefan Droste, näher vorgestellt. „Something Wicked“ basiert locker auf Shakespeares Macbeth, löst sich aber weit genug von den Vorgaben des Stückes, um dem Mythos Einzug in die Handlung zu gewähren. Das Szenario ist als sogenannter One-Shot mit vorgefertigten Charakteren angelegt. Als der schottische König verkündet, dass fortan nicht mehr der Stärkste unter den Clanführern König sein soll, sondern eine Erbmonarchie Schottland in eine Zeit der Ruhe und Stabilität führen soll, erhebt sich das Land selbst. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Ein vorbildlich aufbereiteter Hintergrund, liebevoll gestaltete Spielercharaktere, viele gruselige Szenen mit vielen Freiheiten für die Protagonisten und nicht zuletzt viele frische Ideen machen aus „Something Wicked“ das Highlight des Bandes.

Das zweite Szenario, „Die Augen von Rethra“ von Caillean Kompe, konnte den dritten Platz erringen. Eine Brautwerbung führt die Charaktere über Magdeburg tief in slawisches Gebiet. Hier stoßen sie auf einen Priesterkult, der sich längst wesentlich finstereren Mächten verschrieben hat, als irgendwelchen heidnischen Götzen. Das Szenario kann mit umfangreichem und gut recherchiertem Hintergrundmaterial punkten. Auch, dass viele alte slawische Sagen vorgestellt werden und einen Platz in der Handlung finden, weiß zu gefallen. Leider lässt dafür die Ausarbeitung des eigentlichen Plots zu wünschen übrig: Zu oft geschehen Dinge mit den Charakteren, auf die die Gruppe keinen Einfluss nehmen kann. „Railroading“ scheint vorprogrammiert, und es gibt wenig Hinweise für den Spielleiter, dessen Gruppe den geplanten Abenteuerpfad verlässt.

Mit „Der Täufer“, dem zweitplatzierten Wettbewerbsbeitrag von Benjamin Lutz und Möritz Röder, wird der vorliegende Band abgeschlossen. Handlungsort des Abenteuers ist Italien und hier insbesondere die Städte Pisa und Venedig. Auf den Spuren eines alten Freundes stoßen die Charaktere auf einen furchtbaren Kult um Tiefe Wesen, der die italienische Politik und Kirche bis in die höchsten Kreise infiltriert zu haben scheint. Kann die Gruppe die Pläne der Hybriden durchkreuzen? Was nach einem Hauch von Innsmouth klingt, stellt sich als handfestes Action-Szenario heraus, in dem es nicht nur im Finale heftig zur Sache geht. Ähnlich wie im Abenteuer „Die Augen von Rethra“ liegen die Stärken in den historischen Fakten, die Schwächen im sogenannten Railroading: Mehr noch als im zweiten Szenario werden hier filmreife Szenen aneinander gereiht, die die Charaktere leider zu oft zu Zuschauern degradieren.

Wie für „Cthulhu“-Publikationen üblich, ist allen Szenarien eine kurze Handlungsübersicht vorangestellt, während alle spielrelevanten Daten und Handouts in Anhängen zusammengefasst sind. Dieses Muster hat sich bewährt und bietet dem Spielleiter gute Arbeitsbedingungen bei der Vorbereitung und Leitung des Szenarios. Spieltestberichte runden die ersten beiden Szenarien ab.

Die grafische Aufmachung des 97-seitigen PDFs entspricht dem mit der 3. Edition eingeführten Design der Printpublikationen und ist damit sehr schön ausgefallen. Mittelalterlich authentische Bilder geben einen stimmungsvollen Einblick in das Geschehen, das gesamte Layout erinnert an einen alten Folianten. Leider sind auch einige Photographien zur Bebilderung verwendet worden, was das mittelalterliche Flair zerstört Die Handouts sind – wie für „Cthulhu“-Publikationen fast schon zu erwarten – sehr schön gestaltet.. Dem entgegen sind einige der beiliegenden Karten eher auf mittlerem Fanzine-Niveau angesiedelt und werden einer professionellen Publikation nicht gerecht.

Fazit: Alleine „Something Wicked“ rechtfertigt fast den Kauf dieses Sammelbandes. Die übrigen Szenarien haben ihre Schwächen in der Aufbereitung; ein improvisationsfreudiger Spielleiter findet hier aber immerhin gute Ideen. Eine uneingeschränkte Kaufempfehlung gibt es hier aber nicht. Wer sich schon immer gefragt hat, wie mittelalterliche „Cthulhu“-Abenteuer aussehen können, wird sicherlich fündig, alle anderen finden sicher „Cthulhu“-Publikationen mit einem besseren Preis-Leistungsverhältnis. 6 Sterne für „Something Wicked“, jeweils einer wird für die Railroading-Szenen in den anderen Szenarien abgezogen, ein weiterer für die Photographien und Teile der abgebildeten Karten.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de.

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