Rezension: Chartae Cthulhiana

Mit der siebten Edition geht „Cthulhu“ neue Wege. Neben einem ganzen Schwung von neuen Regeln hat sich auch an der Publikationsvielfalt für das Rollenspiel rund um gediegenen Horror nach H. P. Lovecraft einiges getan. Neuester Zuwachs der Produktpalette ist die Kartensammlung „Chartae Cthulhiana“. Aber was genau hat es damit auf sich?

Nach dem Öffnen der auffällig designten Schachtel, die in der Größe an die Zwei-Personen-Spiele aus dem Hause Pegasus erinnert, fällt dem geneigten Spielleiter ein ganzer Haufen unterschiedlicher Karten entgegen. Nachdem man die Plastikfolie um die unterschiedlichen Decks entfernt hat, stellt sich auch gleich die erste Ernüchterung ein: denn auf ein funktionales Inlay, um die Karten auch wieder geordnet, oder auch nur ordentlich, wieder verstauen zu können, wurde leider verzichtet. So muss man selbst zu Gummis oder Klarsichtbeuteln greifen, um nicht jedes Mal aufs Neue die unterschiedlichen Kartentypen durchsortieren zu müssen.

Wenden wir uns dem eigentlichen Inhalt zu, denn darum geht es ja eigentlich. „Chartae Cthulhiana“ enthält 240 Spielkarten, die in vier verschiedene Kartensets sortiert sind. Diese Sets sollen das Leben von Spielern wie Spielleitern des Rollenspiels erleichtern. Allen Karten ist gemein, dass sie auf der Vorderseite den Namen der Karte abbilden und mit einer passenden Illustration versehen sind, während auf der Rückseite Spielwerte und beschreibende Texte Verwendung finden.

Das erste Deck ist „Das Deck der ausgefallenen Personen“. Dieses Deck versammelt über 70 verschiedene Nichtspielercharaktere mit ihren Spielwerten. Dank der knappen Hintergrundbeschreibung, die sich aus den „Cthulhu“-typischen Eckpunkten wie „Glaube/Weltsicht“ oder „Wesenszüge“ zusammensetzt, bekommt man neben den Spielwerten auch gleich eine ganz gute Vorstellung von der Persönlichkeit des Charakters. Illustriert werden die – regelseitig für die 20er-Jahre konzipierten – Charaktere mit passenden Fotografien. Der Wertesatz erlaubt es auch, die Karten als Ersatz-Investigatoren oder bei einem One Shot gleich als Gruppe zu verwenden. Die Mischung unterschiedlicher Berufsgruppen ist dabei gut gelungen und erlaubt Investigatorengruppen unterschiedlichster Couleur. Einziger Wermutstropfen: Ich hätte mir den Beruf und/oder die Funktion des NSC gleich mit auf der Vorderseite der Karte gewünscht. Schlussendlich sucht man im Spiel ja doch mal eher „einen Detektiv“ als „einen Frankie Mowlop“. Da wird Vorbereitungsarbeit notwendig sein, um auch immer die richtigen Karten parat zu haben.

Das zweite Deck, „Das Deck der Phobien“, versammelt nicht nur Phobien, sondern auch Zwangsstörungen und die Effekte von kurzfristigem Wahnsinn. Die Karten sind dazu gedacht, an Spieler ausgeteilt zu werden, wenn ihre Investigatoren unter den entsprechenden Auswirkungen beginnenden Wahnsinns leiden. Passend zum Thema der Karten sind die gewählten Illustrationen … furchtbar. Da wäre mehr drin gewesen. Inhaltlich sind die Karten brauchbar, mehr aber auch nicht. Die vorgeschlagene Verwendung als Zufallsgenerator würde ich schlussendlich auch höchstens bei den „Anfällen“ empfehlen; die Konstellation von Auslöser zu gezogener Phobie wird sonst oft zu albern.

Das dritte Deck schließlich ist „Das Deck der unerfreulichen Ereignisse“. Das Deck enthält Szenen, die Abenteuer erweitern können, zufällige Ereignisse, um Investigatoren in zusätzliche Schwierigkeiten zu bringen, und auch mancher Zauber, der gegen die Investigatoren gewirkt wird, findet sich hier nur in seinen Auswirkungen beschrieben. Die Idee gefällt mir zwar recht gut, die Umsetzung ist allerdings steif und hölzern. Dazu kommt, dass es wohl wenige Systeme gibt, die so schwer irgendwelche Zufallsbegegnungen verzeihen, wie „Cthulhu“. Und das gleich auf mehreren Ebenen – erzählerisch wie spielmechanisch. Die weiterhin schwachen Illustrationen sorgen auch nicht für eine bessere Zwischennote.

Zuletzt folgt das „Deck der Waffen und Artefakte“. Hier sind nun eben „Waffen“ und „Artefakte“ abgebildet und mit Spielwerten versehen. Häufige Waffen wurden dabei jeweils doppelt mit Karten bedacht, da so die gleiche Waffe an mehrere Investigatoren ausgegeben werden kann. Hier verliert „Chartae Cthulhiana“ dann vollends jede Sinnhaftigkeit, werden die Spielwerte doch exakt wie jene auf dem Investigatorenbogen angegeben. Spieler erhalten also, neben einer weiterhin gruseligen Illustration, die oft ohnehin mehr Szene denn Waffe zeigt, die gleichen Spielwerte wie auf ihrem Investigatorenbogen als Karte. Der Mehrwert erschließt sich mir hier nicht, es sei denn, extrem schreibfaule Spieler wollen die fünf Werte nicht auf ihrem Investigatorenbogen eintragen.

Die Verarbeitung der Karten ist angemessen stabil, die Illustrationen, wie mehrfach angemerkt, weit unterhalb der für „Cthulhu“-Publikationen üblichen Standards. Das fehlende Inlay sorgt für einen weiteren Abstrich in der B-Note.

Fazit: Ich kann „Chartae Cthulhiana“ nur sehr bedingt empfehlen. Die wirklich praktische NSC-Sammlung wird um viele Karten ergänzt, die es schlicht und ergreifend nicht gebraucht hätte. Wer gerne mehr Haptik an den Spieltisch bringt oder seine Abenteuer gerne zufallsbasierter ausstaffieren möchte, wird hier sicherlich das eine oder andere nette Gimmick finden. Für alle anderen gibt es lohnenswertere Anschaffungen im cthuloiden Bereich.

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich auf www.ringbote.de

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