Rezension: Das Geisterschiff von Caerdon

Die neue Edition für das traditionsreiche Rollenspiel „Cthulhu“ wirft seine Schatten voraus. Mit „Das Geisterschiff von Caerdon“ erscheint nach „Die Priester der Krähen“ ein weiterer Abenteuerband, der nicht nur die neuen Regeln nutzt, sondern auch Neulinge an das cthuloide Rollenspiel heranführen sollt. Wie schlägt sich die neue Regeledition nieder und lohnt sich die Anschaffung?

Rezension - Das Geisterschiff von CaerdonEine Rezension von Abenteuerszenarien vermag kaum komplett ohne Hinweise auf die Handlung auszukommen. Es folgt an dieser Stelle damit die angebrachte Spoilerwarnung: Leser, die die Abenteuer noch als Spieler erleben möchten sei angeraten, bis zum Fazit vorzuspringen.

„Das Geisterschiff von Caerdon“ erscheint wie sein Vorgänger als Softcoverband. Wieder füllen die Szenarien 72 Seiten, wiederum wurden für die Publikation Abenteuer ausgewählt, die bereits in lange vergriffenen Ausgaben der „Cthuloiden Welten“ erhältlich waren. Natürlich wurden aber beide Texte dezent überarbeitet, um mit den neuen Regeln kompatibel zu sein.

Eröffnet wird der Abenteuerband mit dem titelgebenden „Das Geisterschiff von Caerdon“. In Caerdon, einem verschlafenen Fischerdorf an der Küste Cornwalls, wird ein Geisterschiff gesichtet. Das mag Anlass genug sein, um neugierige Investigatoren anzulocken. Einmal vor Ort erwartet die Gruppe nicht nur eine deftige Portion Lokalkolorit, sondern auch gleich zwei Handlungsstränge, die es für den Spielleiter zu verweben gilt: Auf der einen Seite will die – doch sehr weltliche – Hintergrundgeschichte um das vermeintliche Geisterschiff aufgeklärt werden, auf der anderen Seite ist eine Gruppe fehlgeleiteter Jugendlicher dabei, mithilfe eines gestohlenen Mythosbuches weitaus schlimmeres Unheil anzurichten. Das Abenteuer lässt mich mit einem sehr zwiespältigen Eindruck zurück. Auf der einen Seite ist es eine schön schaurige, mythosschwangere Geschichte, die die Autorin hier vorlegt. Auch die Ausarbeitung Caerdons als Abenteuerort ist sehr gut gelungen, es gibt reichlich zu entdecken – und nicht zuletzt sind einige wirklich erinnerungswürdige Szenen enthalten. Leider ist die Ausarbeitung des Szenarios alles andere als gelungen: Es liest sich eher wie ein Roman und es dürfte schwer sein, während des Leitens die wichtigen Informationen aus dem Fließtext herauszufiltern. Darüber hinaus degradiert es die Investigatoren in weiten Teilen zu Zuschauern des Geschehens, die vor dem großen Finale kaum eine Möglichkeit haben, etwas an den vorgesehenen Ereignissen zu ändern. Nicht zuletzt wegen den doch streckenweise schwierig miteinander zu koordinierenden Handlungssträngen ist es in meinen Augen damit längst kein Einsteigerabenteuer mehr.

Es folgt „Böses Erwachen“, welches die Charaktere während eines Unwetters in ein einsames Landhaus verfrachtet. Dort werden sie von ihren überraschten Gastgebern bestens bewirtet, nur um in den frühen Morgenstunden in wahnhafte Fieberträume verstrickt zu erwachen: Was geschieht hier? Wer steckt hinter allem? Und vor allem: Was ist noch Traum, was Realität? „Böses Erwachen“ ist ein handwerklich gut aufbereitetes Szenario, das mit dem Wahnsinn und den Albträumen der Investigatoren spielt. Damit eignet es sich thematisch wohl für einen cthuloiden Einsteigerband, allerdings weist der Autor selbst darauf hin, dass es von Vorteil ist, wenn der Spielleiter bereits einige Abenteuer mit den Investigatoren bestritten hat. Wiederum wird der Band damit seinen eigenen Ansprüchen kaum gerecht.

Abgerundet wird der Band schließlich mit einfachen Konvertierungsregeln, die beide Abenteuer mit alten Regeleditionen spielbar machen sollen – doch natürlich auch umgekehrt funktionieren. Gerade bei den ersten Abenteuerbänden für die neue Edition eine schöne Ergänzung, auch, um ersichtlich zu machen, wie wenig sich tatsächlich am Regelgerüst geändert hat.

Für die optische Aufarbeitung gibt es allerdings wiederum eine gute Note. Das Cover von „Das Geisterschiff von Caerdon“ ziert ein schwarzes Segelschiff in einem Gewittersturm. Die Seiten wirken vergilbt und bestehen aus angenehm rauen und schwerem Papier. Die Bebilderung mit alten Photographien – beliebt und bekannt aus den vorangegangenen Pegasus-Publikationen – wurde zwar beibehalten, doch sind die Bilder nun oft größer dargestellt und streckenweise bis an den Bildrand gezogen, was sowohl das Bild eher auflockert als auch weiterhin elegant wirkt. Auch die wie immer zahlreichen Handouts liegen weiterhin in beeindruckender grafischer Qualität vor.

Fazit: Ein abschließendes Fazit fällt mir nicht leicht. Beide enthaltenen Szenarien enthalten starke Szenen und eignen sich thematisch vielleicht gut, um cthuloide Erfahrungen zu sammeln. Allerdings ist zumindest das titelgebende Abenteuer unhandlich aufbereitet, das zweite erfordert eine erfahrene Gruppenkonstellation: Insofern wird „Das Geisterschiff von Caerdon“ seinem Anspruch als Einsteigerband schlicht nicht gerecht. Für erfahrene Gruppen allerdings wiederum ein Band mit einem ordentlichen Preis-Leistungsverhältnis.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de

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