Rezension: Drei Tode in Lovecraft Country

Mit der PDF-Publikation „Drei Tode in Lovecraft Country“ findet die viel gelobte „Lovecraft Country“-Reihe von Pegasus eine digitale Fortsetzung. Enthalten sind drei Szenarien, die die Charaktere quer durch Lovecraft’s Neuengland schicken. So führen die Spuren des Mythos nach Arkham, Bolton, Aylesbury und auch in das verschlafene Dunwich. Doch ist es diese Reise wert, unternommen zu werden?

dreitodelovecraftcountryAlle enthaltenen Szenarien sind Übersetzungen aus dem Amerikanischen und finden sich im Original in den Publikationen „Adventures in Lovecraft Country“, „Tales of the Miscatonic Valley“ und „Dead Reckonings“ wieder. Die enthaltenen Abenteuer eint dabei im weitesten Sinne das gemeinsame Thema „Familientragödien“. Wie für die deutsche „Cthulhu“-Redaktion üblich, wurde der Text aber nicht einfach nur übersetzt; er wurde umgeschrieben und ergänzt und insbesondere um zahlreiche Handouts erweitert.

In „Eine glückliche Familie“ erhalten die Charaktere den fast unvermeidlichen Anruf eines alten Freundes. Vor einem Jahr verstarb seine Frau, nun ist auch noch sein ältester Sohn verschwunden. Er bittet die Gruppe um Hilfe. In den folgenden Tagen können die Charaktere auf die Spur eines völlig verrückten Nachbarn kommen, der nicht vor dem Einsatz von Mythos-Kreaturen zurückschreckt um seine verdrehten Ziele zu erreichen.

Das Szenario ist nicht nur vom Zeitrahmen kurz gehalten, sondern lässt sich auch problemlos an einem Abend durchspielen. Aufgrund der geringen Anzahl Mythos-Gegner und der überschaubaren Menge an Hinweisspuren scheint es für Anfängergruppen geeignet zu sein. Aber: Gewalt gegen Kinder ist sicherlich nicht jedermanns Sache, und auch in einem Horror-Rollenspiel zumindest ein Diskussionsthema. Ob es damit das richtige Material für eine Einsteigergruppe darstellt, ist fraglich. Und für erfahrene Investigatoren ist die Herausforderung zu gering.

„Horror im Kuriositäten-Kabinett“ führt die Charaktere auf den Spuren eines Jahrmarkts von Arkham über Bolton bis nach Aylesbury quer durch Lovecraft Country. „Nichols’ Carnival“ hat seit Neuestem eine echte Attraktion im Kuriositätenkabinett – einen lebendigen Fischjungen. Doch für den beginnen sich rasch verschiedene mehr oder minder zwielichtige Fraktionen zu interessieren …

Auch dieses Szenario verläuft im Fahrwasser des umherziehenden Jahrmarkts relativ geradlinig (obschon die Einstiegsmotivation der Charaktere wesentlich offener gehalten wird). Dabei versorgt es die Spieler vor allem mit einer gehörigen Portion handfester Action, versucht aber im Finale zusätzlich noch ein moralisches Dilemma heraufzubeschwören. Ob das allerdings gelingt, ist wohl sehr von der Spielgruppe und ihren bisherigen Erfahrungen mit Tiefen Wesen abhängig. Ein kleiner Wermutstropfen sei auch noch erwähnt: Die Beschreibung Aylesburys und der dort anzutreffenden Nichtspielercharaktere deckt sich leider kaum mit der Beschreibung aus dem Abenteuer „Tod in Aylesbury“, in dem das Städtchen bereits eingeführt wurde. Spielleitern, die dieses Szenario bereits mit ihrer Gruppe erlebt haben, steht also noch einiges an Änderungsarbeit ins Haus, wollen sie die Hintergrundwelt konsistent halten.

Als drittes befindet sich mit „Die Mutter allen Eiters“ das umfangreichste Szenario in dem Abenteuerband. Auf der Spur eines schaurigen Mordes, der an die Taten eines „Jack the Ripper“ gemahnt, stoßen die Charaktere auf ein merkwürdiges Doppelleben des Opfers. Die Spuren führen sie bis nach Dunwich. Können sie die Puzzleteile rechtzeitig zusammensetzen um das Schlimmste zu verhindern?

Bei „Die Mutter allen Eiters“ handelt es sich um ein sehr klassisches Szenario, an dessen Ende das Verhindern eines Rituals steht, um den bevorstehenden Weltuntergang zu vermeiden. Doch der Weg dorthin ist gespickt mit ungewöhnlichen Fährten, skurrilen Schauplätzen und tödlichen Gefahren. Von den drei vorliegenden Szenarien konnte mich „Die Mutter allen Eiters“ am ehesten überzeugen.

Wie für die deutschen „Cthulhu“-Publikationen üblich, sind allen Szenarien Hintergrundinformationen und -übersichten vorangestellt, während alle spielrelevanten Daten in einem Anhang zusammengefasst sind. Dieses Muster ist bekannt und bietet dem Spielleiter gute Arbeitsbedingungen bei der Vorbereitung und Leitung des Szenarios. Glücklicherweise wurde hier dem Trend gefolgt, die im Anhang ebenfalls wiedergegebenen Handouts während des Fließtextes noch einmal in Reinform für den Spielleiter wiederzugeben. Auf der einen Seite erspart man sich so viel lästiges Blättern bei der Vorbereitung des Szenarios, auf der anderen Seite sind auch während des Leitens die Informationen noch einmal an der richtigen Stelle abgedruckt. Schade wiederum ist, dass die verwendeten Namen für Nichtspielercharaktere wenig kreativ sind – wer bereits länger im Lovecraft Country spielt, kommt nicht um einige Namensänderungen umhin, will er bei seinen Spielern keine verwirrenden Assoziationen mit bereits getroffenen NSC wecken.

Beim Design des vorliegenden Abenteuerbandes gibt es keine großen Überraschungen, folgt es doch dem für „Cthulhu“-Publikationen üblichen Schema: Die Seiten sind im Stil eines alten Folianten aufgemacht, die verwendeten Schriftarten ergeben ein angenehmes Gesamtbild. Zahlreiche wirklich hübsch gemachte Handouts werten die Abenteuer auf – und das nun dank des neuen Mediums PDF auch in Farbe. Reichhaltig ist auch wieder die Bebilderung der Szenarien ausgefallen – wobei mir diesmal erstmals einige der verwendeten Photographien zu drastisch sind. Manchmal ist weniger eben doch mehr.

Fazit: Technisch gibt es mal wieder nichts zu meckern. Der Abenteuerband sieht toll aus, ist in einer guten Form aufbereitet und mit wunderbaren Handouts bedacht worden. Inhaltlich bin ich allerdings nicht ganz überzeugt worden: zu kurz und eindimensional ist das erste Szenario; die Handlungsmöglichkeiten im zweiten Szenario beschränken sich ebenfalls fast nur auf Schadensbegrenzung (auch wenn die Wahl der Seite, auf der die Charaktere stehen, durchaus offen gehalten ist). Einzig das dritte Abenteuer kann vollends überzeugen. Wer bereits einige Abenteuer im Lovecraft Country bestritten hat und weiteren Nachschub benötigt, wird hier sicherlich fündig. Eine uneingeschränkte Kaufempfehlung erhält „Drei Tode in Lovecraft Country“ aber nicht.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de.

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