Rezension: Dementophobia – Wahn und geistiger Verfall

Pegasus hat es sich zur Aufgabe gemacht, neben exklusiven PDF-Veröffentlichungen für das preisgekrönte Rollenspiel „Cthulhu“ auch älteres oder vergriffenes Material als PDF-Datei zur Verfügung zu stellen. Insbesondere die Bücher, die spezielle Themen aus dem Spielleiterhandbuch vertiefen, stehen dabei auf dem Veröffentlichungsplan. So auch „Dementophobia“, ein Band der den Wahnsinn des Mythos und das Spiel mit selbigem zum Thema hat.

Der für Dementophobia zuständige Redakteur Heiko Gill bekleidet mittlerweile den Posten des Chefredakteurs für die cthuloide Spielelinie. So war es vielleicht naheliegend, gerade diesen Band auszuwählen, um ihn als PDF-Datei zu veröffentlichen. Dementophobia ist ein Quellen- und Abenteuerband. Einem Quellenteil über Geistige Störungen und Heilmethoden schließen sich gleich drei Szenarien an, die auf die eine oder andere Weise Wahn und geistigen Verfall zum Thema haben.

Der schwergewichtige, insgesamt 124seitige Quellenteil umfasst mehrere Themen. Auf der einen Seite werden verschiedenste geistige Störungen, die einen Charakter auf Cthulhus Spuren ereilen können, vorgestellt. Besonders interessant hierbei ist eine umfangreiche Tabelle (die sogar von Psychologen überarbeitet wurde), die es Spielleitern ermöglicht, ursachengerechte Phobien und Störungen an die Charaktere zu verteilen. Vorbei also die Zeit, in der per Zufallsprinzip eine beliebige Störung an einen wahnsinnig werdenden Charakter verteilt wurde, was teilweise zu recht abstrusen Kombinationen führen konnte. Weitere Themen sind verschiedene Heilmethoden und ihre regeltechnische Umsetzung sowie eine umfangreiche Geschichte der Psychologie und Psychotherapie.

Der gesamte Quellenteil ist mit Abenteuervorschlägen und Szenarienideen gespickt. Besondere Nichtspielercharaktere wie Sigmund Freud oder Carl Gustav Jung werden vorgestellt; ebenso werden frische Ideen ausgeführt, wie eine Krankheit den Kern eines Szenarios bilden kann. Besonders interessant sind die verschiedenen vorgestellten Heilanstalten, von denen jede für sich bereits einen interessanten Szenarioschauplatz bilden kann.

Die drei folgenden Szenarien nehmen dann 109 Seiten in Anspruch. „Das verlorene Gestern“ stellt die Spieler und ihre Charaktere vor eine besondere Herausforderung: sie erwachen eines morgens in einer Anstalt für Geistesgestörte und können sich beim besten Willen nicht erinnern, wie sie hierher gekommen sind. Ihre Nachforschungen ergeben, dass sie bereits mehr Kontakt mit dem Mythos hatten, als ihnen gut tun konnte. Das Szenario stellt den Spielleiter vor einigen Verwaltungsaufwand, gilt es doch, einer peniblen Zeitleiste zu folgen und mehrere Rückblenden für die Spielercharaktere an der richtigen Stelle zu verwalten. Wer vor dem Aufwand nicht zurückscheut erhält allerdings ein sehr interessantes Szenario, das frisch und unverbraucht den Wahnsinn der Charaktere in den Mittelpunkt der Handlung stellt.

„In Scherben“ ist als One-Shot mit vorgefertigten Charakteren angelegt. Die Erben eines gerade verstorbenen Industriemagnaten werden nicht nur mit den Problemen der geerbten Fabrik konfrontiert, sondern auch mit den Geheimnissen des Mythos, die der Tote hinterlässt. In den folgenden Tagen geraten sie in einen Strudel aus Missgunst und Alpträumen und am Ende des Szenarios liegt ihre Existenz namensgebend „in Scherben“. Das Szenario lässt den Spielern aufgrund seiner vorgegebenen Dramaturgie relativ wenig Handlungsfreiheit und läuft natürlich auf ein dramatisches Ende hinaus. Wer sich daran nicht stört erhält ein unterhaltsames Abenteuer.

Das dritte Szenario schließlich , „Das Sanatorium“, ist eine Übersetzung aus dem amerikanischen. Einer Einladung folgend verschlägt es die Charaktere in ein auf einer einsamen Insel gelegenes Sanatorium. Schon von Beginn an ist irgend etwas nicht in Ordnung und es scheint, dass ein irrer Massenmörder umgeht. Ziehen die Charaktere die richtigen Schlüsse und können sie dem Töten ein Ende bereiten? Das Sanatorium ist ein sehr klassisches Szenario, das sich im Prinzip auf eine simple Monsterhatz reduzieren lässt. Aufgrund des Schauplatzes, der vielen unheimlichen und skurrilen Szenen und nicht zuletzt den spannenden Nichtspielercharakteren avancierte es aber zu meinem Favoriten aus vorliegendem Band.

Die grafische Aufmachung gefällt mir sehr gut. Zahlreiche Photographien zieren die wie ein alter Foliant wirkenden Seiten. Ein klares, gut lesbares Schriftbild und deutlich abgesetzte Extrakästen mit Zusatzinformationen ergeben ein angenehmes Bild. Ein klar gegliedertes Inhaltsverzeichnis hilft beim Auffinden gewünschter Informationen. Auch die Aufbereitung der Szenarien verdient Erwähnung: allen Szenarien ist wie üblich eine kurze Handlungsübersicht vorangestellt, während alle spielrelevanten Daten in einem Anhang zusammengefasst sind. Spieltestberichte runden das Bild ab und geben Aufschluss über mögliche Verhaltensweisen von Spielern. Die Vorbereitung für Spielleiter wird dadurch natürlich erleichtert.

Fazit: Wer das Spiel mit dem Wahnsinn realistischer und greifbarer gestalten möchte, kommt um diesen gut geschriebenen und recherchierten Quellenband kaum herum. Die enthaltenen Szenarien sind allesamt interessant und sprühen vor Ideen. Technisch und grafisch wie so oft einwandfrei, erhält Dementophobia in allen Belangen eine gute Note!

PS: Weitere Rezensionen bei…
Reich der Spiele
LORP.de
Roter Dorn
Ringbote

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4 Kommentare zu “Rezension: Dementophobia – Wahn und geistiger Verfall

  1. Falls ich zu müde bin und es übersehen habe, lösch mich: Ansonsten. Bei PDFs wäre es nett ein enstsprechendes Link zu setzen und eine Preisangabe gehröt auch dazu. Ansonsten danke für die Rezi, sehr informativ (sonst würd ich nicht nach dem Link fragen).

  2. Zu warnen wäre bei der Buchversion höchsten vor der notorisch schlechten Bindung, die sich binnen weniger Gebrauchsminuten aufzulösen gestattet. In einem solchen Fall aber einfach den Verlag anschreiben und man kann die Lose-Blätter-Sammlung gegen ein neues Buch tauschen, das – hoffentlich – länger hält. 🙂

    • Das stimmt. Ist mir auch passiert – plötzlich „knack“, jetzt hängt die eine Hälfte ein wenig in der Luft. Das Buch wird jetzt in einem Stasisfeld aufbewahrt und nur an Feiertagen der Öffentlichkeit präsentiert…

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