Rezension: Schwarzer Mond

Als „Seanchui goes Rlyeh“ noch jung war, war eine meine ersten Amtshandlungen, mir einen Überblick über den damals bereits gigantischen Backkatalog cthuloider Veröffentlichungen zu machen. So wunderte es vielleicht nicht, dass die ersten Rezensionen auf diesen Seiten Material gewidmet war, das längst ausverkauft und nicht mehr ohne weiteres zu bekommen war. Ich selbst habe lange als „Jäger und Sammler“ daran gearbeitet, meine cthuloide Bibliothek so weit zu vervollständigen, dass ich das Gefühl haben konnte, „mitreden“ zu können. Ein umfangreiches Wissen über die bisher erschienenen Abenteuer half mir schlussendlich nicht nur beim Einordnen späterer Rezensionen sondern ist auch für mich mittlerweile als Mitglied des Autorenteams von Vorteil. Der langen Vorrede knapper Sinn? Ich habe mal wieder ein besonderes Schätzchen aus der Bucht gefischt und es mit großem Interesse gelesen. Die Rede ist vom 1994 veröffentlichten „Schwarzer Mond“, einem Abenteuer für CTHULHU, dass unter dem Label „Armageddon Press“ erschien und wohl von der „RuneQuest Gesellschaft e.V.“ herausgegeben wurde. Von den beiden Autoren Sebastian Weitkamp und Kai Christoffer ist mir zumindest ersterer Name in einem ganzen Haufen späterer Publikationen auch weiterhin begegnet. So, widmen wir uns „Schwarzer Mond“.

Die Aufmachung von „Schwarzer Mond“ stimmt direkt nostalgisch. Das Abenteuer erscheint als 34seitiges Heft mit Klammerbindung. Das Heft ist komplett in schwarz-weiß gehalten. Das man sogar Grauabstufungen aussparte, führt bei einigen der verwendeten Photographien zu Rätselraten. Bei den meisten eingestreuten Bildern fällt dieser Umstand aber nicht weiter ins Gewicht. Insgesamt wirkt der Band dadurch allerdings wie aus einem Guss. Die Karten sind nach heutigen Maßstäben eher… zweckdienlich als hübsch, aber gerade die handgezeichnete Umgebungskarte in der Heftmitte hat durchaus Fanzine-Charme. Ähnliches muss man allerdings auch über die Handouts sagen, die zwar – ganz cthulhu-typisch – in Mengen vorliegen, im Design aber sehr, sehr schlicht gehalten sind. Gepaart mit dem einfachen, zweispaltigen Blocksatz hat man wirklich das Gefühl, ein mit Liebe zusammengestelltes Fanzine vor sich zu haben. Das kann vielleicht nicht mit der Präsentation modernen Rollenspielmaterials mithalten, dafür ist die Präsentation übersichtlich und zweckdienlich.

Doch genug der äußeren Werte, worum geht es denn nun? Da ich „Schwarzer Mond“ wohl kaum ohne Spoiler besprechen kann, sei an dieser Stelle die obligatorische Warnung vor selbigen ausgesprochen. Liebe Spieler, der Rest dieses Textes widmet sich an Eure Spielleiter! „Schwarzer Mond“ führt die Investigatoren 1929 nach Kanada, genauer gesagt in das kleine, am Sklavensee gelegene Städtchen Rae. Hier machen sie sich auf die Suche nach einem verschwundenen Mounty, der auf der Suche nach einem verschwundenen Kind ebenfalls verschwand. Zunächst verlaufen alle Spuren irgendwo im Sande, denn die örtliche Polizei macht andere Angaben als andere Zeugen und jeder scheint sich irgendwie zu widersprechen. Schlussendlich gehen aber die Einwohner Raes davon aus, dass der Mounty schon bald wieder auftauchen wird.

Doch das wird er sicher nicht. Was die Spieler an dieser Stelle noch nicht ahnen können ist, dass wenige Tage vor der Ankunft der Investigatoren ein örtlicher Kult – unter der Führung von den Geistern längst verstorbener Kultisten – den Großen Cthulhu höchstselbst heraufbeschworen hat. Dieser liegt nun am Grunde des Sklavensees und wartet auf ein letztes Ritual, um die Siegel des ewigen Schlafes endgültig brechen zu können. Neben dieser sehr endgültigen – wenn auch noch unsichtbaren – Bedrohung sind auch mittlerweile die meisten Einwohner des Städtchens zum Kult konvertiert. Sei es, weil sie Cthulhu höchstselbst gesehen und darüber den Verstand verloren haben oder weil sie wirklich an die Einflüsterungen der jahrhundertealten Lehren glaubten. Den unwissenden Investigatoren steht also eigentlich (fast) das ganze Dorf feindlich gegenüber. In der Folge werden sich die Ereignisse überschlagen. Die Gruppe wird belogen, betrogen, bedroht, irgendwann aus dem Dorf geworfen, (teilweise) wieder entführt und muss schlussendlich alle mühsam zusammengetragenen Puzzlestücke zusammensetzen, um das letzte Ritual der Kultisten zu verhindern. Andernfalls streift Cthulhu höchstselbst in den nächsten Tagen ungehindert über den nordamerikanischen Kontinent…

Die Prämisse des Abenteuers ist zumindest interessant und ist mir in dieser Form auch noch nicht untergekommen. Nein, die cthuloide Apokalypse ist noch NICHT über die Menschheit hereingebrochen, aber DOCH, das ganze Dorf ist voll von Verrückten, die einen Großen Alten gesehen haben. Zumindest vor diesem Hintergrund ist es ein sehr ungewöhnliches Szenario, und auch der Einsatz der verschiedenen Nichtspielercharaktere ist entsprechend oft ungewöhnlich. Davon abgesehen unterscheidet sich das Szenario allerdings kaum von vielen investigativ gefärbten Abenteuern. Es gilt, einige Hinweise zusammenzusuchen, Verbündete zu finden und schlussendlich ein Ritual zu verhindern, um das Ende der Menschheit zu vereiteln.

Der Weg dorthin ist allerdings – leider – mit einigen Unvollkommenheiten des Abenteuers gespickt. Da ist zum einen die Aufbereitung. Zwar hat man an viele kleine Abschnitte mit Zwischenüberschriften gedacht, was das Wiederauffinden von Informationen eigentlich erleichtern sollte. Doch leider sind nahezu alle Informationen in prosaischem Fließtext gehalten, so dass der Spielleiter entweder vorher Stichwortsammlungen anlegen muss oder seine liebe Mühe haben wird, die gewünschte Information auf die Schnelle zu finden. Machen wir uns nichts vor: ich bin ein Freund von prosaischem Fließtext, hilft er mir doch, etwas in Stimmung für das Szenario zu kommen. Hier aber schießen die Autoren manches Mal übers Ziel hinaus (…wenn sie z. B. den voraussichtlichen Gemütszustand der Investigatoren oder ihre wahrscheinlichsten Handlungen beschreiben). Ein zweiter Fallstrick sind einige Szenen, die man pures Railroading nennen muss. Einige NSC können nicht kontaktiert werden („egal, was die Investigatoren auch tun“), während manche Schlüsselszenen (wie die oben angesprochene Entführung zum Finale hin) die Investigatoren sogar komplett ausser Gefecht setzen, ohne ihnen einen Ausweg zu erlauben. Da ist noch ein wenig Nacharbeit vom Spielleiter gefordert, um hier den Spielern kein Gefühl der Gängelung zu geben.

Überhaupt hat der Spielleiter hier Einiges zu erledigen. Denn immerhin sollte die düster-drohende Atmospähre eines Dorfes, in dem jeder Einwohner dem Wahnsinn und dem Tod bereits ins Auge geblickt hat und das dazu noch unter der direkten Nähe eines Großen Alten leidet, irgendwie für die Spieler spür- und greifbar gemacht werden. Das Abenteuer bietet dazu nur wenig Anregungen – einige Vignetten dazu hätten mir noch gut gefallen.

Fazit: Ein interessantes Abenteuer, das muss ich sagen. Aufbereitet mit dem Charme des Selbstgemachten. Wer es noch irgendwo auftreiben kann, macht hier nicht viel falsch. Es lohnt sich.

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