Rezension: Die Wunde von Lengede

Seit dem Ende der Cthuloiden Welten tauchen nach und nach immer mehr Artikel auf, die eigentlich für kommende Ausgaben vorgesehen waren. Sei es als PDF-only-Veröffentlichung, in der neuen Zeitschrift Cthulhus Ruf oder anderswo; es zeugt von der klugen Vorratshaltung des ausgeschiedenen Chefredakteurs Frank Heller. Auch „Die Wunde von Lengende“, als Beilage in Mephiso #53 erschienen, war wohl ursprünglich für die CW vorgesehen, wurde dann aber dankenswerterweise der Mephisto angeboten.

In diesem Szenario, das für Cthulhu Now konzipiert wurde, übernehmen die Spieler eine Gruppe Charaktere, die ein Bergbaumuseum just in dem Tagebau, in dem sich vor 50 Jahren das Wunder von Lengede zutrug, besuchen wollen. Damit es nicht mit einem beschaulichen Zeitvertreib bleibt, überschlagen sich recht bald die Ereignisse – Saboteure, Unfälle und die Schatten der Vergangenheit stürzen auf die Charaktere ein. Das Szenario kommt als OneShot mit vorgefertigten Charakteren daher, die allesamt zwei Gemeinsamkeiten haben: sie sind zum einen alle recht betagt, zum anderen bereits in ihrer Vergangenheit mit dem Wunder von Lengede verbandelt.

Handwerklich kommt die Beilage gut gemacht daher – das Design ist stimmig, das Cover verbreitet die richtige Now-Stimmung. Die verwendeten Grafiken sind zweckmäßig und laden nicht zum Wegsehen ein, die auflockernden Textkästen und Handouts – wie man es von deutschen Cthulhu-Publikationen gewöhnt ist – ansehnlich gestaltet. Auch eine weitere Stärke deutscher Abenteuer – der hohe Anteil historischer Fakten – kommt hier zum tragen. So erfährt der Leser wissenswertes zum Wunder von Lengede; auch an Regelvorschläge für Altersbeschwerden der vorgefertigten Charaktere oder Erklärungen zu Grubengas und alten Sagen wurde gedacht. Abgerundet wird das vermittelte Wissen sogar durch ein Glossar der gängigsten Bergbaubegriffe.

Leider konnte mich das Abenteuer inhaltlich weniger überzeugen: zu sehr mangelt es an einem roten Faden. Die Charaktere stolpern einer Geisterbahnfahrt gleich durch eine Reihe von Spukerscheinungen unterschiedlichen Ursprungs, ohne sich über die Hintergründe wirklich klar werden zu können. Auch auf die durchaus facettenreich geschriebenen Hintergrundgeschichten der Charaktere und ihren Verbandelungen untereinander und mit Lengede wird in der eigentlichen Abenteuerhandlung nur unzureichend eingegangen. Eine erfahrene und versierte Gruppe kann sicherlich einiges aus dieser Konstellation herausholen – leider wird der Spielleiter bei dieser Aufgabe nur unzureichend unterstützt.

Ein Fazit: Für eine Zeitungsbeilage ist „Die Wunde von Lengede“ eine durchaus gelungene Publikation, die durch sauberes Layout, die ein oder andere gute Idee, interessante Charaktere und umfangreiches Hintergrundmaterial besticht. Bestimmt kein „Must-Have“ für jede cthuloide Sammlung; wer aber ein wenig Arbeit investiert und eine interessierte Gruppe hat, kann sicherlich seinen Spaß damit haben.