Rezension: Namenloser Schrecken in Neuengland

Bereits im Jahr 2015 erschien bei Chaosium eine Abenteueranthologie für „Cthulhu“ mit dem Titel „Nameless Horrors“. Die hier enthaltenen sechs Abenteuer widmeten sich den drei großen, cthuloiden Settings: dem Gaslicht, den Goldenen Zwanzigern und der Jetztzeit. „Namenloser Schrecken in Neuengland“ ist die deutsche Übersetzung der beiden Szenarien für die 1920er.

Wie für die deutschen Abenteuerbände üblich, erscheint „Namenloser Schrecken in Neuengland“ als Softcover und im Schwarz-Weiß-Druck. Aktuell ist es noch geplant, die anderen Szenarien ebenfalls in passenden Einzelbänden zu veröffentlichen. Die beiden nun vorliegenden Szenarien teilen zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind als One-Shot mit vorgefertigten Investigatoren konzipiert und sie befassen sich mit cthuloidem Grusel unbekannter Art – denn die verwendeten Mythosthemen sind neu und unverbraucht.

Das erste Abenteuer trägt den biblisch anmutenden Titel „Ein Teil fiel auf felsigen Boden“. Paul Fricker, Autor von Szenarien wie „Gatsby und das Große Rennen“, nimmt in seiner Einleitung auch tatsächlich Bezug auf den biblischen Vergleich des Samenkorns. Nur dass hier eben nicht der göttliche Funke verteilt wird, sondern Mythoswissen. Denn in der Stadt, in der die vorgefertigten Investigatoren wohnen, geht es scheinbar nicht mehr mit rechten Dingen zu. Wahnsinnige Mörder streifen umher und Freunde und Bekannte verhalten sich seltsam oder verschwinden. Wer Nachforschungen anstellt, gerät an eine Mauer des Schweigens. Natürlich – Achtung: Spoiler! – hat der Mythos hier seine Tentakel im Spiel. Dieses Mal in Form eines vordergründig harmlosen Hobby-Astrologen, der mit seinem selbstgebauten Teleskop unversehens Nachrichten aus dem All empfängt. Begeistert von dieser großartigen Entdeckung teilt er seine Erkenntnis freimütig mit Freunden und Bekannten, nur um festzustellen, dass rund die Hälfte der durch das Teleskop Blickenden an der Botschaft aus der Unendlichkeit geistig zerbricht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zustände in der Stadt eskalieren werden, und der Autor gibt einige interessante Vorschläge für die finale Nacht des Hasses, die dem Städtchen bevorsteht.

Auch das zweite Szenario wählt eher ungewöhnliche Mythoseinflüsse. Es basiert lose auf Lovecraft’s Geschichte „Aus dem Jenseits“ und spinnt die Geschichte weiter. Denn während Dr. Tillinghast nach seinem unvorsichtigen Kontakt mit fremden Dimensionen in Lovecrafts Geschichte den Tod findet, so ist sein Nachfolger, Dr. Hawkes, erfolgreicher. Ihm gelingt die Erfindung eines Apparates, mit dem sich Portale in die weiteren, uns umgebenden Dimensionen öffnen lassen. Die hier lebenden Wesen haben erstaunliche Eigenheiten, die sich Hawkes und seien Mitstreiter zunutze machen möchten – sehr zu Lasten der vorgefertigten Investigatoren, die als Gestrandete in einem Hooverville der 1930er, dem Amerika der Großen Depression, hausen müssen. Wer wird schon ein paar gescheiterte Existenzen vermissen? Und wer wird ihnen helfen, wenn plötzlich eine ebenso unbekannte wie unheilbare Krankheit unter ihnen ausbricht? Die Investigatoren werden schon selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen müssen.

Beide Abenteuer leben von der ausgeklügelten Figurenkonstellation, welche die Investigatoren fest in der Handlung des jeweiligen Szenarios verankert. Zwar funktionieren Teile der Handlung auch im Rahmen von Kampagnen; mit den vorgefertigten Investigatoren und einer entsprechend spielfreudigen Gruppe entsteht aber eine sogartige Wirkung, die mit „unbeteiligten“ Investigatoren nicht zu erreichen wäre. Beide Szenarien sind darüber hinaus recht drastisch und können äußerst unschön für die Spielgruppen enden. Sie sind damit sicherlich nicht für jede Spielgruppe gleichermaßen geeignet. Wer aber auch mal etwas härteren Tobak vertragen kann, der findet hier kreative und vor allem neuartige Mittel und Wege, um seine Investigatoren in den Wahnsinn zu treiben.

„Namenloser Schrecken in Neuengland“ erscheint als Softcoverband in Schwarz-Weiß. Wie die übrigen „Cthulhu“-Publikationen ist er mit zeitgenössischen Fotografien bebildert, sauber gelayoutet und übersichtlich gestaltet. Die wenigen Karten und Zeichnungen sind eher von durchschnittlicher Qualität. Dafür sind ein paar hilfreiche Grafiken wie Beziehungsgeflechte mit eingefügt. Zu bewundernde Handouts gibt es dieses Mal tatsächlich keine. Technisch ist der Band damit ordentlich, aber auch nicht herausragend, ausgestattet.

Fazit: „Namenloser Schrecken in Neuengland“ präsentiert zwei qualitativ hochwertige und kreativ mit dem Mythos arbeitende Szenarien. Diese sind jedoch unangenehm und gnadenlos und müssen nicht gut ausgehen für die Spieler und ihre Investigatoren. Wer damit umgehen kann, findet hier hervorragenden Nachschub für seine „Cthulhu“-Spielrunde.

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