Rezension: Gangster – Unheimliche Unterwelt

Charaktere auf den Spuren des unheimlichen Cthulhu-Mythos sind Professoren, Privatdetektive oder Bibliothekare, die in staubigen Archiven und verlassenen Grüften blasphemische Rätsel erforschen und faulige Folianten studieren? Nein, dem Mythos kann jeder begegnen – so auch die Gesetzlosen und Outlaws, jene Gangster, die in Pegasus’ neuestem „Cthulhu“-Quellenband thematisiert werden. Wie gelungen ist das Thema präsentiert?

Rezension - Gangster - Unheimliche UnterweltDer vorliegende Quellen- und Abenteuerband enthält auf 210 Seiten nicht nur umfangreiches Hintergrundmaterial, sondern auch fünf ausgefertigte Abenteuer. „Gangster – Unheimliche Unterwelt“ erscheint dabei als stabiles Hardcover, auch ein Lesebändchen wurde dem Buch spendiert. Und es bleibt der von Pegasus eingeschlagenen Preispolitik treu, ist es doch für günstige 19,95 EUR zu haben.

„Gangster – Unheimliche Unterwelt“ verfolgt zwei Zielsetzungen. Auf der einen Seite will es die 1930er, eine Zeit, die gerade in den Vereinigten Staaten von der Weltwirtschaftskrise, hoher Kriminalität und Arbeitslosigkeit und nicht zuletzt der Prohibition geprägt war, für den cthuloiden Spieltisch erschließen. Andererseits waren gerade die frühen 1930er bekannt für die großen Gangsterbanden, welche die amerikanischen Großstädte nahezu nach Belieben dominierten.

Um es vorweg zu nehmen: Die erste Zielsetzung wird meines Erachtens eher unzureichend erfüllt. Zwar widmen sich rund 16 Seiten der Zeit der Weltwirtschaftskrise, eingeleitet durch den „Schwarzen Donnerstag“ im Oktober 1929. Auch bemühen sich die Autoren, Flair und Lokalkolorit dieser harten Zeit mit zahlreichen beispielhaften Szenen und nicht zuletzt einem universellen Abenteuerschauplatz einzufangen – doch letzten Endes erfährt man als Spielleiter doch zu wenig über diesen Hintergrund und die Situation in verschiedenen Städten, um wirklich frei in den 1930ern agieren zu können.

Anders verhält es sich mit den Gangstersyndikaten. Zunächst wird mit Chicago wohl die Hochburg des Verbrechens ausführlich vorgestellt. Kein Wunder, dass hier auch Al Capone und seine Konkurrenten Erwähnung finden. Das hier zusammengetragene Hintergrundmaterial wird ergänzt um Regelerweiterungen zur Investigatorenerschaffung, Ausrüstungslisten, neue Feuerwaffen, Hinweise zu Betätigungsfeldern der Gangsterbanden und noch einigem mehr. Dabei möchte ich positiv hervorheben, dass ich dem gesamten Material deutlich mehr Spieltischnähe attestieren möchte, als es in manchem cthuloiden Quellenband – die ja teils an Geschichtsbücher erinnern – der Fall war. Leider bleibt der Quellenband trotz einiger Erklärungsversuche eine echte Antwort auf die Frage schuldig, warum sich ausgerechnet Gangster dem Mythos in den Weg stellen sollten. Sicher, cthuloide Themen lassen sich überall unterbringen. Allerdings bleibt das Gangstermilieu auch trotz dieses Bandes eher eine Nischenerscheinung.

Daran ändern auch die fünf mitgelieferten Abenteuer nicht, doch das tut ihrer Qualität natürlich keinen Abbruch. Eine ausführliche Besprechung aller fünf Abenteuer würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, doch ein kurzer Überblick sei erlaubt: „Aufstieg und Niedergang eines Imperiums“ stellt kein direktes Abenteuer, sondern einen Kampagnenrahmen vor, in dem sich die späteren Abenteuer – aber auch andere Szenarien – zu einem cthuloiden Gangsterdrama verweben lassen. „Flucht ins Grauen“ ist dann das erste „echte“ Abenteuer, das die Investigatoren als Alkoholschmuggler in die undurchdringlichen Wälder Nordamerikas führt. Indianer, Hinterwäldler und Mutanten ergeben dort eine explosive Mischung. Auch „Erntezeit“ versetzt die Spieler in die Rolle der Gangster, hier können sie auch erstmals wirklich ungemütlich auftreten – doch spätestens, wenn sich die cthuloiden Wesenheiten im Dorf verschwören, gerät die ganze Sache aus dem Ruder. In „Ein wilder Ritt in die Finsternis“ begleiten die Investigatoren den berühmten Bankräuber Johnny Dillinger auf seinem neuesten Coup – zu dumm, dass nicht nur Geld im Tresorraum der ausgeraubten Bank lagert. „Cure of the Living Dead“ schließlich ist ein One-Shot mit vorgefertigten Charakteren und einer wirklich ungewöhnlichen Perspektive. Gespielt sicherlich ein bemerkenswertes Szenario, trifft es aber wohl kaum den Geschmack jeder Gruppe. Jedes Szenario ist verhältnismäßig action- und bleigeladen, gut ausgearbeitet, innovativ und streckenweise ideenreich – doch letzten Endes bleiben sie gute „One Shots“.

Die optische Aufbereitung des Bandes hat mir gut gefallen. Zahlreiche zeitgeschichtliche Fotografien zieren die Seiten. Die verwendeten Schriften sind gut lesbar, das Schriftbild ist klar, ein Haufen Tabellen sorgen für Ordnung und Orientierung. Lektorat und Korrektorat haben einen guten Job gemacht. Für die technische Seite gibt es damit wiederum eine gute Note.

Fazit: „Gangster – Unheimliche Unterwelt“ ist ein rechtes Nischenprodukt. Es wird seiner Aufgabe, einen neuen, erweiterten Hintergrund für das cthuloide Rollenspiel zu etablieren, nicht wirklich gerecht. Wer allerdings ohnehin plant, eine Kampagne im Gangstermilieu anzusiedeln oder ein paar actionreiche Abwechslungen vom investigativen „Cthulhu“-Alltag sucht, der wird hier definitiv fündig. Nicht zuletzt dank des konkurrenzlos niedrigen Preises eine glatte Empfehlung für alle, die einmal etwas anderes ausprobieren möchten.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de

PS: Weitere Rezensionen zu „Gangster – Unheimliche Unterwelt“ bei…
Teilzeithelden.de
Würfelheld

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