Edition 7 – Ein kritischer Blick

Hallo zusammen,

in den vergangenen Wochen fanden sich auf diesem Blog Rezensionen zu diversen Produkten, die für die neue CTHULHU-Edition – die „Edition 7“ – erschienen sind. Nun ist so eine Neueinführung einer Edition oft mehr als die „Summe ihrer Teile“, so dass ich mir nun einen kritischen Blick auf die bisherige Produktpolitik um Edition 7 erlaube. Und dabei liegt – in meinen Augen – einiges im Argen.

Ich habe versucht, dieses Thema in mehreren Foren anzudiskutieren. Doch ich stelle fest, dass ich mich in einem Forenbeitrag, der normalerweise kürzer ausfällt, nicht recht verständlich machen kann. Oder – und das ist sicherlich auch eine Alternative – ich stehe mit meiner Meinung schlicht alleine dar:-).

Disclaimer
Wer meinen Blog bislang verfolgt hat, dem wird sicher aufgefallen sein, wie positiv ich CoC und auch vielen Produkten gegenüberstehe. Ich bin zwar stets bemüht, in meine Rezensionen auch kritikwürdige Punkte anzusprechen, doch tatsächlich verzeihe ich diesem System wohl mehr, als allen anderen. Dennoch wird der folgende Text nicht wirklich freundlich. Ich bin einfach sehr gespannt auf Eure Meinungen dazu und freue mich auf eine rege Diskussion!

Welche Probleme tun sich in meinen Augen auf?

Edition 7

Ein Blick auf das neue Kernregelwerk verrät bereits, dass sich einiges geändert hat. Es ist vollfarbig, es ist mit Zeichnungen und Farbfotographien bebildert und es ist neu strukturiert. Ein zweiter Blick schlußendlich verrät, dass die Änderungen an Cthulhu deutlich über die technischen Regeländerungen hinausgehen. Was meine ich damit?

Eine Frage der Technik
Die technischen Regeländerungen lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Attribute werden nun ebenfalls wie die Fertigkeiten als 100%er-Werte dargestellt. Da bislang Proben auf Attribute durch Multiplikatoren ermöglicht wurden, ist das sicherlich ein echter Fortschritt, nimmt das doch Rechenarbeit vom Spieltisch. Proben können nun vom Regelwerk vorgeschrieben drei Schwierigkeitsgrade haben – ein Umstand, der in Deutschland ohnehin immer stillschweigend vorgeschrieben war, auch wenn sich die Grade nun geändert haben – und Proben können nun „forciert“, d. h. wiederholt werden, wenn es die Umstände erlauben und der Spieler bereit ist, sich im Falle eines weiteren Scheiterns auf schlimme Konsequenzen einzulassen. Ein paar Verschlankungen im Nahkampf hier, ein paar Vereinfachungen bei der Geistigen Stabilität dort – fertig. Das war es.

So steht es geschrieben, und genauso wurde es auch im Vorfeld von allen Beteiligten kommuniziert. Drüben auf Chaotisch-Neutral gibt es eine Regelzusammenfassung, die genau diese Punkte andeutet. Als sich irgendwann auch das Team rund um das deutsche Cthulhu bemühte, endlich Informationen über den Werdegang der Edition 7 kundzutun, war auch hier über weitergehendes nichts zu lesen. Ein kleiner Seitenhieb: die Information für uns Kunden bestand in einem ellenlangen, unübersichtlichen Forenthread, in dem ständig geschrieben wurde ob irgendein Lektor oder irgendein Grafiker jetzt irgendwelche Tätigkeiten vollbracht hat oder nicht. Das war weder spannend noch informativ, verwischte aber gekonnt die wirklich wichtigen Informationen. Brach doch ein Informationsbröckchen über die inhaltlichen Änderungen durch, wurde er mit „wartet auf das Buch“ gleich weggewischt. Zu diesem Zeitpunkt fand ich das amüsant, aber irgendwie auch egal. Was sollte mit Cthulhu schon passieren?

Disclaimer 2
Eine ganz, ganz wichtige Sache an dieser Stelle: ich möchte die Änderungen, die sich für Cthulhu auf dem Papier nun ergeben NICHT bewerten. Dies ist kein persönlicher Rant – ich möchte nicht sagen, die Bilder gefielen mir nicht oder vorher besser oder die Ausrichtung des Spiels wäre jetzt falsch. Ich habe allerdings in verschiedenen Foren bisher die Erfahrung gemacht, dass ich meine inhaltliche Meinung über die Edition 7 nur unzureichend darlegen kann, weswegen ich nun auf einen langen Blogeintrag ausweiche.

…Änderungen darüber hinaus!
Einiges sollte passieren. Zumindestens laut Grundregelwerk. Denn es ergeben sich durch die neue Edition einige Einschnitte und Änderungen am Spieltisch und für den Leser, die sich nicht auf die wenigen technischen Änderungen zurückführen lassen:

Player Empowerment
Spieler können Würfe nicht einfach wiederholen. Sie dürfen sogar das Ergebnis eines Erfolges beschreiben. Sie schaffen während der Charaktererschaffung wichtige Fakten in der Spielwelt wie Bezugspersonen oder besonderen Besitz. Vorwärtsscheitern, wie es modernere Systeme praktizieren hält auch hier Einzug. Selbst den alten „Glückswert“ kann man nun optional als Schicksalspunkte verwenden um Proben zu modifizieren! All das ist eine wesentlich wichtigere Neuerung als „Die Attribute sind nun %-Werte“. Warum wurde darüber nicht im Vorfeld viel mehr gesprochen? Das sind doch Änderungen, die das System moderner, spielergerechter und schlußendlich auch ganz anders machen!

Fokus und Thema
Auf den großformatigen Illustrationen türmen sich Tentakelberge in den Nachthimmel. Kultisten drehen sich in finstren Reigen, tapfere Investigatoren jagen pistolenschwingend dazwischen. Aus einem heranrasenden Auto knattert Maschinengewehrfeuer. Wer denkt dabei an Cthulhu? Ich bislang nicht, doch nun ist es das Spiel, das hier präsentiert wird. Cthulhu wird in der Edition 7 pulpiger präsentiert und auch die vielen bunten Beispiele bei den Regeln drehen sich um Verfolgungen, Kämpfe, dunkle Kultisten… Cthulhu hat in Deutschland lange darum gekämpft, den Fokus wegzubewegen vom „Monster der Woche“ und/oder vom „Kult der Woche“. Die Cthulhu-Matrix sollte durchbrochen werden, nicht jedes Abenteuer im Kern ähnlich sein. In Amerika war das – sofern ich es verfolgt habe – nie in diesem Maße Thema. Und nun ist dieser 80er-Jahre-Charme auch wieder zurück in Deutschland. Noch einmal: ich möchte nicht beurteilen, ob das gut oder schlecht ist. Doch es ist auf jeden Fall erst einmal anders. Und wieder stelle ich mir die Frage: warum wurde darüber nicht gesprochen?

Herangehensweise an den Mythos und Optik
Der Mythos wurde in Deutschland stets indirekt dargestellt. Kaum eine Illustration zeigte einmal WIRKLICH ein Monster. Mythosmonster sind unbeschreiblich, unnahbar, vom menschlichen Auge und Geist nicht zu fassen. Wie verträgt sich das mit einer Zeichnung? Nun, die Macher der neuen Edition haben diesen Grundsatz im Vorbeigehen über den Haufen geworfen. Tentakelberge wohin das Auge blickt und auch das Monsterkapitel ist mit den amerikanischen Illustrationen versehen. Das unterstützt den pulpigeren Stil des neuen Systems, doch – mein Kopf beginnt langsam zu schmerzen – warum wurde eine jahrzehntealte Doktrin im Vorbeigehen über Bord geworfen? Gleiches gilt für die authentische Bebilderung der Texte mit alten Photographien. Wo sind sie hin? Ein letztes Mal: das soll nicht heißen „die neuen Bilder gefallen mir nicht“. Ich frage mich nur, warum die alte Vorgehensweise einfach gekippt wurde, war doch die Optik der Bände bisher kaum ein negativer Kritikpunkt am Deutschen Cthulhu.

Deutscher Eigenanteil
Bisher waren die Deutschen Cthulhu-Publikationen etwas völlig anderes, als die amerikanischen. Nun erscheint plötzlich ein Regelwerk, dass wie eine Kopie des Originals anmutet. Wenn man der Meinung war, einen anderen Weg gehen zu wollen um dem Produkt neues Leben einzuhauchen – schön. Aber warum wurde auch das eher im Vorbeigehen gemacht? Und falls man nicht dieser Meinung war – warum wurden deutsche Erfindungen wie die Janus-Gesellschaft nicht im Investigatoren-Kompendium integriert? Warum nicht die hervorragenden SL-Tipps der alten Bände im Spielleiterkapitel?

Produktportfolio
Bislang erschienen die beiden Grundregelwerke sowie drei Abenteuerbände, die als Einsteigerbände in die Edition 7 konzipiert waren. Ein genauer Blick auf die drei Abenteuerbände lassen aber deutliche Mängel zutage treten:

In allen Bänden finden sich Abenteuer aus den alten, längst vergriffenen Ausgaben des Magazins „Cthuloide Welten“ wieder. Und soll ich euch etwas verraten? Viele der Abenteuer sind gut. Sie sind teils unhandlich aufbereitet, teils wenig innovativ und teils auch sicherlich NICHTS für Einsteiger (wie ich bereits rezensierte), aber das macht die Abenteuer nicht schlecht. Aber: sie passen überhaupt nicht zu dem Spiel, dass in der Edition 7 beschrieben. Die Edition 7 sagt in Wort und Bild: „fange den Kultisten, erschieße die Monster, rette die Welt“. Die alten Abenteuer sagen das eben nicht, sondern sie sagen das, was Cthulhu in Deutschland in all den vergangenen Jahren gesagt hat: „War da nicht eben ein Geräusch? Ich habe die Taschenlampe fallenlassen…“

Noch einmal: Die Abenteuer sind nicht schlecht. Sie passen nur nicht zu dem Spiel, dass uns im Grundregelwerk dargeboten wird. Und darum frage ich mich, warum hier keine einheitliche Linie – entweder in die eine, oder in die andere Richtung – gefahren wird?

Meine Kritik
Ich möchte mich an dieser Stelle kurz fassen, denn die Kritik ist heftig genug. Ich halte die bisherige Produktpolitik und insbesondere auch die Informationspolitik um Edition 7 für ein Desaster.

1. Warum wurden die wirklich wichtigen Änderungen der neuen Edition nicht besser im Vorfeld kommuniziert? Wenn die Redaktion von den Änderungen überzeugt war, hätte sie sie doch als Appetitanreger einsetzen können? Wenn sie nicht überzeugt war, warum hat man sich nicht die Zeit genommen, ein deutsches Cthulhu zu entwerfen, wie in den letzten Jahren? Wenn es der Redaktion schlicht nicht aufgefallen ist, das sich über den Probenmechanismus hinaus so vieles tut, sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?
2. Warum wurde nicht darauf geachtet, ein rundes Bild im ersten Produktportfolio zu zeigen? Mussten die ersten Abenteuerbände wirklich mit altem CW-Material gefüllt werden, oder lag es nur daran, dass das Material günstig war? Die Bände passen zur Edition 7 so gut wie ein Dungeon Crawl zu „Das Schwarze Auge“. Beides irgendwie Fantasy, ja – mehr aber auch nicht. Bin ich der Einzige, der so darüber denkt oder geht es auch anderen so? Falls ja – sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?
3. Lt. Ankündigung wird in den nächsten Bänden verstärkt auf authentische Photographien gesetzt. Warum? Warum hat man dann für das Grundregelwerk diese jahrzehntealte Doktrin ausgesetzt? War es wirklich so viel billiger und einfacher, die Grafiken des Lizenzgebers einzusetzen? Und hat sich wirklich niemand Gedanken um die optische Wirkung eines Rollenspielbuches gemacht? Falls nicht – sind dann die richtigen Leute am richtigen Platz?

Alles in allem vermisse ich in der neuen Edition 7 bislang eines: eine Linie im Produktportfolio. Bisher wurde entweder rasch übersetzt oder rasch zusammenkopiert. Ich hoffe ehrlich, dass sich das noch fängt. Und dabei ist es mir wirklich egal, in welche Richtung, doch ich wünsche mir einfach ein rundes Bild für Cthulhu. Oder sehe ich das alles zu kritisch?

Ein letztes Mal: ich möchte nicht darüber sprechen, ob mir die neue Ausrichtung oder die neue Bebilderung gefallen. Aber ich bin interessiert an Euren Meinungen, welche Auswirkungen die Edition 7 über den reinen technischen Teil hinaus haben wird.

4 thoughts on “Edition 7 – Ein kritischer Blick

  1. zu 1) Vieles wurde kommuniziert, diskutiert, aber das GRW ist erst einmal eun Anfang; da direkt ein 7.01D draus zu machen halte ich für sehr fragwürdig. Zumal sich die alte deutsche Version erst im Laufe von Jahrzehenten ergeben hat!

    zu 2) Problematik des Erscheinens der Regeln und der günstigen Preise! Ich sehe die Softcoverausgaben mit Reprints eher so in einer Richtung DungeonCrawlClassics, die gezielt für Einsteiger gemacht sind!

    zu 3) Authentische Bilder zu finden ist auch keine Sache die von heute auf morgen per Google machbar ist…

    Mein Fazit, das ich hier gerne wiederhole:
    Das 7er GRW ist ein Anfang, die weiteren Entwicklungen enscheiden sich erst jetzt,
    also vielleicht einfach mal abwarten und das halbleere Glas als halbvoll ansehen 😉

    zu 3)

  2. zu 1) Vieles wurde kommuniziert, diskutiert, aber das GRW ist erst einmal eun Anfang; da direkt ein 7.01D draus zu machen halte ich für sehr fragwürdig. Zumal sich die alte deutsche Version erst im Laufe von Jahrzehenten ergeben hat!

    zu 2) Problematik des Erscheinens der Regeln und der günstigen Preise! Ich sehe die Softcoverausgaben mit Reprints eher so in einer Richtung DungeonCrawlClassics, die gezielt für Einsteiger gemacht sind!

    zu 3) Authentische Bilder zu finden ist auch keine Sache die von heute auf morgen per Google machbar ist…

    Mein Fazit, das ich hier gerne wiederhole:
    Das 7er GRW ist ein Anfang, die weiteren Entwicklungen enscheiden sich erst jetzt,
    also vielleicht einfach mal abwarten und das halbleere Glas als halbvoll ansehen 😉

  3. Im Vorfeld und während der Übersetzung gab es im Pegasus-Forum einige lebhafte Diskussionen zu den Veränderungen in der 7. Edition,
    Einen echten „Plan“ vermisse ich auch ein wenig, aber bei den wenigen Veröffentlichungen wäre der wohl kaum von Nutzen.

  4. Pingback: Quo vadis, CTHULHU? – Seanchui goes Rlyeh

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