delirare aude – Venedig

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 31. Dezember 2009
Autor: Stefan Droste

cthulhu de stempel bestsellerNachdem wir uns hier im Blog immer mal wieder vernachlässigter Nischensettings annehmen (seien es Piraten, Wild West oder Gaslicht) und inzwischen auch der Mittelalter-Band erschienen ist, sehe ich es geradezu als meine Pflicht, in dieser weiteren kleinen Rubrik einige Settings und Denkanstöße zum Cthulhu-Rollenspiel in einer zu unrecht übersehenen Epoche zu liefern:

Der frühen Neuzeit

Dieses Zeitalter, welches etwa im ausgehenden 15. Jhd. mit der Renaissance, dem Buchdruck oder der Entdeckung Amerikas das Mittelalter hinter sich lässt und mit der Französischen Revolution 1789 und deren Nachwirkungen in die Neuzeit übergeht, ist ein prägendes für die Geschichte Europas und der ganzen Welt gewesen. Wissenschaft und Aufklärung, Kolonialisierung und Absolutismus, Reformation und Verfolgung, Entdeckungen und der Aufstieg des Bürgertums – und in dieser Zeit der Umbrüche und Inspiration, einer Epoche der die Schauermärchen unserer Zeit entstammen, soll kein Platz für die düsteren Einflüsse des Mythos sein?

Kaum vorstellbar. Und auch wenn es nur im Rahmen eines One-Shots bleiben sollte: Warum nicht den Sprung in diese faszinierende Welt einmal wagen? Also begeben wir uns zurück in die Zeit von Dreispitz, Steinschlosspistole und Pferdespännern! Und werfen wir in diesem ersten Artikel der Reihe einen etwas genaueren Blick auf ein Setting, welches uns geheimnisvoll zuflüstert:

Habe Mut dich deines eigenen Wahnsinns zu bedienen!

Venedig, 1755 – Die Ophelia der Städte

Venezia_c.16501

Der geflügelte Löwe von Venedig war einst das Wappentier einer der mächtigsten Städte der bekannten Welt. Auf rund einhundert Inseln erbaut und von unzähligen Kanälen durchzogen, florierte das Leben hier seit jeher auf dem Wasser. Und auf dem Wasser lag für die Venezianer seit jeher auch das Geld. Im Mittelalter waren von hier aus Flotten in See gestochen, die das gesamte östliche Mittelmeer unangefochten beherrschten. Fürsten und Könige, ja sogar der Heilige Vater selbst waren auf den ehrgeizigen Stadtstaat und seinen Schiffe angewiesen, um ihre Feldzüge gegen die “Heiden” zu führen.

Doch es waren nicht Glauben oder Loyalität, die Venedig zu geradezu unfassbarem Reichtum aufsteigen ließ: Denn während sich die linke Hand gewissermaßen den Kreuzritter-Transport mit deren Beute vergüten ließ, trieb die rechte Hand fleißig Handel mit den Moslems und profitirte schamlos am so gesicherten Monopol mit exotischen und exklusiven Handelswaren. Gleichzeitig stand man in ständiger Konkurrenz zu anderen Seerepubliken wie Pisa, Genua oder Amalfi. Diese unterhielten zueinander ganz nach eigenem Gutdünken mal Handelsbeziehungen und mal führten sie blutige Krieg gegeneinander.

Kurzum, Venedig saß in einer Schlüsselposition zwischen Ost und West und nahm sich aus beidem was es brauchte, bis dass es zu einer unumstrittenen Großmacht geworden war, und die in den Schlamm gerammten Holzpfähle der Hafenstadt bald vor prächtigsten Palästen und Kathedralen ächzten.Canaletto_Veduta_del_Palazzo_Ducale Aber nun, dreihundert Jahre später, ist der Niedergang Venedigs bereits nicht mehr zu übersehen. Noch immer zeigt die “La Serenissima” ihren Glanz, doch ist dieser nur mehr das billige, schmutzige Funkeln einer Hure, die ihre besten Tage hinter sich hat. Längst haben expansionistische Großmächte die profitablen Handelsrouten unter ihre Kontrolle gebracht und gewaltige Kolonien jenseits der Ozeane errichtet. Das Mittelmeer, jahrhundertelang Knotenpunkt des internationalen Geldflusses, ist in dieser größer gewordenen Welt zu einem unbedeutenden Teich geworden. Und Venedig ebenso.

Nichtsdestotrotz zehrt die Stadt noch von den alten Tagen und vor allem dem darin angehäuften Reichtum. Es sind nun dekadente Luxusgüter wie das geheimnisumwitterte Murano-Glas, mit denen Venedig versucht seine Stellung zu halten. Und die ehrwürdigen Familien spinnen immer ruchloser ihre eifersüchtigen Intrigen im Netz der Kanäle und Brücken um ihre Mitglieder in einflussreiche Positionen im Rat und im Dogenpalast zu bringen. Hierzu ist oft jedes Mittel recht, und man scheut auch vor Heimtücke und gar Attentaten nicht zurück. Nach außen hin bleibt dabei natürlich stets die gottesfürchtige Fassade gewahrt.

Die Palazzi und Handelshäuser der jeweiligen Fraktionen gleichen nicht selten Bastionen und bilden gewissermaßen einzelne kleine Städte innerhalb der Stadt selbst. Venedig hat so eine ganze Reihe von autonomen Machtzentren. Diese Hochburgen fungieren für die Adelsfamilien und Händlerzünfte gleichzeitig als Verwaltungsgebäude, Kontore, Hotels und Orte der Repräsentation. Selbst von eigenen Waffenlagern und Kerkern wird gemunkelt. Gar manches uraltes Geheimnis, aus den fernsten Erdteilen hergebracht, soll dort unter Verschluss gehalten werden.

Denn ein offener Konflikt innerhalb der Stadt – eine Gefahr, über die unter der Hand ständig getuschelt wird – würde alles Bösartige und Skrupellose der Stadt zu Tage fördern und die Lagune rot mit Blut färben. Bereits jetzt belauern sich die gedungene Agenten und Spione der einzelnen Machtfraktionen in prächtigen Ballsälen und schummrigen Kirchen, auf den dicht aneinander gelehnten Dächern und in geisterhaft dahingleitenden Gondeln. Sollte es tatsächlich zur Konfrontation kommen wird Venedig nämlich von demjenigen beherrscht, der die unzähligen Wasserwege kontrolliert.

Zum einen ist Venedig selbst als Lagunenstadt schließlich auf die Versorgung durch die bauchigen Frachtschiffe vom Festland angewiesen, zum anderen ist auch ein Großteil der verschiedenen Inseln ausschließlich übers Wasser zu erreichen. Natürlich gibt es auch in Venedig Straßen, große Plätze und versteckte Hinterhöfe, aber die Hauptverkehrsadern sind die Kanäle und das Transportmittel der Wahl Boote und Gondeln. Dies macht die Gondoliere zu einem nicht zu unterschätzenden Faktor. Ein solcher Fährmann wird man nur durch Vererbung und gehört dann einer von Berufs wegen äußerst verschworenen und verschwiegenen Gemeinschaft an.

Doch nicht einmal die Gondoliere kennen alle Geheimnisse der alten Metropole. Der Legende nach fanden die römischen Flüchtlinge, die aus Angst vor den einfallenden Germanenhorden ihre Heimat verlassen mussten, ihren abgelegenen Zufluchtsort nämlich nicht unbewohnt vor: “Incolea Lagunea” – unbekannte “Lagunenbewohner” sollen in den Sümpfen dem Fischfang nachgegangen sein. Und unter den kostspieligen Repräsentationsgebäuden ruhen noch immer die unerforschten Fundamente der ersten Besiedlung. Zudem ruht auch noch das strenge Auge des Vatikan auf Venedig, verstimmt über das hohe Maß an religiöser Freiheit welches die Seerepublik eigentümlicherweise Heretikern und Andersgläubigen einräumt.Canaletto_II_017 Tritt man nun von diesem düster schillernden Gemälde der Stadt in der Adria zurück und lässt den Blick schweifen über Glanz, Verfall und Geheimnisse alter Tage, erscheint es eigentümlich passend, dass die Moderne selbst in ihrer stürmischen Inkarnation als Napoleon Bonaparte schließlich Venedigs Fall endgültig besiegelte und “La Serenissima” zu einer entmachteten, träumenden Inspirationsquelle für romantische Touristen aus dem restlichen Europa machte. Doch natürlich hätte die Geschichte unter Umständen eine ganz andere Bahn nehmen können…

Szenarioideen

Es ist das spannungsgeladene Dreieck zwischen verkommener Hafenmetropole, alten intriganten Adelsfamilien und Mantel und Degen-Romantik in welcher sich die Abenteuer von Venedig voll entfalten können. Und dies mit einem Spritzer cthuloiden Mythos zu würzen ist die Aufgabe des Spielleiters. Als ersten Ausgangspunkt an dieser Stelle drei Denkanstöße:

  • Besorgnis und Zwietracht liegen über der Stadt der Kanäle. Ein Streik, ja beinahe ein Aufstand der doch so wichtigen Glasbläser kostet die Stadt täglich Unsummen. Doch die geheimniskrämerischen Spezialisten halten sich auf ihrer Insel verschanzt und verweigern jede Verhandlung. Niemand weiß was die einzigartigen Handwerker eigentlich fordern, es scheint als würden sie nur auf Zeit spielen. Eine geheime Gesandtschaft soll klären was auf Murano vor sich geht. Denn warum rauchen trotz des Streiks die Glasöfen Tag und Nacht auf voller Kapazität?
  • Irgendetwas scheint die Gezeiten in der Lagune aus dem Rhythmus zu bringen und immer mehr zu verstärken. Während die mit jedem Zyklus weiter ansteigende Flut immer höher in die Häuser dringt und alles mit stinkenden Algen bedeckt, zeigt sich bei jeder Ebbe mehr von den dunklen, symmetrischen Felsformationen, die seit jeher von Wasser bedeckt waren. Unter den verängstigten Bewohnern verbreiten sich Krankheiten, Wahnsinn und Mord. Die Kleriker sagen Gottes Strafgericht für den Hochmut der Venezianer voraus. Etwas regt sich unter den uralten Pfählen der Stadt.
  • Der Doge und die Ratsmitglieder haben zu einem prunkvollen Ball geladen, und alles was Rang und Namen hat tummelt sich in Maskerade auf dem Fest. Man scheint bei der Gästeliste besonderen Wert auf die schönsten Frauen der ganzen Stadt gelegt zu haben. Aber niemand kann sich auf die unförmigen Kostüme der Gastgeber sowie deren seltsam watschelnde Gangart einen Reim machen. Dennoch wird die Stimmung im Palast mit fortschreitender Stunde immer ausgelassener, so dass man beginnt sich in die Separées zurückzuziehen. Um alles was dort geschieht vor den Blicken der Welt verborgen zu halten.

Nichtspielercharakter

Giacomo Girolamo Casanova, unverbesserlicher Verführer, Abenteurer und gelegentlicher Schriftsteller

GiacomoGirolamoCasanovaST 10, KO 12, GR 12, IN 16, MA 16, GE 14, ER 15, BI 15, gS 80
Trefferpunkte: 12, Magiepunkte: 16, Schadensbonus: /

Angriffe: Degen 65 (1W6), Steinschlosspistole 25 (1W10; 6m)
Fertigkeiten: Ansehen 60, Fremdsprache (Französisch) 70, Horchen 45, Klettern 35, Psychologie 70, Schleichen 40, Überreden 55, Verführen 90, Verkleiden 80

Zitate:
– “Einen Dummkopf betrügen heißt, den Verstand rächen.”
– “Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest.”
– “Ganz gewiß hat es auf dieser Welt niemals Hexen und Hexenmeister gegeben; aber ebenso unleugbar haben zu allen Zeiten die Leute an Betrüger geglaubt, die das Talent besaßen, als Zauberer aufzutreten.”

alle Bilder stammen von commons.wikimedia.org

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