“Passauer Kunst” – Magie unter Landsknechten

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 03. Mai 2010
Autor: Stefan Droste

cthulhu de stempel bestsellerErschaffe magischen Speer, Haut aus Eisen, Verzaubere Lanze – Mythoszauber wie diese sind nicht selten die einzige Möglichkeit in einer direkten Auseinandersetzung mit dem Schrecken des Mythos nicht sofort den Kürzeren zu ziehen. Wer nun aber meint, nur in exotischen oder untergegangenen Kulturen auf Spuren dieser Magie stoßen zu können, irrt! Deutsche Söldner und Landsknechte der Frühen Neuzeit übten in ihren Reihen über Jahrhunderte die sogenannte “Passauer Kunst” aus: Magie des Krieges.

Bereits Martin Luther prangerte 1526 diese unter den Kriegshandwerkern übliche Praxis als gefährlichen Aberglauben an:

Einige können Eisen und Geschosse beschwören, einige können Ross und Reiter segnen. Einige tragen das Johannesevangelium oder sonst etwas bei sich, worauf sie sich verlassen. Sie alle zusammen sind in einer sehr gefährlichen Lage. Denn sie glauben nicht an Gott, sondern versündigen sich vielmehr mit Unglauben und falschem Glauben an Gott. Wenn sie so sterben, müssen sie auch verloren sein.
Auch andere Theologen verurteilten die magischen Praktiken als Teufelswerk; die weltlichen Söldner aber störte dies in der Regel herzlich wenig. Zu groß war der Nutzen welchen die Rituale versprachen: Zielsichere Waffen, unaufhaltsame Geschosse und vor allem das sich “gefroren”, also hart und unverwundbar machen. Viele Landsknechte verließen sich auf die Macht ihrer verzauberten Glücksbringer und Waffen, vor allem im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648), dem wohl brutalsten Blutvergießen bis zum Ersten Weltkrieg. Aber auch in diesem modernen Krieg griff mancher Soldat wieder auf diese alten Mittel zurück.

Aufzeichnungen und Soldatenhandbücher wie der Victori-Schlüssel oder der HeldenSchatz aus dem 17. Jahrhundert können also als Mythosbücher mit sehr realem Hintergrund für so manche in Deutschland spielenden Runden dienen. Typische Anleitungen konnten dabei folgende sein:

  • Wird in eine Kugel ein Weizenkorn oder eine Hostie eingegossen, so vermag sie durch die ihm innewohnende Kraft jeden Panzer zu durchdringen.
  • Holzsplitter einer vom Blitz gefällten Eiche verleihen einer Waffe übernatürliche Treffsicherheit. Auch Menstruationsblut soll helfen.
  • Das Moos, welches auf dem Schädel eines Gehenkten gewachsen und nach einem komplexen Ritus geerntet wird, kann denjenigen, der es einnimmt oder bei sich trägt, “gefroren” machen.
  • Gleiches verspricht das Einwachsen lassen von kleinen, mit Zauberformeln versehenen Zetteln in zuvor geschlagenen Wunden. Amulette waren wohl üblicher.

Viele der Rituale vereinen in sich christliche, alchemistische und heidnische Elemente zu einem Ganzen, welches gleichberechtigt wirksam war. Bei den zeitgenössischen Berichten von Landsknechten, die jedes Schlacht überleben, ihre Feinde zu großer Zahl niederstrecken oder gar aufrecht im Kugelhagel ihr Bier trinken um nachher in aller Seelenruhe eine Handvoll Geschosse aus ihrem Leib zu ziehen, fällt es nicht schwer auch eine Beimischung des Mythos’ zu vermuten. Denn, so warnten die Kirchenmänner: Man mag zwar seinen Körper retten, aber verliert die Seele unwiederbringlich an den “Schwarzen Caspar”.

(Wissenschaftliche Betrachtungen dieses Themas findet sich beim Arbeitskreis für Militär und Gesellschaft.)

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