Schlaflos im Mittelalter?

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 25. Februar 2012
Autor: Stefan Droste

cthulhu de stempel bestsellerNicht nur das entsprechende Cthulhu-Setting, auch unzählige Fantasy-Rollenspiele basieren auf mittelalterlichen oder zumindest vormodernen Kulturen, wenngleich romantisiert und verfremdet. Für das Charakterespiel ist dabei oft die Frage wichtig, wie sich ein Mensch in einer solchen Welt verhalten würde, wie sein Leben und sein Tagesablauf aussieht. Zu Themen wie Glauben, Nahrung, Kleidung, Krankheiten etc. ist bereits viel geschrieben worden, ein sehr wichtiges wird dabei aber oft vergessen: Der Schlaf.

Wie oft hat der Spielleiter sich dieses Themas bereits bedient: Die Helden müssen ein Nachtlager in der Wildnis aufschlagen oder werden im Schutz der Dunkelheit angegriffen. Vielleicht wollen sie sich aber auch selbst irgendwo einschleichen oder aber ihnen erscheinen die allseits beliebten Traumvisionen, in Cthulhu könnte es zudem passieren dass sie einen Weg in die Traumlande selbst finden. Wenn das nächste Mal zumindest das Thema Schlaf auftaucht könnte es interessant sein zu wissen, dass die Menschen vor der Industrialisierung keineswegs die Nacht durchschliefen, sondern zwei getrennte Schlafphasen erlebten.

Da künstliche Beleuchtung nicht vorhanden oder zu teuer für den dauerhaften Einsatz war ging man recht zeitig mit der Dunkelheit zu Bett und stand mit dem Hahnenschrei auf. Doch dazwischen, etwas nach Mitternacht, erwachten die Menschen für eine oder zwei Stunden ehe sie wieder in den Schlaf fielen. Dieser Rhythmus war noch bis ins 19. Jahrhundert so allgemeingültig, dass die Begriffe des “Ersten Schlafs” und “Zweiten Schlafs” ganz selbstverständlich verwendet wurden. In der Zwischenzeit des Wachens hatten die Menschen Zeit sich zu unterhalten, noch etwas zu Essen oder zu Trinken oder einfach über ihre Träume nachzudenken, die auf diese Weise viel lebendiger in Erinnerung blieben.

Diese Art des Schlafes verschwand zunächst bei den Gelehrten und der Oberschicht, die bei Kerzenschein lange wach blieben und so ihren “Ersten Schlaf” völlig umgingen. Und als Gas- und später elektrische Beleuchtung diesen neuen Rhythmus der Bevölkerung aufzwängten ging diese seit Jahrtausenden übliche Art zu schlafen verloren. So ist es möglich, dass viele “Schlafstörungen” unserer Zeit eigentlich keine sind, sondern nur das überlieferte Erbe früherer Nächte, das wir mit unseren Vorfahren ebenso teilen wie mit der ganzen nächtlichen Tierwelt.

“There is one stirring hour, unknown to those who dwell in houses, when a wakeful influence goes abroad over the sleeping hemisphere, and all the outdoor world are on their feet. […] At what inaudible summons are all these sleepers thus recalled in the same hour to life?” – Robert Louis Stevenson, The Cevennes Journal.

Szenarioidee
Die mittelalterliche Nacht ist ein geisterhafter, gefährlicher Ort. Gerade wenn Stürme über das Land ziehen versammelt man sich gemeinsam und bewaffnet, verbarrikadiert das Haus mit magischen Talismanen und hofft die Dämonen der Nacht mögen vorbeiziehen.Dass alle Welt zu einer bestimmten Zeit aufwacht hat den Zweck kampfbereit zu sein, sollten die Wesen versuchen sich der Menschen zu bemächtigen.

Für Cthulhu Mittelalter könnte sich hier tatsächlich eine Art Survival-Horror anbieten, bei dem diese Ängste tödliche Realität werden und nun die einfache Bevölkerung sich zur Wehr setzen muss. Für das Gaslicht-Setting bietet sich die interessante Frage an, was geschieht, wenn diese Schutzwache vergessen wird und nun die Wesen der Nacht unbeobachtet umgehen können. Als Großer Alter tritt dabei natürlich Hypnos auf den Plan und mit ihm die Kreaturen der Traumlande wie die scheußlichen Spinnen von Leng und die geflügelten Dunkeldürren.

Literatur: A. Roger Ekirch, Sleep We Have Lost. Pre-Industrial Slumber in the British Isles, in: American Historical Review 106, No.2 (2001). Als weiterführende Lektüre wird empfohlen: Ders., At Day’s Close. Night in Times Past, New York 2006.

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