Einsamkeit in der Großstadt

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 28. Februar 2007
Autor: Daniel Neugebauer

cthulhu de stempel bestseller

The whole conviction of my life now rests upon the belief that loneliness, far from being a rare and curios phenomenon, is the central and inevitable fact of human existence.

– Thomas Wolfe
God’s Lonely Man

Ich bin gern nachts im Büro. Es ist nicht so hektisch und dröhnend wie am Tag. Die bedrückende Stille ist nahezu fühlbar und ich sauge sie tief ein, wie die kalte Nachtluft. Vom 23. Stockwerk aus wirkt alles so klein und nichtig dort unten. Die bunten Lichter auf den Straßen kitzeln in meinen Augen und der frostige Wind zerrt an meinen Haaren. Ich bin gern nachts im Büro, wenn niemand anderes da ist. Dabei sehne ich mich doch nach ein wenig Gesellschaft, etwas Behaglichkeit und ein wenig Liebe. Die Stadt ist grausam. Man wird zu einem von vielen, man ist nur ein Individuum, keine Person und niemand nimmt dich wahr wenn du weinst. Ich werde keinen vermissen, ich kannte niemanden und sie kannten mich nicht. Ich war gern nachts im Büro, wenn niemand da war…

– Abschiedsbrief von Frank Stuart

Grossstadt05

New York City hat mehr als 8 Millionen Einwohner, Los Angeles mehr als 3,8 Millionen, in Berlin leben 3,4 Millionen und in London über 7,4 Millionen Menschen. All diese Städte sind gigantische Metropolen, ausufernde Riesen durch die sich asphaltierte Adern ziehen und die gigantische Gebäudekomplexe einrahmen und verbinden. In den fahlen Lichtern der Großstadt gehen Abermillionen von Menschen ihrem grauen Alltag nach. Ihr Leben ist gefangen zwischen tristem Trott und kurzen aufflackernden Glücksmomenten, die ihr Dasein ein wenig lebenswerter machen. Zermahlen von den knirschenden Mühlen der Großstadt schiebt jeder seine Sorgen vor sich her, darauf achtend niemandem zu nahe zu treten und nicht zu viel von sich preiszugeben. Egoismus und Erfolg sind die grinsenden Götzen in den Metropolen und ihre Anhänger sind zahlreich, doch oft fordern sie auch einen Tribut den Viele bereitwillig zahlen – Einsamkeit.

normanEinsamkeit
Großstadt Es ist besondere Ironie das wir dank Telefon, Internetchats, Internettelephonie, E-Mail und schließlich sogar Fax immer mehr das Gefühl einer Vereinsamung wahrnehmen. Mit dem Handy sind wieder allzeit erreichbar, ob per Anruf oder per SMS, aber dennoch hilft es nicht als Schutz, gegen dieses kriechende Gefühl was uns zu belauern scheint. Einsamkeit ist dabei nicht zu verwechseln mit der Empfindung des Alleinseins. Menschen die allein sind, müssen nicht zwangsläufig einsam sein und auch umgekehrt gilt: Wer unter Menschen, sogar unter Freunden ist, kann einsam sein, obwohl er nicht allein ist. Die Situation sich unter bekannten Gesichtern mit einem Mal zu denken, dass man gar nicht dazugehört ist, ein Zeichen der Einsamkeit. Man teilt nicht die gleichen Interessen und Ansichten mit den Personen gegenüber, man fühlt sich isoliert, ausgegrenzt obwohl man mittendrin ist. Die Einsamkeit nagt an uns, sie ist da obwohl wir Glücklich sein sollten und findet im Alleinsein oft einen fruchtbaren Nährboden. Aber Alleinsein muss nicht Einsamkeit bedeuten. Man findet im Alleinsein auch die Möglichkeit zur Ruhe zu kommen und sich von dem stressigen Alltag zu Regenieren. Alleinsein variiert je nach der persönlichen Einstellung der Person, es kann ein erfreulicher Zustand der Ruhe sein oder eine harte Strafe der Isolation. Unter Einsamkeit wird dagegen die Empfindung verstanden, die das Alleinsein oder das Zusammensein mit einem Gefühl der Ausgeschlossenheit, Isolation und Verlassenheit schwängert. Gerade in Zeiten der Veränderung kann der Mensch von der Einsamkeit eingenommen werden. Trennungen in der Partnerschaft oder der Verlust von Freundschaften, körperliche Gebrechen, chronische Erkrankungen, aber auch die eigene Pensionierung sorgen dafür, dass sich diese Stille um uns herum ausbreitet und manchmal festsetzt.

Anonymität in der Großstadt
Neben den dutzenden von Möglichkeiten mit anderen Menschen in Kontakt zutreten ist umso paradoxer das sich gerade in den Molochen der Großstädte das Gefühl der Einsamkeit nährt und verbreitet. Um uns herum sind tausende und abertausende von Menschen oder wir nehmen sie nicht als Individuen wahr, sind für uns selbst nur eine formlose Masse, ein Gezücht ohne eigene Gedanken und Beweggründe. Die Frau dort drüben ist die Tochter von irgendjemandem, hat vielleicht selbst Kinder, ist Angestellte in einer Bank, raucht zuviel und hat einen Liebhaber. Der unschuldig dreinblickende Mann dort hat die Schule nach 5 Jahren abgebrochen, ist von zu Hause weggerannt und hat sich auf der Straße durchgeschlagen. Er hat heute noch keinen Bissen zu sich genommen und die Automatikpistole in seiner rechten Manteltasche liegt ruhig in seiner Hand. Diese Leute sind uns egal! Wir beachten sie gar nicht wenn wir die U-Bahn verlassen oder mit einem Taxi durch die regenfeuchten Hauptstraßen fahren. Sie haben alle Geschichten zu erzählen die niemand hören will. In der Großstadt sind wir anonym, wir sind einer von vielen. Die Entfernungen in den Metropolen sind unfassbar groß und nur weil man in derselben Stadt lebt, heißt das nicht, dass man sich öfter sieht oder sich zufällig über den Weg läuft. Man hat zu den meisten Menschen keinen Kontakt oder nur sehr oberflächlichen Kontakt, die meisten wohnen in einem Haus und kennen noch nicht mal ihre Nachbarn, weil es ihnen einfach egal ist. Oft resultiert dieses Desinteresse an anderen Menschen einfach daher, dass man sein eigenes Netzwerk an Freunden, Bekannten und an Familienbande hat, aber was ist wenn dieses Netz zerreißt, wenn verweht wird wie das mühsam errichtete Netz einer Spinne? Dann zermahlen einen die fehlenden Kontakte und die einzigen zwischenmenschlichen Beziehungen erhält man in den gigantischen Warterräumen von Behörden in denen man sich eine Nummer ziehen muss um irgendwann mal einem Sachbearbeiter gegenüberzutreten dem deine Geschichte völlig egal ist, weil er genug mit sich selbst zu hat.

Dennoch locken die unersättlichen Großstädte immer mehr ahnungslose Opfer in ihre Kerker aus Stahl und Beton. Ihr Sirenengesang säuselt dir die Verheißung von Freiheit und Toleranz ins Ohr, von Abenteuer, Luxus, Rausch und Dynamik. Doch wenn der giftigsüße Wein einmal gekostet ist, pumpt die Wahrheit nur allzu schnell durch deine Venen: Die gesuchte Freiheit wird zur Vereinsamung und Anonymität. Die Stadt strahlt Ruhelosigkeit und eine geistige Leere aus, der Luxus wandelt sich zum Elend und des nachts wandern die Betrogenen ziellos durch die schmutzigen Gassen und Straßen auf der Suche nach ihren verlorenen Träumen.

buildings-123780_1280Die 3 Phasen der Einsamkeit
Grob kann man drei Phasen der Einsamkeit festmachen, in dem sich betroffene Personen bewegen. Natürlich sind diese Phasen nur exemplarisch und jeder Mensch lebt seine Einsamkeit anders aus oder wird anders von ihr umschlichen. Dennoch dienen diese Phasen als ein grober Überblick über den Verlauf der Vereinsamung:

1. Phase: Kurzfristige Einsamkeit
Die kurzfristige oder momentane Einsamkeit hält nur kurz an. Es ist eine Reaktion auf Ereignisse die unmittelbar um uns herum geschehen. Ein Umzug in eine Fremde Stadt führt zu einer kurzfristigen Umorientierung, die Arbeitslosigkeit kapselt uns von der Arbeitswelt ab und ein Aufenthalt in einem Krankenhaus wirft uns in eine ungewohnte Situation. Diese Formen der Einsamkeit sind normal und nicht schädlich, sondern können als Möglichkeiten gesehen werden die neue Lebenssituation zu überschauen und zu meistern. Die Veränderung in unserem Leben schneidet uns jedoch von den uns vertrauten Menschen ab und dies kann sich langfristig zu einem Problem entwickeln.

2. Phase: Der Langsame Rückzug
Wenn uns die Einsamkeit festhält und sie immer mehr zu unserem tagtäglichen Begleiter wird, dann kann man schon von einem ernsthaften Problem sprechen. Betroffene Personen verlieren ihre Fähigkeit Kontakte aufzubauen und über Alltägliches zu sprechen. Ganz allgemein nimmt die Unterhaltung zu anderen Menschen ab und man zieht sich zurück aus der lauten Welt und die Einsamkeit kriecht unaufhaltbar weiter an uns heran und umhüllt uns wie ein Panzer, aus dem man sich nicht mehr so leicht befreien kann und dabei war es doch recht einfach in ihn hineinzukommen. Personen in der Phase schaffen es nur schwer aus ihrer Einsamkeit allein auszubrechen, zu gut passt dieser angelegte Panzer.

3. Phase: Chronische Einsamkeit
Anhaltende Gefühle der Einsamkeit von mehreren Monaten oder gar Jahren stürzen die Personen in eine Isolation aus der sie selbst gar nicht mehr herauskommen. Personen mit denen man früher Kontakt hatte, wurden durch eigenes gereiztes und giftiges Verhalten vergrault und andere Kontakte aufrechtzuerhalten oder wieder aufzunehmen werden zu einer hohen Hürde für den Betroffenen. Man verliert auch das Interesse daran für andere anziehend zu wirken und in das Gefühl der Einsamkeit mischen sich Gedanken über Ablehnung und Selbstzweifel. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verkümmert zu einem Schattendasein und man errichtet um sich selbst eine Festung der Einsamkeit und Isolation, deren Mauern nur extrem schwer einzureißen sind.

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