Rezension: Schattengang und weiteres Material für Cthulhu im Mittelalter

schattengangDer „Cthulhu“-Ableger „Cthulhu Mittelalter“ erhält mittlerweile kaum noch Veröffentlichungen. Seit dem verlagsseitigen Ausverkauf des Kernregelbandes ist es sogar sehr still um das cthuloide Grauen im finsteren Mittelalter geworden. Doch nun erscheint mit „Schattengang“ ein PDF, das nicht nur ein weiteres Mal das „Cthuloide Welten“-Archiv öffnet, sondern auch die Regeln wieder zugänglich machen will.

An dieser Stelle folgt zunächst die obligatorische Spoilerwarnung. Eine Rezension von Abenteuerszenarien vermag kaum komplett ohne Hinweise auf die Handlung auszukommen. Ich möchte also Lesern, welche die Abenteuer noch als Spieler erleben möchten, anraten, bis zum Fazit vorzuspringen.

Den Anfang des PDF macht dann auch gleich das titelgebende Szenario „Der Schattengang“. Hier schlüpfen die Spieler in die Rollen von Bauern eines schweizerischen Bergdorfes, dass unter der Knute eines Raubritters zu leiden hat, der die Gegend in tyrannischem Griff hält. Ausgerechnet zur Zeit der so wichtigen Aussaat, die das Dorf über den nächsten Winter retten soll, hat es sich der Despot in den Kopf gesetzt, einhundert Bäume an eine Allee pflanzen zu lassen – natürlich von den Bauern des Dorfes. Die verzweifelten Dorfbewohner scheinen einen Ausweg in einem zunächst harmlos anmutenden Ritual zu finden – doch sie ahnen nicht, auf wen sie sich eingelassen haben … „Der Schattengang“ basiert auf der Geschichte „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf und wirft die Spieler einmal in ungewohnte Gewässer, zeigt es doch auf, wie rasch man in die Abgründe cthuloiden Grauens abdriften kann. Der Weg zur Hölle ist nun mal mit guten Vorsätzen gepflastert. Neben dieser interessanten Prämisse weist es aber leider auch Schwächen auf – so sind viele Szenen geradezu geskriptet, um dem Verlauf der Vorlagenhandlung gerecht zu werden. Außerdem vermisse ich vorgefertigte Charaktere, die gerade aus der verschworenen Dorfgemeinschaft heraus interessant gewesen wären.

Das zweite Abenteuer heißt „Der Zirkel des Baphomet“ und spielt zu Zeiten des vierten Kreuzzuges in der belagerten Stadt Konstantinopel. In den Wirren der Belagerung machen sich die Charaktere in den Katakomben dieser riesigen und reichen Stadt auf die Suche nach nichts weniger als dem Necronomicon, diesem verruchten Kernstück des Mythos, geschrieben vom wahnsinnigen Araber Abd Al-Azred. Bei ihrer Suche stoßen sie dabei nicht nur auf Templer mit finsteren Absichten und wahnsinnige Mönche, sondern auch auf die Irren und Wirren des vierten Kreuzzuges und müssen sich schließlich einen Weg durch die Kämpfe um Konstantinopel bahnen. Die Aufbereitung des Szenarios ist gut gelungen, insbesondere erwähnenswert ist es sicher, dass die ursprünglich recht knappe Beschreibung des vierten Kreuzzuges durch die Texte aus dem Quellenband „Kreuzzüge“ ersetzt wurde. Doch auch „Der Zirkel des Baphomet“ weist abseits seiner hervorragenden Stimmung und der interessanten Prämisse Schwächen auf: Konstantinopel selbst wird kaum beschrieben, sodass es für den Spielleiter schwer sein wird, diese besondere Stadt wirklich mit Leben zu füllen. Außerdem sind viele Hinweise Irrläufer und nur ein sehr dünner roter Faden soll die Charaktere durch das Szenario führen. Zuletzt weist gerade das Finale die geradezu „DSA“-typische Manier auf, die Charaktere im Dienste der Dramaturgie größtenteils zu Zuschauern zu degradieren.

Den dritten Teil des Bandes machen dann die wichtigsten Regeln aus dem vergriffenen Band „Cthulhu Mittelalter“ aus. Hier finden sich Regeln zur mittelalterlichen Charaktererschaffung, inklusive einer großen Palette mittelalterlicher Berufe. Außerdem werden Kampfregeln, der Umgang mit geistiger Stabilität, neue Fahrzeuge oder auch Regeländerungen für den Umgang mit cthuloider Magie vorgestellt. Eine runde und gelungene Sache. Die Regeln wirken stimmig und überzeugend und sind wohl jedem ans Herz zu legen, der „Cthulhu“ im Mittelalter eine Chance geben möchte und den Quellenband noch nicht besitzt.

Wie auch bei den vorhergegangenen „Cthuloide Welten Archiv“-PDFs wurde für die Wiederveröffentlichung das gesamte Layout wurde an das bekannte Layout der 3. Edition angepasst. Auch einige Teile der Bebilderung wurden ersetzt. Für die Optik gibt es damit – wie eigentlich immer – eine gute Note.

Fazit: „Schattengang und weiteres Material für Cthulhu im Mittelalter“ ist Fans dieses besonderen Settings vorbehaltlos zu empfehlen, erhalten sie hier doch alle wichtigen Regeln für das Spiel im finsteren Mittelalter. Auch die Szenarien sind abwechslungsreich und stimmungsvoll, erfordern aber eine Menge Arbeit vom Spielleiter um nicht größtenteils auf Bahnschienen stattzufinden. Wer „Cthulhu Mittelalter“ bisher nichts abgewinnen konnte, braucht auch hier freilich nicht zuzugreifen.

PS: Diese Rezension erschien ursprünglich bei Ringbote.de

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