Das Pflegeheim

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 24. Mai 2011
Autor: Stefan Droste

cthulhu de stempel bestsellerUm das Erscheinen der 2. Edition des NOW-Buchs zu feiern soll hier in aller Kürze ein Spielsetting für eine CTHULHU-Runde skizziert werden, welches sich an dem realen (vielleicht zu realen?) Grauen unserer Gegenwart orientiert: Einem Pflegeheim.

Im Vergleich zu sonst genutzten Locations wie Geheimlaboren oder militärischen Bunkeranlagen wirkt dieser Ansatz eventuell wenig exotisch. Doch gerade darin liegt auch seine Stärke – sowohl Spieler als auch Spielleiter können diesen Hintergrund in ihren eigenen Alltag einflechten, was bei allen für einen noch stärkeren Bezug zum Geschehen sorgen kann. Und jeder der bereits mit Pflegeheimen oder ähnlichen Einrichtungen zu tun hatte, wird wohl Details aus seiner eigenen Erfahrung einbauen können, die gruseliger sind als alles was hier aufgeführt werden könnte.

In Würde altern

Es sollte wie immer bedacht werden, dass sich das Spiel von der Realität unterscheidet; an sich ist eine solche Institution natürlich etwas sehr lobenswertes: Pflegebedürftige Menschen (nicht immer sind dies auch Senioren) werden dort rund um die Uhr von Fachkräften betreut und versorgt. Dabei wird für gesunde Ernährung, individuell abgestimmte Behandlungen wie Massagen und die Erleichterung anderer Grundbedürfnisse Sorge getragen. Durch das Zusammenleben mit anderen Bewohnern sollen diese zudem geistig fit und sozial aktiv bleiben. Monatlich kostet eine solche Unterbringung etwa 3000 €.

Allerdings lässt sich auch eine düstere Kehrseite zeichnen: Es fehlt an Geld und Sparmaßnahmen beschränken allerorts die Leistungen – es gibt zu wenig Personal und das vorhandene ist chronisch überarbeitet und unter Zeitnot. Für die Betreuung der Heimbewohner bleiben jeweils nur wenige Minuten, Massenabfertigung statt individueller Betreung ist an der Tagesordnung; gerade zu Stoßzeiten wie bei den Mahlzeiten oder dem Zubett-Bringen. Stundenlange Monotonie beherrscht demnach das Leben der Pflegebedürftigen und besonders Demenzerkrankte bleiben mit ihren inneren Ängsten nicht selten allein.

St. Cyprian

Was bisher genannt wurde mag nicht schön sein, doch ist es zumindest in vielen Fällen gang und gäbe. Die nun folgende Beschreibung einer spezifischen Einrichtung hingegen ist fiktiv und man darf hoffen dass eine solche Anhäufung von Missständen im wahren Leben nicht existiert, wo es sich meist “nur” (schlimm genug) um skandalöse Einzelfälle handelt. Das “Senioren- und Pflegeheim St. Cyprian” aber ist ein solcher beispielloser Hort der Bösartigkeit, da hier der Mythos seine Fangarme mit im Spiel hat. Die Größe dieser Einrichtung soll offen bleiben und der Spielleiter kann sie in jeder Stadt seiner Wahl platzieren.

Dieses Haus hat sich auf die Betreuung von Patienten mit Demenz und/oder hoher Pflegestufe spezialisiert – aus dem simplen Grund dass bei diesen Bewohnern die Abhängigkeit vom Personal am größten und die Einmischung der Angehörigen am geringsten ist. Denn die Heimleitung hat ihre ganz eigenen, grausamen Pläne mit den ihr Überlassenen. Ob alle Angestellten eingeweiht sind oder nicht muss dahin gestellt bleiben und hängt von den genauen Hintergründen und Vorhaben ab – einige Anregungen dazu sowie zur Einbringung der Investigatoren finden sich unter der Überschrift Szenarioideen.

In jedem Falle würde eine ordentliche Untersuchung der Zustände im St. Cyprian-Pflegeheim schreckliche Dinge offenbaren: Die Patienten wurden teilweise seit Wochen oder gar Monaten nicht mehr gewaschen und haben schwerste Wundliegegeschwüre, die unversorgt bleiben. Viele sind unterernährt und dehydriert und um die Schreie aus den abgedunkelten Einzelzimmern kümmert sich schon lange niemand mehr. Stattdessen werden “störende” Patienten einfach an ihren Betten fixiert und der Willkür des Personals überlassen. Diebstahl, Körperverletzung, unter Umständen sogar (unfreiwillige) “Sterbehilfe” sind die Folge.

Die wenigen Angehörigen, die überhaupt die Besuchszeit wahrnehmen, verschließen vor diesen Missständen die Augen, sind sie doch froh ihren störenden Pflegefall nicht mehr am Hals zu haben. Und selbst wenn die Patienten davon erzählen sollten, dass sie in nicht existente Stockwerke gebracht, von fremden Leuten gefoltert wurden oder von sonstigen grausigen Dingen berichten, die sie erlebt, gesehen oder empfunden haben – man wird es zweiffellos auf die Demenz oder die Medikamente schieben. Wer würde ihnen glauben, wenn sie tatsächlich die Wahrheit sagen würden? Nur wenige Informationen dringen aus dem Heim nach Außen.

Szenarioideen

Es bieten sich eine ganze Reihe von Szenarien an, welche vor dem Hintergrund eines Pflegeheims des Bösen (man vermeide nach Möglichkeit den Kalauer des Großen Altenheims) stattfinden könnten. Grundlegend dafür ist die Frage, wer der Drahtzieher ist und welche Ziele dieser mit den hilfsbedürftigen Patienten verfolgt. Hier einige Anregungen:

  • Man hat den Eindruck, dass jede Lebenskraft aus dem Körper schwindet, sobald man ein Pflegeheim betritt – im Fall des St. Cyprian stimmt dies sogar. Hier ist es ein hungriger Lloigor im Fundament des Hauses, welcher mit seiner unseligen Aura von Trauer, Verzweifelung und Apathie verhindert, dass hier ein Patient jemals wieder nach Hause zurück kehren kann.
  • Dass die Mi-Go Gehirne sammeln ist hinlänglich bekannt. Aber unauffälliger als berühmte Wissenschaftler aufzuknacken wäre es, deren Geist mittels einer neuartigen Maschine in sogenannte “Blanko-Gehirne” zu übertragen. Und diese gewinnen sie im Pflegeheim, wo sie die ohnehin geschwächten Gehirne von Demenzkranken nach und nach vollständig ausradieren.
  • In vielen Lovecraft-Stories sind es uralte Personen, welche als bösartige Zauberer mit den Mächten des Mythos im Bunde stehen. Eine Variante dieses Settings wäre daher, dass sich ein solcher todloser Hexer inmitten harmloser Patienten im Pflegeheim versteckt hält – denn welcher Investigator würde schon mit Schrotflinten durch ein kleines Altersheim ziehen?
  • Das unvermeidliche Altern ist es auch, was einen Arzt und Hybriden der Tiefen Wesen dazu veranlasst, neuartige Medikamente an den Heimbewohnern zu erproben. In einem bizarren Akt fischiger Nächstenliebe will er im Genpool der Insassen verborgene Anlagen Tiefer Wesen reaktivieren um den Menschen ein ewiges Leben im Meer zu ermöglichen.
  • Ein alternativer, durchaus etwas pulpiger Ansatz zur Einbringung der Charaktere wäre es, gewissermaßen ein “All-Star-Team” altgedienter Investigatoren der Spielrunde auftreten zu lassen, welche sich weigern einfach das Handtuch zu werfen und sich noch einmal mit ihren Rollatoren gegen die Tentakel des Mythos inmitten ihres Pflegheimes stemmen.

Wie bereits anklingt hat die Spielrunde die Möglichkeiten ein solches Setting entweder humoristisch oder aber ernst aufzuziehen – letzteres ist deutlich schwieriger, da viele Spieler sehr persönliche und emotionale Erfahrungen mit diesen Institutionen gemacht haben. Vielleicht ist dies der Grund, warum unzählige Szenarien in Irrenhäusern existieren, aber keines in einem Pflegeheim?

2 thoughts on “Das Pflegeheim

  1. Danke für diesen interessanten Artikel.
    Ich bin zwar kein Cthulhu Spieler, werde die Idee aber als Horror Rollenspiel One-Shot mit FATE umsetzen.
    Natürlich mit den Spielern als (nicht demente) Bewohner, welche wegen Überfüllung eines anderen Heimes dort hin ausgelagert werden.
    Ui, mir fällt da schon ne Menge ein.
    Ich werde da mal was ausarbeiten.
    Danke dafür.🙂

    • Das Lob muß ich natürlich weitergeben an den Autoren, aber es freut mich, dass ich unter den vielen Artikel von cthulhu.de wieder einen guten ausgegraben habe🙂

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