Das Buch

Aus der Reihe „cthulhu.de-Bestseller“
Erstveröffentlichung: 23. April 2008
Autor: Daniel Neugebauer

cthulhu de stempel bestsellerDer Typ saß Jeff schräg gegenüber. Das Abteil war sonst menschenleer. Jeff wusste nicht wie er den Mann einschätzen sollte. Er hatte einen ungepflegten Bart, dreckige Fingernägel, einen abgewetzten Mantel, den er trotz der Hitze trug und der ganz sicher bestialisch nach Schweiß riechen musste, aber trotzdem hatte der Kerl keine Schnapsflasche in der Hand sondern ein Buch! Er las. Und er las ziemlich schnell. Oder sah sich nur die Bilder an, das wusste Jeff nicht. So sehr sich Jeff auch anstrengte, den Titel des Buches konnte er nicht lesen. Es war auch keines dieser billigen Hunderttausend-Auflagen-Paperbacks von Stephen King oder Ken Follett. Nein, das war ein richtiges Buch oder vielleicht sogar ein Foliant? Ledereinband. Schwere Buchseiten die beim Umblättern raschelten. Der Typ musste das Buch gefunden oder geklaut haben. Ganz sicher. So jemand wusste das Kunstwerk doch gar nicht zu schätzen! Jeff war drauf und dran dem Kerl das zu sagen, wenn er bloß nicht so feige wäre. Die Haltestellenansage quakte. Die U-Bahn stoppte. Der Typ stand auf, sah Jeff in die Augen. Jeff schaute schnell weg und tat beschäftigt. Die Türen öffneten sich und der Kerl war verschwunden. Aber das Buch war noch da und Jeff war neugierig…

Eines der gefährlichsten Eigenschaften der Mythoswerke ist die Tatsache, dass viele dieser Bücher einen Drang haben gelesen werden zu wollen. Sie wollen gefunden werden und den Geist ihres Opfers zerstören. Sie wollen ihr Wissen weiter verbreiten und ja, man kann sagen sie haben auf gewisse Art und Weise ein Eigenleben.
So auch dieses namenlose Werk. Wobei sich „Das Buch“ noch einmal deutlich von anderen Büchern unterscheidet. Jeder kann das Buch lesen, insofern er des Lesens mächtig ist. Es ist in allen Sprachen der Welt geschrieben, verändert sich von Wortwahl und Satzbau, in Alphabet und Zeichensetzung genauso wie es für den jeweiligen Leser nötig ist. Es ist das vollkommene Buch und es ist einzigartig. Woher es kommt weiß niemand und wo es zu finden ist noch eine weitaus größere Frage. Fakt ist dagegen nur eines: Das Buch wird seit Jahrtausenden von Hand zu Hand, von Leser zu Leser gereicht.
Über den Inhalt gibt es pseudowissenschaftliche Aufsätze von Scharlatanen die es als die satanische Bibel bezeichnen, das „diabolische Buch der Bücher“ sozusagen und andere Artikel die stark bezweifeln das es so etwas überhaupt je gab und gibt. In Internetforen kursiert „Das Buch“ als Urbane Legende und Fake. Links zu rapidshare auf denen sich das Buch befinden soll, lassen nur billige Sex-Videos erscheinen, in denen sich dann obendrein noch ein Virus befindet. Okkulte Clubs aus den 1890er Jahren beschäftigten sich leidenschaftlich mit dem Thema und auf Seancen wurden Opfer des Buches herbeizitiert und nach dem Verbleib ausgefragt. Diese übersinnliche Schnitzeljagd war damals sehr beliebt.
In den 20ern behauptete ein englischer Lord das Buch zu haben, von ihm hat nie wieder jemand etwas gehört. Das könnte das echte Buch gewesen sein. Lord Edward G. Jeffries verschwand einfach spurlos. Sein Hab und Gut wurde dann seinem Sohn Gerald Jeffries vermacht. Doch der junge Jeffries entfloh der englischen Aristokratie im sündigen New Orleans der neuen Welt. Man munkelt, dass er das gesamte Erbe versetzt hat und dann später nach New York ging, wo er dann bis 1990 lebte. Wer das Erbe kaufte ist unbekannt. Wer aber das Buch finden will (und wer nur lange genug dran bleibt, wird merken, dass das Buch schon dafür sorgen wird, dass es gefunden wird), der sollte sich kuriose Fälle von Verschwundenen Personen anschauen. Eine Recherche in diesem Bereich ist schwer und kann sich zu einer wahren Schnitzeljagd über die ganze Welt entwickeln, aber… wer weiß ob man es dann nicht findet.

Für den Spielleiter
Das Buch ist ein gefährliches Artefakt der Großen Rasse. Es war ein frühes Experiment der Yithianer um Informationen zu sammeln ohne einen Körperaustausch zu vollziehen. Doch wie das bei Prototypen so der Fall ist, verlief die Konstruktion nicht so wie gedacht. Zwar sandte das Buch die benötigten Informationen an die Große Rasse, aber zeitgleich zerfraß es die Realität und nahm den Leser völlig in sich auf. Tausende von Individuen befinden sich nun in diesem Buch und sie gieren nach neuem Wissen. Sie sind zu einer eigenständigen Entität geworden, senden keine Informationen mehr an die Große Rasse von Yith, sondern existieren nur für sich selbst. In dem Wirbel aus Individuen gibt es nur ein kollektives Bewusstsein, was alle dazu antreibt jede Information zu sammeln und in sich aufzunehmen. Die Große Rasse ist sehr daran interessiert dieses Objekt wieder in ihren Besitz zu bringen, nicht unbedingt um die Gefahr für die Menschen zu minimieren, sondern eher um all die Informationen auszuwerten die bislang gesammelt wurden. Zugleich haben die Yithianer aber auch Angst selbst von dem Buch aufgenommen zu werden, sie suchen eher jemanden der für sie die Arbeit erledigt…

Jeff las drei Tage. Dann verschwand er spurlos. Er fand sich in einem schwarzen Meer aus Stimmen wieder. Sie redeten in allen Sprachen der Welt und Jeff redete mit ihnen. Er hatte alles hinter sich gelassen. Seine letzten Gedanken waren aber noch, dass er das Buch unbedingt seinem Freund zeigen wollte. Er arbeitete in der Bibliothek. Er setzte sich in den Bus, las weiter. Stieg dann aus, blätterte noch etwas, ging in die Bibliothek und fuhr dann mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage, wollte gerade aussteigen als… er hier aufwachte. Das Buch lag auf dem Boden des Fahrstuhls und würde sicherlich bald gefunden werden, denn es brauchte neue Leser…

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