Rezension: Wuchernder Wahn und andere Abenteuer

Wiederum veröffentlicht Pegasus im Rahmen des „Cthuloide Welten Archiv“ ausgewählte Artikel aus dem – leider eingestellten – „Cthulhu“-Hausmagazin „Cthuloide Welten“ als PDF. Wie auch in den vorhergehenden Sammlungen „MorgenGrauen“, „Die goldenen Hände Suc’Naaths“ und „Der Sänger von Dhol“ sind einige Artikel hier versammelt. Es ist löblich, das längst vergriffene Material auf diese Art wieder verfügbar zu machen – doch wurde auch die beste Auswahl getroffen?

139139Zunächst möchte ich wieder darauf hinweisen, dass eine Rezension der in „Wuchernder Wahn und andere Abenteuer“ enthaltenen Szenarien kaum komplett ohne Spoiler auskommen kann, sodass Lesern, die die Abenteuer noch als Spieler erleben möchten, angeraten sei, bis zum Fazit vorzuspringen.

Das titelgebende „Wuchernder Wahn“ von Mirko Bader eröffnet denn auch gleich die neueste Ausgabe des „Cthuloide Welten Archiv“. Auf knapp 45 Seiten wird ein interessantes Szenario umfangreich dargelegt. Im Gegensatz zu vielen anderen „Cthulhu“-Abenteuer tritt der mythosschwangere Antagonist hier nicht in Form typischer Kultisten oder geistzerfetzender Monstren auf. Nein, „Wuchernder Wahn“ rückt ein selten beachtendes Mythoswerk in den Mittelpunkt der Handlung. Dabei kommen die Charaktere nicht nur dem todbringenden Wirken des Buches auf die Spur, sondern werden von seinem letzten lebenden Besitzer auch aktiv bekämpft. Es sind viele interessante, unverbrauchte Ideen, ungewöhnliche Gegner und eine ausgeklügelte Schnitzeljagd quer durch das Berlin der 1920er (das darüber hinaus mit liebevollen Details garniert wird), die dieses Szenario außergewöhnlich und absolut empfehlenswert machen.

Deutlich kürzer wird das anschließende Szenario „Ein Fund vom Meer“ von Michel Bernhardt auf den folgenden 23 Seiten dargestellt. „Ein Fund vom Meer“ ist explizit als Prequel für die längst vergriffene Kampagne „Auf den Inseln“ ausgelegt und lotst die Charaktere auf die Insel Borkum. Just von dort wurde vor wenigen Wochen eine goldene Statuette gestohlen, die nun in den Händen eines jungen Mannes ist. Dieser wähnt sich von finsteren Mächten verfolgt und wendet sich hilfesuchend an die Charaktere. Bevor diese jedoch einschreiten können, wird der junge Mann unfreiwillig Teil eines finsteren Rituals, woraufhin die Statuette den Charakteren in die Hände fällt. Nun führt sie ihr Weg nach Borkum, wo sogleich die Kampagne beginnen kann. Ebenso kurz wie die Zusammenfassung der Handlung ist auch das Szenario, setzt es sich doch im wesentlichen aus zwei Szenen zusammen. Und auch wenn es einige anschließende Recherchemöglichkeiten für die Charaktere gibt, um die Hintergründe um den Diebstahl der Statuette aufzuklären, so kann das doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei „Ein Fund vom Meer“ eher um ein Kurzabenteuer als um ein komplettes Szenario handelt. Darüber hinaus bleibt fraglich, wer sich – womöglich sogar auf „Ein Fund vom Meer“ hin – die Kampagne „Auf den Inseln“ noch besorgen kann.

Auch der dritte Artikel, „Das Blutbad von Hinterkaifeck“ ist als Szenario angekündigt. Tatsächlich aber handelt es sich um einen Hintergrundartikel, der verschiedene Szenarienaufhänger gleich mitliefert. Das namensgebende Blutbad, einer der bekanntesten und zugleich mysteriösesten Kriminalfälle der deutschen Geschichte, wird auch sehr umfassend beleuchtet. Sogar an eine Zeitlinie aller bekannten Beobachtungen rund um Hinterkaifeck wurde gedacht. Insofern ist es ein spannender und ausführlicher Artikel, gut geschrieben und mit interessanten Ideen garniert – nur eben kein ausgearbeitetes Szenario.

Wie auch bei den vorhergegangenen „Cthuloide Welten Archiv“-PDFs wurde für die Wiederveröffentlichung das gesamte Layout wurde an das bekannte Layout der 3. Edition angepasst Teilweise wurde auch eine neue Bebilderung vorgenommen, was sich glücklicherweise nicht auf die hervorragenden, verstörenden Bilder der Künstlerin Melanie Hamann ausgewirkt hat, mit denen „Wuchernder Wahn“ geschmückt ist. Einige Handouts und auch Karten wurden neu aufgesetzt, manche sogar dank dem neuen Medium PDF auch in Farbe. Die reiche Bebilderung in guter Qualität und die – wie üblich – optisch hervorragenden Handouts führen damit – wie eigentlich üblich – Layout zu einer guten Note.

Fazit: Erstmals fällt mir eine Empfehlung des „Cthuloide Welten Archiv“ schwer. „Wuchernder Wahn und andere Abenteuer“ ist eine qualitativ hochwertige Mogelpackung. Neben dem wirklich hervorragenden Titelszenario findet sich nämlich leider nur ein – wenn auch sehr stimmungsvolles – Kurzabenteuer, dessen universelle Verwendung deutliche Mehrarbeit erfordert und ein sehr guter Hintergrundartikel, der als Abenteuer angekündigt wird. Wer weiß, worauf er sich einlässt, kann natürlich zugreifen. Wer aber auf der Suche nach einer Abenteuersammlung ist, dem seien die übrigen Ausgaben des „Cthuloide Welten Archiv“ mehr ans Herz gelegt.

Diese Rezension erschien ursprünglich bei Ringbote.de

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