Rezension: Schnellschüsse

Von Zeit zu Zeit komme ich zwischen dem Stöbern in cthuloiden Folianten auch dazu, mir Bücher abseits des Cthulhu-Rollenspieles durchzulesen. Neben einigen Rezensionen auf dem Ringboten hat es mir bei diesen „Ausflügen“ nicht nur die klassische Fantasy angetan, sondern auch ein erwachsenes, horrorartiges Rollenspiel mit dem schönen Titel „Unknown Armies“. Die deutschsprachige Produktpalette ist leider sehr überschaubar geblieben, doch gibt es mit unknown-armies.de einen aktiven Blog, der – nicht zuletzt mit dem Online-Magazin Kassiber – stets für interessanten Materialnachschub sorgt.

schnellschüsseDoch genug der Vorrede – das soll ja hier keine Systemvorstellung werden, sondern die Rezension des Abenteuerbandes „Schnellschüsse“. Insgesamt fünf Szenarien sind zwischen den Buchdeckeln versammelt, denen allesamt eines gemein ist: es handelt sich um OneShots mit vorgefertigten Charakteren. Gedacht sind diese „Schnellschüsse“ zum sofortigen Losspielen – die eigentliche Szenarienhandlung ist meist recht kurz und geradlinig; Explosionspotential bieten zumeist eher die vorgefertigten Spielercharaktere. Aber wenden wir uns erst einmal den einzelnen Szenarien zu – und Achtung! liebe Spieler, es mögen sich Spoiler einschleichten.

Eröffnet wird der Band mit dem Szenario Der Ausbruch. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von flüchtigen Gefängnisinsassen sowie deren Geiseln. Inmitten eines tobenden Sturms erreichen diese eine abgelegene Farm, auf der zwei weitere potentielle Geiseln auf die Kidnapper warten. Doch während die Gruppe schon rasch beginnen wird, gegeneinander zu intigrieren, sind einige der SC noch darüber hinaus mit magischen Fertigkeiten gesegnet – wer ist hier die wirkliche Zeitbombe? Ein wirklich innovatives und interessantes Setting, darüber hinaus werden viele Vorschläge für ein Abdriften ins Live-Rollenspiel gegeben. Eine wirklich starke Eröffnung.

Weiter geht es mit dem Abenteuer Interessante Zeiten. Eine Reihe paranormaler Ereignisse in einem verschlafenen Indianerdorf ruft die Charaktere auf den Plan, die im Auftrag der neuen Inquisition einige Nachforschungen anstellen sollen. Doch sind sie nicht die einzigen Zugereisten mit einem erhöhten Interesse an der Ursache der Phänomene… Dieses Abenteuer ist tatsächlich relativ klassisch, bietet es doch einen gediegenen, geradlinigen Detektivplot. Doch die Würze entsteht durch die vielen unterschiedlichen Parteien und unglaublichen NSC, die sich hier tummeln werden. Das zeitaufwändigste Abenteuer, insbesondere in der Vorbereitung, in diesem Band, aber durchaus lohnenswert.

Als nächstes wird mit Freud und Leid ein interessanter Aspekt in das Rollenspiel übertragen: schreiben. Eine junge Göttin klopft an die Tür der Charaktere und bittet um Hilfe, sollen sie ihr doch ihren schönsten Moment in einem Buch niederschreiben. Während die SC beginnen zu schreiben, kommt ihnen eine andere Göttin mit einem einmaligen Angebot. Für wen werden sich die SC entscheiden? Die Grundidee und die beiden Göttinnen sind schlicht genial. Allerdings erfordert es echtes Einlassen der Spieler auf die vorgefertigten SC, um auch ein echtes Rollenspielerlebnis zu garantieren. Aufwändig für alle Beteiligten, wer davor aber nicht zurückschreckt erhält großartiges Material.

Das vierte Abenteur, Gen Himmel, entstand vor dem 11.9.01 und hat heute einen faden Beigeschmack, handelt es doch von einer Flugzeugentführung durch Terroristen. Natürlich läuft hier alles ein wenig anders als bei den mittlerweile historischen Anschlägen, dennoch sind gewisse Parallelen unvermeidlich, so dass das Szenario sicher nichts für jede Spielrunde sein wird. Wer jedoch zu Trennen vermag, der erhält eine umfangreiche Settingbeschreibung, völlig abgedrehte NSC und eine aufregende Mischung Spielercharaktere.

Abgeschlossen wird der Band mit dem Abenteuer Und leise wächst das Gras, und ich kann gleich vorwegnehmen, dass es mein persönlicher Favorit aus dem Band ist. Und leise wächst das Gras ist ein waschechter Horror-Trip. Die Charaktere, allesamt Bewohner einer verschlafenen Wohnwagensiedlung irgendwo in der Wüste, erwachen eines Morgens als letzte Menschen auf dem Planeten. Die Apokalypse kam in aller Stille. Nun gilt es herauszufinden, was passiert ist… Das Setting ist wirklich genial gewählt, die vorgefertigten SC ergeben eine klassische Spielfilm-Mischung und der Baukasten, den das Abenteuer rund um die Apokalypse und ihre Auswirkungen auf die SC mitliefert absolut vorbildlich. Ich bin sehr angetan von diesem Abenteuer.

Optisch ist der Band ansprechend aufbereitet, auch, wenn die Illustrationen im Inneren in ihrer Qualität nicht mit dem Einband mithalten können. Doch die schwarzen Zierbalken und Extrakästen und nicht zuletzt die grandios aufbereiteten Spieler-Charakterbögen im Anhang jedes Szenarios gleichen das wieder aus. Auch handwerklich hinterläßt „Schnellschüsse“ mit seiner soliden Klebebindung einen guten Eindruck.

Fazit: Ich bin absolut begeistert. Sicher, die Szenarien sind allesamt nichts für jede Spielgruppe. Doch das ist Unknown Armies wahrscheinlich ohnehin nicht. Alle Abenteuer sprudeln nur so über vor Ideen und abgedrehten Einfällen, sind abwechslungsreich und doch alle ähnlich verrückt. Damit sind sie auch für Spielleiter anderer Systeme – mindestens von Horror-Systemen – durchaus zu empfehlen. Das ganze in optisch ansprechender Verpackung – Höchstnote.

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