Rezension: Dunwich – Grauen in den Hügeln

In der sogenannten Lovecraft-Country-Collection veröffentlicht Pegasus Material zu dem Landstrich, in dem zahlreiche Geschichten des Autors H. P. Lovecraft angesiedelt sind. Dieses fiktive Neuengland an der Ostküste der USA umfasst natürlich das bekannte Arkham, in dem die Miscatonic University ihren Sitz hat, das berüchtige Innsmouth oder das verträumte Kingsport. Aber eben auch das heruntergekommene und verfallende Dunwich, dem der vorliegende Quellenband gewidmet ist.

dunwich_grauen_in_den_huegelnDunwich präsentiert sich dem zufällig Durchreisenden als unnahbar – der hier anzutreffende Menschenschlag ist meist verschlossen, unfreundlich und abweisend. Viele scheinen regelrecht das Gespräch mit Fremden zu fürchten und die bedrückende Atmosphäre der dichten Wälder, unheimlicher Hügel und verfallenden Farmgebäuden tut sein übriges, um einen Aufenthalt in dem Dorf als wenig wünschenswert erscheinen zu lassen. Doch warum ist hier alles wie es ist, und bietet der Hintergrund genug Stoff für spannende Abenteuer?

Eben mit diesen Fragen beschäftigt sich der vorliegende Band. So wird dann auf den ersten 166 Seiten ein sehr umfangreicher Quellenteil unterbreitet der vieles abdeckt, was das Spielleiterherz begehrt: die Geschichte der Stadt wird ebenso niedergeschrieben wie die interessantesten Bewohner näher beschrieben werden. Auch das Umland wurde mit umfangreichen Hintergrundinformationen bedacht. Mit Mythoselementen wurde in den Hintergrundbeschreibungen nicht gegeizt: so sind auch abseits des durch Lovecraft beschriebenen „Grauen von Dunwich“ zahlreiche Begegnungen mit den überweltlichen Schrecken des Mythos möglich. Verschiedenste Wesen und Gruppierungen geben sich in der Geschichte Dunwichs die Klinke in die Hand und so scheint es wenig verwunderlich, dass der hier ansässige Menschenschlag alles andere als freundlich daher kommt. Die Beschreibungen der Orte und Personen ist mit dem aus anderen Lovecraft-Country-Bänden bekannten Nummernsystem versehen und sollten rasch zu finden sein.

Die nächsten 135 Seiten des damit 302 Seiten zählenden Bandes sind dann 7 ausgearbeiteten Szenarien gewidmet. Während die Geschichte Lovecrafts zwar auch durch eine nüchterne Aufzählung der historischen Fakten spielbar gemacht werden soll, sind es doch spätere Szenarien, die Glanzpunkte setzen. Als erstes wird mit Rückkehr nach Dunwich ein Möglichkeit geschaffen, erstmals mit der verruchten Gegend in Kontakt zu kommen. Die Geschichte baut auf den Ereignissen aus Lovecrafts Erzählung auf; hier lassen sich wirklich viele Informationen aus dem Quellenteil in die eigentliche Abenteuerhandlung integrieren – einen entsprechend arbeitswütigen Spielleiter vorausgesetzt. Das eigentliche Szenario plätschert eher vor sich hin und ist eher als Rahmen zu gebrauchen. Auch Der Jüngste Tag ist kaum ein eigenes Szenario sondern nur eine Szene, die in andere Szenarien integriert werden kann.

Mehr Fahrt nimmt der Band dann in Die Spur des Yig auf, worin die Charaktere nach einer schrecklich schief gegangenen Seance in die Hügel Dunwichs aufbrechen. Hier treffen sie auf Spuren uralter Kulte und gefährlichere Gegner – ein erster Highlight des Bandes. Es folgt In den finsteren Wäldern; hier stoßen die Charaktere auf einen Konflikt zwischen einem jungen Archäologen, der zu tief gräbt, und einem Indianer, der eben jenes verhindern will. Das Szenario zieht seine Spannung eher aus der Atmosphäre des Umlandes und der Unbekanntheit der Bedrohung denn aus der Kreativität seiner Handlung… Mit Töchter des Lichts folgt mein persönlicher Favorit, in dem die Charaktere auf der Suche nach einem totgeglaubten Mädchen durch Dunwich ziehen – und auf uralte Geheimnisse stoßen können… ein ausgeklügelter Hintergrund und interessante Mythosgegner sorgen für ein tolles Szenario! In Der Beobachter steht wiederum eine archäologische Expedition im Mittelpunkt; hier wird allerdings eher eine klassische Geistergeschichte mit einem deftigen Mythosfinale dargeboten. Interessant und ungewöhnlich zusammengestellt. Mit Das Grauen von den Sternen schließt der Band, und wer das Szenario bereits von seiner PDF-Veröffentlichung kennt (es war ursprünglich für den Band „Grauen in Arkham“ vorgesehen, wurde dort vergessen und ersatzweise als PDF veröffentlicht), der weiß, das hier ein wirklich starkes Stück vorliegt. Empfehlenswert.

Optisch gibt es – wie so oft – mal wieder nichts zu meckern. Das von Manfred Escher gestaltete Cover ist das letzte seiner Art und eine Melange aus Grauen und Hügeln. Der gesamte Band ist als alter Foliant gestaltet, wirklich sehr reichhaltig und stimmungsvoll bebildert, und mit hübschen Schriften und einem klar lesbaren Schriftbild ausgestattet. Klar erkennbare Extrakästen geben Zusatzinformationen preis. Das Hardcover wirkt stabil, ein Lesebändchen rundet den postiven Gesamteindruck ab.

Fazit: Ein Fazit fällt mir in diesem Fall ungewöhnlich schwer. Es hat viel Spaß gemacht, den Band durchzuarbeiten und es wird sicher auch nett sein, die eigene Gruppe ein oder zweimal durch Dunwich zu scheuchen. Auch sind drei wirklich starke Szenarien enthalten. Doch: im Hintergrund des Dorfes versteckt sich für meinen Geschmack viel zu viel Mythos. Und die Szenarien nehmen kaum Bezug auf den Hintergrundteil und wirken größtenteils beliebig austauschbar – kein Wunder, spielt doch in jedem ein anderer Gegner seine Rolle und die meisten der Szenarien spielen nur „in der Nähe“ Dunwichs und könnten damit genausogut in die Schweizer Alpen verlegt werden, ohne viel Flair zu verlieren. In meinen Augen ist der Band eine vertane Chance, einen homogenen und gruseligen Hintergrund für eine Kampagne zu bieten. Handwerklich ist aber wieder nichts zu meckern.

PS: weitere Rezensionen bei…
Ringbote.de
NeueAbenteuer
Reich der Spiele

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