Rezension: In Labyrinthen – Dunkle Pfade im Osten

In der heutigen Rezensionen wenden wir uns wieder einem etwas älteren Werk zu. Etwas älter? „In Labyrinthen“ hat mittlerweile 12 Jahre auf dem Buckel, ist längst nicht mehr verfügbar und wird großteils nur noch zu Phantasiepreisen gehandelt. Doch ist der Band das heute noch wert?

in labyrinthen„In Labyrinthen“ stammt aus der frühen Ära des cthuloiden Rollenspiels bei Pegasus. Als Chefredakteur zeichnete damals Wolfgang Schiemichen verantwortlich, der für seine akribische Art bekannt gewesen sein soll. Das Cover entspricht in der Aufmachung den damals üblichen Collagen, zeigt deutlich den großen Cthulhu und ist ansonsten etwas schwer zu entziffern und wirkt unruhig. Der Softcoverband kommt mit einer stabilen Klebebindung und griffigem Papier daher – er wirkt langlebig. Das Layout wußte schon damals zu gefallen – angebrannt wirkende Seiten, ein klares Schriftbild, der hübsche Leonardo-Font und zahlreiche Photographien sorgen für eine gelungene Optik.

Wenden wir uns dem Inhalt zu – und Achtung! Es wird GESPOILERT! Eröffnet wird der Band mit einem Hintergrundartikel über indianische Medizinmänner. Ausreichend umfangreich und nicht langweilig geschrieben, wirkt er hier einfach ein wenig deplaziert – immerhin nimmt keines der enthaltenen Szenarien wirklich Bezug auf das Thema. Es folgt ein kurzer Text über „besseres Spielleiten“, der anhand eines Szenarios aus dem Band als Beispiel zeigt, wie aus einem mäßigen Abenteuer ein guter Spieleabend werden kann.

Klingt komisch – anhand eines mäßigen Abenteuers aus dem Band? Ja, das erste Szenario, „Das Nest“ ist ein sehr mäßiges Szenario aus dem Frühzeit des Cthulhu-Rollenspiels. Mancher mag es Klassiker nennen, doch heutzutage lockt man wohl niemand mit diesen Zutaten hinter dem Ofen hervor: der Anruf einer alten Bekannten, dann wird ein vermeintliches Geisterhaus aufgesucht und im Keller findet man dann einen langweiligen Dungeon und ein paar cthuloide Monster. Dass der Redaktion dieses Dilemma durchaus bewußt ist, beweist der vorangestellte Spielleiter-Artikel. Warum das Szenario dennoch übersetzt und in den Band aufgenommen wurde, bleibt wohl ein Rätsel.

Es folgt „Der Fall“ – ein ähnlich uninspiriertes und langweiliges Suchspiel. Ein Bekannter der Charaktere landet im Sanatorium und verhält sich äußerst seltsam. Tatsächlich so seltsam, dass die Charaktere seinem Haus einen Besuch abstatten… die Hälfte der Ereignisse ist eher optional, und wie aus dieser Aneinanderreihung von Begegnungen und Zufällen ein spannender Plot entstehen soll, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.

Mit „Das entsetzlich einsam gelegene Haus im Wald“ liegt nicht nur das Debüt-Abenteuer vom späteren Chefredakteur Frank Heller vor uns, nein, es ist auch noch unbestritten der Höhepunkt des Bandes. Hier treffen die Charaktere auf ein Geisterhaus, dass es wirklich in sich hat. Der Autor zieht wirklich alle Register des Schreckens, legt intelligente Rätsel und sorgt für einen schön cthuloiden Rahmen. Auch abseits dieser Publikation ein starkes Szenario!

Es folgt „Autonarren„. Die Charaktere werden in einen Autounfall verwickelt. Kurze Zeit später werden sie von ihrem Unfallgegner angeheuert – sie sollen seinen verschollenen Bruder finden… es ist wenig cthuloides in diesem Szenario zu finden, dafür ist es zumindest solide und spannend. Die Mythoswerke, die gefunden werden können wirken ein wenig aufgesetzt und auch der cthuloide Hintergrund, der von der deutschen Redaktion ergänzt wurde, tritt weder in Erscheinung noch wirkt er wirklich stimmig. Solide, mehr nicht.

Wirklich enttäuscht war ich dann von „Der Gott im Labyrinth„. Das Szenario beginnt stark, stirbt doch der Auftraggeber der Charaktere bei ihrer ersten Begegnung einen spektakulären Tod. Was folgt ist aber ein eher mäßig gruseliger Dungeoncrawl zusammen mit einem Großen Alten, von dessen Aufeinandertreffen mit den Charakteren aber abgeraten wird. Aber möglich wärs. Und was der Spielleiter dann damit anfängt, das überlassen wir ihm. Aha. Ich halte mich gewiß nicht sklavisch an Abenteuertexte, wenn ich ein Szenario leite, aber ich fühle mich doch immer besser wenn ich das Gefühl habe, der Autor hatte eine Idee, als er mit dem Schreiben begann…

Abgerundet wird der Band von einem umfangreichen Anhang, in dem Briefe, Mythostexte, Notizen und ähnliche Handouts zu finden sind. Die sind allesamt hübsch gemacht, jedoch nicht mit der heutigen Qualität der Handouts zu vergleichen. Dafür sind sie universell genug, um sie auch außerhalb der angedachten Szenarien verwenden zu können.

Fazit: Es mag ein wenig unfair sein, den Band aus heutiger Sicht zu beurteilen. Er erschien nach einer langen Durststrecke der deutschen Cthulhu-Rollenspieler und sicherlich war es eine bewußte Entscheidung, Klassiker zugänglich zu machen. Nach den vielen hervorragenden Abenteuer- und Quellenbänden, die ihm gefolgt sind, wirkt er aber etwas durcheinander, ungeschickt zusammengestellt und einfach altbacken. Ein wirklich gutes und ein solides Szenario sowie die zahlreichen Handouts reißen meine persönliche Note aber noch auf ein „mittelmäßig“.

PS: weitere Rezensionen bei
DRoSI.de
X-Zine
Reich der Spiele

2 thoughts on “Rezension: In Labyrinthen – Dunkle Pfade im Osten

  1. Jetzt befindet sich der Kommentar an der richtigen Stelle:

    Zunächst einmal. Die Art, Abenteuer zu schreiben, hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Die Art keine direkt zusammenhängende Geschichte zu bieten, sondern dies dem Spielleiter zu überlassen, aufgrund der Gruppenaktionen die Geshcichte entstehen zu lassen, war 1998 durchaus üblich, gerade für amerikanische Szenarien.
    Zum anderen verkennst du, dass im “Nest” die Atmosphäre das “A” und “O” ist. Zumal einer der Spieler, ohne dass dieser es weiss, von dem geisterhaften Gott übernommen wird und sich daraufhin befremdliche Ereignisse einstellen können … bis sich der Spieler in den neuen Wächter verwandelt ….. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn der Spielleiter in der Lage ist, atmosphärisch zu beschreiben …
    Das scheint mir dann auch das hauptsächliche Problem zu sein. Nun gibt es aber viele Arten , ein Spiel zu leiten, dagegen ist nichts zu sagen. Und Akjtion – betonte, geradlinige Weisen mit vielen Monsterschlächtereien können in der Tat mit diesen Szenarien wenig anfangen. Ich kann nur versichern, richtig ausgespielt, schockt das „Nest“ die Leute, selbst wenn sie an einem Tisch während einer Spielemesse sitzen.

  2. Ich habe den Kommentar an anderer Stelle gelöscht.

    Die andere Art der Aufschreibung ist sicherlich ein wichtiger Punkt – den habe ich ja auch in meinem Fazit erwähnt. Ich kann mir auch vorstellen, dass Deine Argumentation auf „Der Gott im Labyrinth“ durchaus zutreffen mag. Insbesondere bei „Das Nest“ kann ich das kaum glauben – lasse mich bei Gelegenheit gerne eines Besseren belehren🙂

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