Rezension: Kingsport – Alpträume im Nebel

In der sogenannten Lovecraft-Country-Collection veröffentlicht Pegasus Material zu dem Landstrich, in dem zahlreiche Geschichten des Autors H. P. Lovecraft angesiedelt sind. Dieses fiktive Neuengland an der Ostküste der USA umfasst natürlich das bekannte Arkham, in dem die Miscatonic University ihren Sitz hat, das berüchtige Innsmouth oder das hinterwäldlerische Dunnwich. Aber eben auch Kingsport, diese malerisch-verträumte Küstenstadt, der der vorliegende Band gewidmet ist.

KingsportKingsport hat verschiedene Gesichter, die es dem Reisenden präsentiert: auf der einen Seite ist es ein verschlafenes, vom Fischfang lebendes Küstenstädtchen. Im Sommer zieht es zahlreiche Gäste an, darunter auch viele Künstler, die sich von der besonderen Atmosphäre des Dorfes inspiriert fühlen und hier den Sommer verbringen. Doch auch viele normale Touristen finden ihren Weg an die erholsamen Strände. Wer jedoch ein wenig sensibel ist, der stellt des nächtens im Schlaf schnell fest, das Kingsport ganz in der Nähe der Traumlande liegt und sich hier dem kundigen Träumer rasch Tür und Tor öffnen. Und zum dritten gibt es finstere Geheimnisse in der Geschichte der Stadt und einen dunklen Kult, der trotz jahrhundertelanger Verfolgung noch immer existiert. Genug Stoff für spannende Abenteuer also?

Die ersten rund 100 Seiten des insgesamt 274seitigen Bandes widmen sich dann auch ausführlich der Beschreibung der Stadt, ihrer Geschichte und des umgehenden Kultes. Beim ersten Überfliegen dachte ich noch: „ein 80seitiger Stadtführer? Wer braucht denn sowas?“ Doch der gesamte Quellenteil ist nicht nur sehr unterhaltsam geschrieben, er sprüht auch vor vielen Ideen, die auf einen Einsatz in der eigenen Kampagne warten. Zahlreiche NSC werden vorgestellt und aus fast jedem Eintrag im Stadtführer kann man eine schöne Idee für ein laufendes Abenteuer oder gar ein neues Szenario ziehen. Der Quellenteil ist damit absolut vorbildlich gelungen und sehr auf Spielbarkeit ausgelegt; durch die praktische Nummerierung sollten sich auch während Spielsitzungen gesuchte Informationen rasch finden lassen.
Es schließen sich auf den nächsten 170 Seiten ingesamt 7 ausgearbeitete Szenarien an, auf die ich jeweils nur kurz eingehen möchte.

Träumereien & Kapricen führt die Charaktere ein wenig an die Thematik der Traumlande heran. Ein junger Mann wird tot an die Küste Kingsports gespült, und nachdem die Charaktere die Ermittlungen aufgenommen haben, werden sie plötzlich von düsteren Alpträumen geplagt… letzten Endes ist „Träumereien & Kapricen“ eher eine lose Sammlung aufeinander aufbauender Alpträume, denn ein richtiges Szenario; als Ideenfundgrube vielleicht zu gebrauchen, mehr aber leider nicht.
Tot im Wasser lautet der Titel des zweiten Szenarios, dass die Charaktere auf der Suche nach einigen verschwundenen Fischern direkt an Bord eines Geisterschiffes treibt. Obwohl das Szenario Bezug auf die Geschichte der Stadt Kingsport nimmt, ist es doch das generischste in diesem Band und kann am einfachsten umgesiedelt werden. Das macht es jedoch nicht schlechter. Eine recht klassische Geisterschiffgeschichte, aber mit tollem Spannungsbogen und schön klischeebeladenen Gegnern. Von mir gibt’s dafür eine gute Note.
Die Hure von Baharna erwartet die Charaktere in den Traumlanden; um das Rätsel um diese verstörende Person zu lösen, müssen sie aber auch dem wachen Kingsport einen Besuch abstatten… Hier zeigt sich zum ersten Mal, wie gut das Zusammenspiel zwischen Traum und Realität in Kingsport funktionieren kann. Leider werden kaum Informationen über die Traumlande mit auf den Weg gegeben; zwar werden viele phantastische Namen und Orte erwähnt; wer jedoch nicht im Besitz eines Traumlandebandes ist, wird sich sehr viel selbst zusammenreimen müssen. Schade, aber funktioneren sollte dieses hübsche Abenteuer auch so.
Das Bildnis ist eine eher klassische Detektivgeschichte, die im Künstlermilieu von Kingsport angesiedelt ist. Viele interessante NSC und ein wirklich widerlich agierender Antagonist zeichnen das Abenteuer aus; das dazu noch Alpträume in den Plot gehören, ist wohl der Lokalität Kingsport geschuldet. Sicherlich ein starkes Szenario, das einen Blick lohnt.
In Eternity heften sich die Charaktere auf die Spuren dreier seltsamer Seemänner, die plötzlich in der Stadt auftauchen und innerhalb einer Woche für eine Menge Chaos, Unheil und Tod sorgen werden. Dazu gibt es noch zwei Nebenstränge, die mit der Haupthandlung verwoben werden können und die Charaktere ablenken können. Das Szenario ist eigentlich gut gemacht; der Hintergrund könnte aber ebenso nicht jedermanns Geschmack sein wie das bewußt offen gehaltene Ende. Wer sich darauf einlassen kann oder ein wenig an den Ecken herumschraubt erhält ein typisches Recherche-Abenteuer mit viel, viel Action.
Als nächstes eröffnet ein verwirrter Professor eine Hexenjagd auf die Bewohner Kingsports. Keiner weiß so recht, wie die Opfer umkommen und ob sie in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. Und falls ja – in welcher…? Es kommt also einiges an Detektivarbeit auf die Charaktere zu, sie stehen aber auch ordentlich unter Zeitdruck, wollen sie weitere Morde verhindern. Das geplante Finale des Szenarios ist sehr pulpig gehalten und es ist wohl Geschmackssache, ob man soviel Pulp in seiner Cthulhu-Runde haben möchte. Insgesamt aber ein gutes Szenario.
Das abschließende Das Haus am Rande ist wieder eher eine Ideenfundgrube, weist es doch eine sehr dünne Handlung mit zwei aufeinanderfolgenden Besuchen eines hochgelegenen Hauses auf. Wer wirklich viel in Kingsport erlebt hat, der wird hier vielleicht nochmal ein wenig nostalgisch zurückblicken können; für alle anderen lohnt sich das Szenario in der Form eher nicht.

Optisch gibt es – wie so oft – mal wieder nichts zu meckern. Das von Manfred Escher gestaltete Cover fängt gut die Stimmung und Atmosphäre des Ortes Kingsport ein. Der gesamte Band ist als alter Foliant gestaltet, wirklich sehr reichhaltig und stimmungsvoll bebildert, und mit hübschen Schriften und einem klar lesbaren Schriftbild ausgestattet. Klar erkennbare Extrakästen geben Zusatzinformationen preis. Das Hardcover wirkt stabil, ein Lesebändchen rundet den postiven Gesamteindruck ab.

Fazit: Kingsport ist eine spannende und entspannende Stadt. Der Band wird beiden Aspekten durchaus gerecht und weiß an vielen Stellen zu gefallen. Der Stadtführer ist für den geneigten Spielleiter, der seine Gruppe nach Kingsport führen möchte, wahrlich Gold wert. Viele der mitgelieferten Abenteuer enthalten gute Ideen und gute Szenen, die sich sofort einsetzen lassen. Layout und Optik sind von gewohnt hoher Qualität. Wer einen Besuch in Kingsport plant, sollte sich diesen umfangreichen und gut geschriebenen Band unbedingt besorgen. Doch auch alle anderen finden hier sicherlich die ein oder andere gute Idee für ihre Kampagne.

PS: Weitere Rezensionen bei…
Rollenspiel-Almanach
Roter Dorn
Ringbote

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