Rezension: China – Cthulhu im Reich der Mitte

Eine elegante Möglichkeit, um etwas neuen Schwung in eine eingefahrene „Cthulhu“-Kampagne zu bringen, bietet sicherlich der Wechsel des Geschehens an einen exotischen Ort. Und damit es die Charaktere nicht immer nach Ägypten verschlagen muss, erschließt Pegasus mit dieser PDF-only-Veröffentlichung nun China, das Reich der Mitte, als cthuloiden Schauplatz.

„China – Cthulhu im Reich der Mitte“ wäre in früheren Jahren wohl als Sonderband in der Reihe „Cthuloide Welten Bibliothek“ aufgehoben gewesen. Es gehört zu den Vorteilen des neu erschlossenen Mediums PDF, dass der Spielerschaft weiterhin Zusatzmaterial neben den Hardcover-Publikationen angeboten werden kann. Der Autor Stefan Franck hat es sich zur Aufgabe gemacht, das riesige chinesische Reich für „Cthulhu“-Spielleiter und -Spieler zu erschließen.

„China“ beginnt mit einem ausführlichen Regionalia-Artikel im Stil der „Cthuloide Welten“. Einem knappen Abriss über die Jahrtausende währende Geschichte des Landes folgt die Beschreibung der politischen Situation in den 1920ern. Kolonialmächte und chinesische Republikaner prägen das Bild dieser Zeit, eine Mischung, die einigen Zündstoff verspricht. Die nächsten Seiten beschäftigen sich umfangreich mit Land und Leuten, dem Alltag der Chinesen und dem chinesischen Weltbild um Yin und Yan. Der Autor stellt wichtige Persönlichkeiten des Landes vor, und natürlich werden auch die wichtigsten Städte und Ortschaften Chinas kurz präsentiert. Außerdem wurde ein kurzes Kapitel den exotischen chinesischen Waffen gewidmet, von denen einige hier mit Spielwerten angeboten werden. Der gesamte Regionalia-Teil ist dabei eher nüchtern geschrieben, was es dem Spielleiter manchmal schwer machen kann, sich in die zu transportierende Stimmung zu versetzen.

Ein eigenes, umfangreiches Kapitel kümmert sich um den Mythos in China. Hier findet der interessierte Spielleiter eine fundierte Mischung aus Kulten, Monstrositäten und Geheimorganisationen, die er in seinen eigenen Szenarien einsetzen kann. Mitgeliefert werden zahlreiche Nichtspielercharaktere, unzählige Abenteuerideen sowie eine ganze Handvoll kurzer Szenario-Beschreibungen, die als Inspiration und Quelle für zahlreiche Spielabende im Reich der Mitte dienen können.

Die nächsten 50 Seiten nehmen dann zwei komplett ausgearbeitete Szenarien in Anspruch. Beide Szenarien sind nach dem für „Cthulhu“-Publikationen üblichen Schema aufgebaut: einem kurzen Überblick über das Geschehen folgt das eigentliche Szenario; Spielwerte und Handouts werden jeweils in einem separaten Anhang zusammengefasst. Diese Herangehensweise ist bewährt und erprobt und erleichtert das Vorbereiten und Leiten der Szenarien.

In „Das Erbe des Hyperboräers“ nehmen die Charaktere am Bau einer Eisenbahnlinie durch das chinesische Hinterland teil. Durch den Fund uralter Artefakte wird der Bau verzögert, sodass die Charaktere sich bald in Schwierigkeiten wiederfinden: Nicht nur weltliche Probleme durch fremdenfeindliche Einheimische tun sich auf, auch der Mythos hält unbarmherzig in die Handlung Einzug und muss aufgehalten werden. Auch in „Die weiße Schlange“ geht es vordergründig um den Hass auf die fremden „Westler“, fallen doch immer mehr Europäer einer geheimnisvollen Mordserie in Peking zum Opfer. Natürlich hat auch hier das Übernatürliche seine Finger im Spiel. Das Aufklären der Verbrechen erfordert eine Menge Detektivarbeit, während ein zweiter, hiermit verbundener Handlungsfaden ganz untypisch die Liebe in Spiel bringt …

Beiden Szenarien ist ein sehr komplexer Handlungsablauf und das Ineinandergreifen verschiedener Handlungsstränge gemein. Außerdem gehen sie gekonnt auf chinesische Bräuche und Gepflogenheiten ein und führen eine Vielzahl typisch chinesischer Nichtspielercharaktere ein. Damit erfordern sie einen hohen Vorbereitungsaufwand durch den Spielleiter; belohnt wird er dafür allerdings mit außergewöhnlichen Schauplätzen und unverbrauchten Szenarienideen, sodass sich der Aufwand durchaus lohnt.

„China – Cthulhu im Reich der Mitte“ ist optisch ähnlich wie die übrigen PDF-only-Veröffentlichungen gestaltet. Das Dokument ist reich bebildert, die Seiten wie die eines altertümlichen Folianten aufgemacht. Leider wird durch die zahlreichen Schnörkel und den grauen Hintergrund die Schrift manchmal etwas unleserlich. Insgesamt würde ich das Layout aber als ansprechend und hübsch bewerten. Besonders aufmerksam möchte ich auf die von Thorsten Kettermann wirklich schön gestalteten Karten machen, die durch ihre Ausschmückungen wunderbar chinesisches Flair transportieren.

Fazit: „China – Cthulhu im Reich der Mitte“ ist sicherlich eine lohnenswerte Anschaffung. Der Regionalia-Teil ist mir etwas zu nüchtern geraten und die Szenarien erfordern eine Menge Vorbereitungszeit. Nichtsdestotrotz findet der interessierte Spielleiter hier eine wahre Fundgrube cthuloiden Wissens, um seinen Spielern einmal einen wirklich exotischen Schauplatz zu gönnen. Wer plant, Szenarien im Reich der Mitte anzusiedeln, kommt um dieses gut recherchierte und geschriebene PDF wohl nicht herum. Alle anderen könnten zumindest einmal einen Blick riskieren, ob sich ein Schauplatzwechsel nicht lohnen mag.

Diese Rezension erschien ursprünglich auf Ringbote.de.

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