Rezension: Expeditionen

Heute haben wir wieder ein echtes Schätzchen aus dem Fundus der Pegasus-Publikationen auf dem Rezensionstisch. „Expeditionen“ ist bereits seit Jahren ausverkauft und auf dem Sekundärmarkt nur noch zu Phantasiepreisen erhältlich, die wohl nur noch vom Horror im Orient-Express getoppt werden. Doch ist der vorliegende Band das auch wert?

„Expeditionen“ kommt als stabilder Hardcoverband daher. Auf insgesamt 174 Seiten finden sich – neben dem obligatorischen Vorwort – nicht nur fünf fertig ausgearbeitete Szenarien, sondern auch ein ausführlicher Hintergrundartikel, der sich mit dem Warum und Wohin von Expeditionen beschäftigt und auch gleich ein einfaches, sauberes Regelsystem zum Abbilden größerer Expeditionen mitliefert. Leider wurde dem Band kein Lesezeichen spendiert, aber da bin ich vielleicht auch ein wenig zu verwöhnt.

Reden wir über den Inhalt:
Wege ins Unbekannte ist der oben bereits kurz angesprochene Hintergrundartikel. Das vorgestellte Regelsystem ist prägnant und simpel und reiht sich damit gut in die Cthulhu-Regeln ein. Leider, leider, leider ist mir der Hintergrundteil aber zu kurz geraten: warum erfahren wir nicht mehr über berühmte Expeditionen zwischen 1890 und 1930, über ihre Schicksale und Expeditionsleiter? Warum erfahren wir nicht mehr über die noch vorhandenen weißen Flecken auf den Landkarten? Sicher ist Expeditionen nicht als Quellenband ausgeschrieben, aber ich hätte mir an dieser Stelle einfach mehr Informationen gewünscht. Die Cthuloiden Welten haben an späterer Stelle diese Lücke noch teilweise geschlossen, aber die Informationen an dieser Stelle versammelt zu sehen hätte in meinen Augen einfach hervorragend gepasst.
Ewiges Eis von Sebastian Weitkamp ist dann gleich das erste Szenario, das die Charaktere auf 33 Seiten nach Grönland führt. Der Absturz eines Luftschiffes ist der Grund für eine Rettungsmission, an der die Charaktere teilhaben können. Vor Ort trifft man auf die üblichen Verdächtigen: Kultisten, Monster und geheimnisvolle Gottheiten, die Wahn und Zerstörung bringen – insofern die Charaktere sie nicht aufhalten können. Das klingt ein wenig nach einem Durchschnittsszenario – durch die gut durchdachten Nichtspielercharaktere in Form der Expedition und den ungewöhnlichen Schauplatz hebt es sich jedoch angenehm aus der Masse ab.
Herz der Finsternis von Ingo Ahrens wiederum kommt fast ohne Mythosbezug aus: auf der Suche nach einer urzeitlichen Echse beschifft eine große Expedition den Kongo. Hier werden sie auf eine falsche Fährte und hin zu einer aufgegebenen Handelsstation gelockt, in der ein augenscheinlich Verrückter eine Schreckensherrschaft aufgebaut hat. Ein ungewöhnlicher Einstieg, viele starke Szenen während der Expedition und nicht zuletzt ein großes moralisches Drama im Finale machen dieses Szenario zu einem wahren Schmuckstück; allerdings ist es auch nicht unkompliziert.
Es folgt Curso Cannibale von Matthias Oden, das die Charaktere auf eine Expedition durch den südamerikanischen Regenwald schickt. Ein reicher Erbonkel hat vor das Erbe den Schweiß gesetzt, so daß sich eine kleine Gruppe in einem Wettrennen quer durch das Amazonas-Gebiet schlagen muß. Hierbei erweist sich nicht nur die einheimische Tierwelt als äußerst hungrig… Der süffisante Schreibstil, der dezente Umgang mit dem Mythos, die geniale Einstiegsmotivation und nicht zuletzt die unvergesslichen NSC lassen Curos Cannibale zu meinem persönlichen Liebling aus dem Band avancieren.
Die vergessene Stadt von Michal Cisco spielt in den Anden, wo die Charaktere auf der Suche nach einer verschollenen Expedition eine untergegangene Inkastadt untersuchen können. Die richtigen Mittel und höchste Konzentration aller Beteiligten vorausgesetzt lassen sich hier auch wunderbar gruselige Szenen erleben. Doch letztendlich ist das Szenario durch seine Handlungslosigkeit schon zu sehr von den Künsten der Gruppe abhängig, um wirklich empfehlenswert sein zu können. In meinen Augen das schwächste Szenario in vorliegendem Band, aus dem Schauplatz hätte man mehr machen können.
Die letzte Ruhe der Minna B. von Peer Kröger strotzt dann wieder vor guten Ideen und interessanten Nichtspielercharakteren. Ein verschwundenes Schiff und ein Matrose, der plötzlich am anderen Ende der Welt auftaucht: das sind die Zutaten, die die Charaktere nach Papua-Neuguinea führen werden. Hier treffen sie auf Eingeborene und Missionare. Doch worauf noch…? Die Grundidee des Szenarios ist wirklich großartig, die eigentliche Expedition tritt aber leider ein wenig in den Schatten. Das macht das Szenario sicher nicht schlecht, aber bezogen auf den Titel des Bandes fehlt hier halt ein bißchen.

Die grafische Aufmachung ist – wie man es von Pegasus-Publikationen fast gewohnt ist – großartig zu nennen. Die Seiten sind im Stil eines alten Folianten aufgemacht, die gewählten Schriftarten sind stilvoll und gut lesbar, die verwendeten Photographien zahlreich und passend, die Karten und Handouts ansprechend gestaltet. Das Cover wurde von Manfred Escher im „gewohnten“ Stil angelegt und zeigt mit Tentakeln, Schriftzeichen, Laub und einer Inkapyramde alles, was ich von einer cthuloiden Expedition erwarten würde. Für Layout und Design gibt es eine gute Note!

Fazit: Der Band ist großartig und sicherlich seine aktuellen Phantasiepreise wert. Vier von fünf Szenarien sind echte Highlights unter den auf deutsch verfügbaren Abenteuern und das fünfte immerhin eine gute Fundgrube für unheimliche Szenen. Das nebenbei auch noch Regeln für die nächste eigene Expedition mitgeliefert werden ist ein nettes Gimmick. Fünf von sechs Sternen, wobei der sechste Stern dem schwachen „Die verlorene Stadt“ und dem zu kurz geratenen Quellenteil zum Opfer fiel.

PS: Weitere Rezensionen:
Roter Dorn
DroSi
Ringbote

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4 Kommentare zu “Rezension: Expeditionen

  1. Pingback: Rezension: Weiße Spuren | Seanchui goes Rlyeh

  2. Pingback: 1W12 cthuloide Begegnungen in der Wildnis | Seanchui goes Rlyeh

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