Rezension: Der Hexer von Salem

Mit dem heutigen Abend gehen gleich vier Rezensionen zum gleichen Thema auf dieser Seite online. Der Grund: ich habe mich in den letzten Wochen intensiv mit (fast) der gesamten Produktpalette zu dem Rollenspiel „Der Hexer von Salem“ beschäftigt, und werde meine Meinung zu diesem Thema nun gebündelt hier vorstelle.

Das Konzept hinter „Der Hexer von Salem“ war eigentlich relativ einfach: Pegasus Press versuchte, durch die Verquickung der bekannten und oft prämierten Cthulhu-Regeln mit einem bekannten Namen der deutschen Autorenschaft als Zugpferd neue Käuferschichten für ihre Rollenspiele zu erschließen. Wolfgang Hohlbeins Hexerromane erfreuen sich immerhin seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts einer ungebrochenen Bekannt- und auch Beliebtheit; vielleicht ließ sich über seinen Namen der eine oder andere Neukäufer gewinnen?

In der Szene der bestehenden Cthulhu-Spieler wurde dieser Ansatz damals durchaus kontrovers diskutiert; immerhin erschuf Lovecraft, gedanklicher Vater des Mythos (auch wenn er ihn in dieser Form nicht niederschrieb) eine Form von intelektuellem Horror, der den Geschichten um den Hexer Robert Craven, die Hohlbein in Groschenromanform veröffentlichte, scheinbar völlig zuwider lief. Natürlich, Hohlbein nutzte einige von Lovecrafts Erfindungen (wie die Großen Alten, Cthulhu persönlich, das Necronomicon und auch einige andere Bekannte lassen sich im Universum des Hexers wiederfinden); allerdings transportierte er all diese Faktoren weg aus der Unverständlichkeit kosmischen Grauens, die Lovecraft streckenweise meisterhaft niederschrieb und verfrachtete sie in eine überdrehte, actionreiche und klischeehafte Welt, in der Hexer Helden waren und den Großen Alten mehr als einmal ein Schnippchen schlugen.

War es da ratsam, einem Rollenspiel, das stets ein Hauch von Intellektualität umwehte, einen action- und klischeebeladenen Halbbruder an die Seite zu stellen? Wer sollte das kaufen? Wie sich später leider herausstellen sollte, konnte der Hexer damals leider weder alte noch neue Käufer von seinen Qualitäten überzeugen und die Produktlinie wurde nach nur vier Publikationen (gefolgt von zwei Abenteuerspielbüchern, die ich an dieser Stelle aber nicht behandeln möchte) wieder eingestellt. Lag es an der Qualität oder an der falschen Erwartungshaltung möglicher Konsumenten?

Eröffnen möchte ich den kleinen Reigen Rezensionen natürlich mit dem Hexer-Grundbuch. Über die Hintergrundwelt habe ich oben bereits ein wenig verraten und mehr soll an dieser Stelle auch nicht nötig sein. Der dicke Wälzer, der „Der Hexer von Salem“ geworden ist, umfaßt insgesamt 264 Seiten, kommt in äußerst stabilem Hardcover und mit Lesebändchen daher und hebt sich durch das gezeichnete Cover und die roten Zierbalken angenehm deutlich von den übrigen Cthulhu-Publikationen ab. Auch die Innenillustrationen sind durch ihren sepiaartigen Stil und die gewählten Motive anders als in üblichen Cthulhu-Publikationen. Man merkt dem gesamten Band an, dass er zwar cthuloid ist – aber eben kein Cthulhu-Band. Eine gelungene Gradwanderung. Der Klappentext verspricht alle erforderlichen Regeln und Hintergrundinformationen – und er hält sein Versprechen!

Das Buch ist ein Füllhorn des Wissens, wenn es um das Thema „Der Hexer von Salem“ geht. Einem völlig ausreichenden Regelteil (dazu später mehr) folgt eine Zusammenfassung ALLER Hexergeschichten in der chronologischen Reihenfolge. Anschließend geht es ans Eingemachte: Kreaturen und Monster, zahlreiche Nichtspielercharaktere und Geheimorganisationen, Schauplätze (wie das Haus des Hexers oder die Pension Westminster), Zauberbücher, Zauber und Artefakte werden vorgestellt. Das klingt nach viel, und das ist es auch! Abgeschmeckt wird der angenehme Cocktail mit Spielleitertipps und einem wirklich schicken Abenteuer, „Das Erbe der Templer“, das bereits alleine den Kauf des Buches rechtfertigt, lassen sich doch zahlreiche Szenen auch für eigene Zwecke ausschlachten.

Die Geschichte des Hexers wurde dabei (extra für das Rollenspiel) subtil bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts fortgeführt; natürlich finden sich auch für diese Ära Schauplätze, Personen, Artefakte und Kreaturen in dem Buch wieder. Eine Chronologie der Hexergeschichten in Kurzform, eine ausführliche Ausrüstungsliste, eine Waffenliste und ein Glossar runden das gewichtige Werk schließlich ab.

Im gesamten Werk werden dabei Unterschiede zu dem bekannten Cthulhu deutlich gemacht, Hohlbein verwendete Gegner, Monster und auch die Protagonisten anders als Lovecraft und die meisten seiner Jünger. Nirgendwo wird das deutlicher, als in den angenehm kurzen Regeln: mit ein paar wenigen Änderungen ist es Heiko Gill gelungen, aus den Cthulhu-Charakteren (die ja gewollt „normale Menschen“ darstellen sollen) Helden zu machen, die sich auch einmal todesmutig von einem fahrenden Zug schmeißen können um im Anschluß mit einen Haufen Templer die Klinge zu kreuzen. Die Regeländeren sind subtil und wirksam; jeder der die Cthulhu-Regeln bereits kennt, fühlt sich meist heimisch und doch ist es ein ganz anderer Spielstil, der hier gefördert wird.

Und da ist letztendlich auch das Besondere des Hexers: er will keine cthuloide Runde in die Welt von Robert Craven übertragen. Natürlich kann man auch hier Cthulhu treffen. Aber die Wahl der Waffen ist nunmal eine völlig andere. Das Spiel kannibalisiert sich in keinster Weise mit seinem „großen Bruder“, es ist etwas völlig eigenständiges, anderes. Gefällt es mir? Ja, es gefällt mir sogar ausnehmend gut. Der Band ist hervorragend recherchiert, umfangreich, enthält zahllose liebevolle Detailinformationen und Hilfestellungen UND ist optisch hervorragend gemacht. Und – vielleicht das wichtigste – er funktioniert eigenständig und neben den übrigen Cthulhubänden als wunderbare Abwechslung zu Altbekanntem.

PS: Weitere Meinungen bei…
Ringbote.de
Buch Eibon

Advertisements

Ein Kommentar zu “Rezension: Der Hexer von Salem

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s