Rezension: New Eden

Meine Suche nach älterem, cthuloiden Rollenspielmaterial geht weiter. Und da ich inzwischen echt Spaß daran gefunden habe, dieses Material auch zu rezensieren, habe ich die neue Kategorie „Rezensionen“ angelegt – Ihr findet sie rechts am Rand; hierunter sind dann alle Rezensionen aus diesem Blog zu finden.

In „New Eden“ aus dem Omen-Verlag verschlägt es die Spieler nach Südafrika. Das Szenario ist 1901 angesiedelt. Zu dieser Zeit tobt dort gerade der Burenkrieg zwischen den Burenrepubliken und dem britischen Empire. In diesem – meist auf äußerst grausame Art und Weise geführten – Krieg werden zum ersten Mal „Konzentrationslager“ eingesetzt; hier werden von den Briten Buren festgesetzt, deren Farmen während des Krieges niedergebrannt wurden. Während des Krieges sollen viele Tausend Menschen in diesen Lagern aufgrund der katastrophalen Umstände sterben. Und genau in ein solches Lager verschlägt es die Charaktere – und nicht nur rein menschliche Abgründe harren den mutigen Investigatoren…

Das Layout des 64 Seiten starken Bandes ist durchaus ordentlich und weiß zu gefallen. Im Stile der Veröffentlichungen der Fantastische-Spiele-GbR ist ein Zierrahmen angelegt (der allerdings nicht so blumig und damit etwas passender ausfällt), viele alte Schwarz-weiß-Photographien aus Afrika zieren den Band und die verwendeten Zeichnungen sind auch nicht grauslig anzusehen. Das Schriftbild ist allerdings ein bißchen eng gedruckt – zwar erweckt das den Eindruck, man hätte Platz sparen müssen um auf 64 Seiten zu bleiben (was ja durchaus für die Menge des Materials spräche), allerdings stelle ich mir die Schrift für die diffuse Beleuchtung eines typischen (Horror-)Rollenspielabends einfach zu unleserlich vor. Nichts desto trotz gibt es für das Layout eine gute Note.

Kommen wir zum Aufbau des Bandes. Hier zeigen sich nun leider erste Schwächen. Der Band beginnt vorbildlich mit ausreichendem Hintergrundmaterial rund um die Burenkriege; so ist ein Spielleiter halbwegs für die Fragen der Spieler gewappnet und weiß auch Hintergründe zu präsentieren. Daran im Anschluß werden Beispielcharaktere vorgestellt, die für die Spieler gedacht sind; es ist allerdings auch an allgemeine Hinweise gedacht worden, wenn das Abenteuer in eine laufende Kampagne integriert werden soll.

Es folgen Kapitel für die Anreise zum Konzentrationslager „New Eden“, für die ersten Tage, für besondere Ereignisse. Leider, und hier muß ich wirklich sagen „leider“, sind die Beschreibungen der Charaktere immer in diesen einzelnen Kapiteln untergebracht. Es findet sich zwar ein Anhang mit Spielwerten (eine kurze Tabelle, mehr nicht), allerdings reicht das natürlich nicht aus um Aussehen/Motivation/Zugehörigkeit zum Abenteuer von zahlreichen Nichtspielercharakteren (und es gibt wirlich einige) im Kopf zu behalten. Da die Beschreibungen der Charaktere in den Kapiteln auch grafisch kaum abgesetzt (z. B. in einem Extra-Kasten) sind und die gewählte Schriftart ohnehin (wie erwähnt) eher anstrengend zu lesen ist, ist die Sucherei nach den entsprechenden Charakteren vorprogrammiert und wird lange dauern. Ein getrennter Anhang mit kurzen Beschreibungen der Charaktere wäre hier deutlich mehr gewesen!

Am Ende des Bandes findet sich dann besagte NSC-Tabelle (deren Nutzen ich in dieser Form stark anzweifeln möchte) sowie 2-3 Handouts die nicht schön aber wohl praktisch sind… allerdings sind sie inhaltlich auch wiederum so kurz, dass jeder Spielleiter sie besser am Bildschirm kurz nacharbeitet… damit sie auch nach etwas aussehen.

Kommen wir nun zur inhaltlichen – und damit schwerwiegendsten – Kritik. Ich persönlich halte das Abenteuer in dieser Form nämlich für unspielbar.

Versteht mich nicht falsch: es ist gut geschrieben, die Rahmenbedingungen sind gesteckt, es sind zahlreiche Hinweise zu ergründen, Fakten offen zu legen, die Charaktere können schnüffeln und es kommt zu handfester Action; außerdem sind die operierenden Kultisten gut dargestellt und der Autor hat zahlreiche Möglichkeiten bedacht und beschrieben, die während des Lageraufenthalts passieren können. Insofern eigentlich ein hervorragender Abenteuerband, der viel Abwechslung und Möglichkeiten bietet.

Aber: um das cthuloide Grauen, dass durch das Lager schleicht und Menschen verschwinden läßt, hat der Autor noch zahlreiche rein menschliche Abgründe mit eingeführt. Das fängt mit schikanösen Maßnahmen der stationierten Soldaten an, geht aber noch viel weiter: Da werden widerliche Gift-Experimente an den Insassen des Lagers durchgeführt; die Lagerverwaltung wirtschaftet einen Hauptteil des Geldes für Nahrungsmittel in die eigene Tasche; der Lagerkommandant ist ein perverser Verrückter, der gerne Waisenkinder in seinem Kleiderschrank aufhängt… die wenigen Soldaten mit Moralvorstellungen ziehen ein abendliches „Russisches Roulette“ der Meldung an die Vorgesetzten vor und so weiter, und so weiter… Ich persönlich stelle mir die Frage, ob ich an einem „Spiele“abend tatsächlich mit diesen Grausamkeiten konfrontiert sein möchte.

Letztendlich muß jede Gruppe natürlich für sich selbst entscheiden, wieviel menschlichen Horror sie tatsächlich in ihrem Abenteuer haben möchte; hier wiederum bietet der Band genug optionale Ereignisse um sie stattfinden zu lassen – oder eben auch nicht. So laßen sich verschiedene Dinge problemlos aus der Handlung streichen, so dass jede Gruppe sich gerade soviel menschliche Abgründe aussuchen kann wie nötig ist, um den Spielspaß nicht zu gefährden. Und darum geht es doch: Spielspaß. In der vorliegendem Form des Abenteuers bilden sich eher Ohnmacht und Magenschmerzen.

Aufgrund der guten Bebilderung, des ungewöhnlichen Hintergrunds und Schauplatzes sowie der zahlreichen optionalen Möglichkeiten dieses Szenarios gibt es von mir ein „Daumen hoch“. Vor dem Einsatz würde ich aber jedem Spielleiter dazu raten, das ein oder andere Motiv zu streichen.

 

 

PS: weitere Renzensionen zu New Eden:

Drosi die Erste
Drosi die Zweite
Drosi die Dritte
Arkham Chronicle

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4 Kommentare zu “Rezension: New Eden

  1. Man kann sich auch die Frage stellen, ob man an einem Kino-Abend wirklich mit solchen Grausamkeiten wie in Pan’s Labyrinth oder gar bei Schindlers Liste konfrontiert werden möchte…

    Natürlich muss man den eigenen Geschmack und den seiner Mitspieler bei der Auswahl der Abenteuer berücksichtigen, aber es ist unfair, ein Szenario, welches den eigenen Geschmack nicht trifft, weil man in seinem Horror-Erzählspiel eigentlich nicht so viel Horror haben möchte, deswegen als „unspielbar“ zu bezeichnen, und man sollte sich auch fragen, ob man der Intention der Autoren gerecht wird, wenn man die von ihnen vorgegebene Rahmenhandlung willkürlich „weichspült“ (nicht deswegen, weil man ihnen dadurch ein Unrecht antäte, sondern weil dadurch möglicherweise die der Geschichte eigene Stimmung verfälscht und das Abenteuer somit weniger überzeugend wird).

    Ich will hier nur noch sagen: Pan’s Labyrinth ist ein großartiger Film, aber wenn man seine menschlichen Abgründe aus ihm hinauskürzte, bliebe lediglich eine Art Unendliche Geschichte übrig.

      • Es geht ja nicht unbedingt darum, welchen Film ICH besser finde (wobei das wohl auch auf die Unendliche Geschichte hinauslaufen würde…). Die Unendliche Geschichte ist auf seine Art (sicherlich auch wegen der hervorragenden Buchvorlage) ein Meilenstein des Kinos; von Pan’s Labyrinth wird in wenigen Jahren niemand mehr sprechen, schätze ich.

        Im Übrigen denke ich – und das läuft wohl wirklich konträr zu Deiner Meinung – dass die explizite Gewaltdarstellungen in Pan’s Labyrinth hauptsächlich schockierend/provozierende Elemente in den Film bringen und nicht dem besseren Verständnis der Handlung dienen oder diese sogar voran bringen.

        Letztendlich hinkt aber m. E. der Vergleich zwischen Film und Spiel an dieser Stelle zu sehr, um noch weiter in’s Detail gehen zu müssen.

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